Paul Krugman: Irrungen und Wirrungen des Nobelpreisträgers

Paul Krugman: Irrungen und Wirrungen des Nobelpreisträgers

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Paul Krugman forderte als Antwort auf die internationale Finanzkrise von 2008 eine stärkere Verschuldung des Staates, um so mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Dies ist ein Irrweg, der nicht den gewünschten Erfolg bringt. Eine Kommentar von Jeffrey D. Sachs

Seit mehreren Jahren und oft mehrmals im Monat hat der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, „New York Times“-Kolumnist und Blogger Paul Krugman eine Kernbotschaft an seine treue Leserschaft gerichtet. Sie lautet: Defizitreduzierende „Austerians“ (so bezeichnet er die Unterstützer von Sparmaßnahmen) geben sich einer Illusion hin. Ausgabenkürzungen bei einer schwachen privaten Nachfrage führten zu dauerhaft hoher Arbeitslosigkeit.

Die Irrungen des Paul Krugman

Ja, der Kongress und das Weiße Haus haben tatsächlich seit Mitte 2011 auf Sparmaßnahmen gesetzt. Das US-Haushaltsdefizit hat sich von 8,4 Prozent des BIP 2011 auf die für das Jahr 2014 geplanten 2,9 Prozent verringert. Dennoch ist die Arbeitslosenquote in den USA von 8,6 Prozent im November 2011 auf 5,8 Prozent im November 2014 gesunken. Und dabei ist das BIP im dritten Quartal 2014 um beachtliche fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Das deutet darauf hin, dass das Gesamtwachstum für 2015 die Drei-Prozent-Marke übersteigen wird.

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So viel also zu den Vorhersagen von Krugman. Nicht einer seiner Kommentare in der „New York Times“ im Verlauf der ersten Jahreshälfte 2013, als der Defizitabbau der „Austerians“ begann, deutete auf eine Verringerung der Arbeitslosigkeit oder auf eine beachtliche Erholung der Wirtschaft hin. Im Gegenteil. Er argumentierte, dass „die katastrophale Hinwendung zur Sparpolitik Millionen von Arbeitsplätzen vernichtet und das Leben von Menschen ruiniert“ habe. Deshalb sei „eine vollständige Erholung in weite Ferne gerückt“, so seine Warnung.

Die Wirrungen des Paul Krugman

Ich erinnere an diese Äußerungen, weil Krugman in seiner Kolumne über „Die Erholung unter Obama“ Ende 2014 sein eigenes Haupt mit Lorbeer bekränzt. Demnach habe die Erholung nicht trotz der Sparmaßnahmen, gegen die er seit Jahren wettert, eingesetzt. Sondern „weil wir offensichtlich die Zügel nicht mehr weiter anziehen: Die öffentlichen Ausgaben steigen nicht, aber immerhin gehen sie auch nicht mehr zurück. Und infolgedessen läuft die Wirtschaft viel besser.“

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Das ist unglaublich: Das Haushaltsdefizit ist deutlich gesenkt worden, und die Arbeitslosigkeit ist zurückgegangen. Aber dennoch sagt Krugman, alles sei so gekommen, wie er es vorhergesagt habe.

Das Paradox in Paul Krugmans Analyse

Tatsächlich verbindet Krugman zwei unterschiedliche Ideen so, als ob beide Komponenten eines „fortschrittlichen“ Denkens seien. Auf der einen Seite hat er immer die Rolle des sozialen Gewissens. Er fordert von den Regierungen, Armut, Krankheit, Umweltbelastungen, eine steigende Ungleichheit und sonstige soziale Missstände zu bekämpfen. Hierbei stimme ich mit ihm überein.

Andererseits hat sich Krugman aus unerklärlichen Gründen zum Fürsprecher einer rein nachfragegesteuerten Politik gemacht. Er erweckt so den Anschein, als ob das Inkaufnehmen von hohen Haushaltsdefiziten Teil einer fortschrittlichen Ökonomie sei.

Der makroökonomische Trend spricht eine andere Sprache

Offensichtlich erwecken die jