Silvio Gesell und die EZB: Negativzinsen als Konjunkturmotor?

Silvio Gesell und die EZB: Negativzinsen als Konjunkturmotor?

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Die Idee von Silvio Gesell, ein Freigeld mit negativen Zinsen einzurichten, um die Konjunktur in Krisenzeiten zu stützen, galt für viele Ökonomen lange Zeit als abwegig. Die EZB hat mit ihren Negativzinsen aber ein solches Konzept in die Praxis umgesetzt. Was steckt dahinter und kann es gelingen? Von Jörg Lichter

Anfang Juli 2012 wurde ein neues geldpolitisches Zeitalter eingeläutet. Damals senkte die Europäische Zentralbank (EZB) den Zinssatz für Bankeinlagen auf null. Kreditinstitute bekommen seither die Gelder, die sie bei der EZB hinterlegen, nicht mehr verzinst. Die Zentralbank zog mit diesem Schritt die Konsequenz aus der Tatsache, dass Geschäftsbanken die Liquidität, technisch die Geldbasis oder das Zentralbankgeld, mit der die EZB das System geflutet hatte, nicht in Form von Krediten in den Wirtschaftskreislauf weiterleiteten, sondern auf Konten bei der Notenbank deponierten.

EZB plant negative Einlagezinsen à la Silvio Gesell

Nun denkt die EZB daran, noch einen Schritt weiterzugehen und den Banken künftig negative Einlagenzinsen berechnen. Das Horten von Geld bei der EZB soll so „bestraft‘‘ werden.

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Oft ist zu lesen, dass die Notenbanker mit dem Konzept des negativen Einlagezinses auf das Werk eines wissenschaftlichen Außenseiters zurückgreifen würden: Silvio Gesell (1868-1930).

Silvio Gesell ist eine der schillerndsten Figuren der Volkswirtschaftslehre, ein Autodidakt, der nie eine Universität besuchte. Der aber dennoch eine eigene wissenschaftliche Denkschule etablierte, deren Ideen zu verbreiten, sich eine ganze Reihe von Silvio-Gesell-Gesellschaften verpflichtet fühlt.

Die Tatsache, dass führende Volkswirte wie John Maynard Keynes, Irving Fisher und der Nobelpreisträger Maurice Allais die ökonomischen Ideen Gesells in hohen Tönen lobten, steht in Kontrast dazu, dass dieser gelernte Kaufmann von den meisten modernen Ökonomen – zumindest bisher – als Irrlicht betrachtet wird.

Silvio Gesell: Theorie des Freigeldes

Allerdings lohnt es sich, Gesells Werk genauer anzuschauen, insbesondere mit Blick auf einen negativen Einlagenzins. In seinem 1920 veröffentlichten Buch „Die natürliche Wirtschaftsordnung‘‘ propagiert er eine Geldordnung, die die bestehenden Verhältnisse auf den Kopf stellt. Ursache allen ökonomischen Übels ist in seinem Modell das Horten von Geld. Denn dadurch werde dem Wirtschaftskreislauf das wichtige Tauschmittel entzogen. Wenn die Menschen Geld horten, gebe es zu wenig Nachfrage für das Warenangebot. Statt das Geldhorten – den mit Sparen verbundenen Konsumverzicht- mit Zins und Zinseszins zu belohnen, plädierte er für einen anderen Weg: Es sollten „rostende Banknoten‘‘ her, sogenanntes „Schwundgeld‘‘ oder „Freigeld‘‘, das – wenn es nicht zirkuliert, sprich ausgegeben wir – über die Zeit wertlos würde.

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Seiner Vorstellung nach sollte Bargeld jede Woche 0,1 Prozent des Wertes verlieren. Heute hätten am Ende eines Jahres 100 Euro also nur noch die Kaufkraft von 94,80 Euro – was einer Inflation von mehr als fünf Prozent entspräche. Die Idee: Der absehbare Wertverlust animiert die Verbraucher dazu, ihr Geld möglichst schnell auszugeben. Die Inflationserwartungen, die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes und damit die Nachfrage nach Gütern steigen. Wenn innerhalb eines Jahres eine Banknote zehnmal statt fünfmal ausgegeben wird, verdoppelt sich mit dem Handelsvolumen die Wirtschaftsleistung, so Gesells Vorstellung.

EZB, das Freigeld und die Konjunktur

Die EZB hegt heute ähnliche Vorstellungen: Sie geht davon aus, dass im Falle negativer Zinsen auf Einlagen die Geschäftsbanken lieber Kredite vergeben, für die sie Zinsen erhalten.

Den ersten Praxistest bestand das Gesellsche Freigeld – nach dem Tod des „Erfinders‘‘ – während der Weltwirtschaftskrise 1932/33 im österreichischen Wörgl. Die Kommune gab „Arbeitswertscheine‘‘ heraus, die durch den gleichen Betrag in österreichischen Schilling gedeckt waren und deshalb als gleichwertig betrachtet wurden. Allerdings verloren die Arbeitswertscheine, mit denen die Gemeinde von nun an bezahlte, am Ende jeden Monats ein Prozent ihres Wertes. Die 4.200 Bewohner des Ortes waren nun bestrebt, ihr Geld vor Monatsultimo auszugeben. Sogar Steuernzahlten die Bürger im Voraus. Im Ergebnis gelang es, die Arbeitslosenquote binnen Jahresfrist um 25 Prozent zu senken, während sie im übrigen Österreich weiter stieg. Die Nationalbank beendete das Experiment, weil sie keine Parallelwährung neben dem Schilling duldete.

Konjunkturpolitisch, d.h. wenn kurzfristige Einkommenseffekte im Mittelpunkt stehen, kann ein „Freigeld‘‘ also durchaus erfolgreich sein.

Grenzen der Theorie von Silvio Gesell

Aber: Ein negativer Einlagenzins kommt in Gesells Modell nicht vor, weder bei der Zentralbank noch bei den Geschäftsbanken. Nur Bargeld verliert an Wert, nicht jedoch Giralgeld, das auf Bankkonten liegt. Er weist in seinem Werk von 1920 ausdrücklich darauf hin: „Man sagt, das Geld würde auch im Sparkassenbuch den Umlaufsverlust mitmachen, aber das ist Unsinn. Die Sparkasse schuldet mir so und so soviel Mark deutscher Reichswährung, nicht aber die Zettel, die ich ihr liefere. […] Also in Bezug auf die zurückzuerstattende Summe ist alles beim alten geblieben.‘‘

Dann hätte der Verbraucher, der nicht sein gesamtes Einkommen konsumiert, aber die Möglichkeit, der Flucht in das Giralgeld, um dem Wertverlust seines Bargeldes zu entgehen. Der konjunkturpolitische Effekt wäre zumindest gedämpft, in einer bargeldlosen Wirtschaft würde er völlig verpuffen. Daher müsste in unserer modernen Geldordnung auch das Giralgeld dem „Umlaufsverlust‘‘ unterliegen, um die von Gesell erhoffte Wirkung zu erzielen.

Freigeld vs. Sparen

Warum in diesem Fall noch jemand sparen sollte, bleibt unklar. Gesell geht davon aus, dass der Kapitalmarktzins auf null sinken wird, weil das Kapitalangebot die Investitionsnachfrage um ein Vielfaches übertrifft. Der Grund dafür ist, dass der durch das Freigeld verursachte allgemeine Wohlstand es der breiten Masse der Bevölkerung ermöglicht, mehr zu sparen. Die florierenden Unternehmen wiederum können ihre Investitionen größtenteils über die gestiegenen Gewinne finanzieren. Der Kapitalmarkt verliert an Bedeutung.

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Im Unterschied zur EZB setzt Gesell konjunkturpolitisch unmittelbar beim Konsumenten an, ist also nicht auf die Mithilfe des Bankensektors angewiesen. Dies kann ein Grund für die Wirksamkeit seiner „Medizin‘‘ sein. Über die längerfristigen wachstumspolitischen Effekte ist damit noch kein Urteil gesprochen.

Die EZB und Silvio Gesell in der Praxis?

Wie steht es nun um die konjunkturpolitischen Erfolgssausichten der EZB, durch den Negativzins die Wirtschaft anzukurbeln? Die dänische Zentralbank hat mit dieser Maßnahme 2012 keinen Erfolg gehabt, weil die Geschäftsbanken die Strafzinsen auf ihre Kreditzinsen aufgeschlagen haben. Sie konnte jedoch den Aufwertungsdruck auf die Krone mildern. Ein Ergebnis mit dem die EZB angesichts der starken Aufwertung des Euro in den letzten Monaten gut leben könnte.

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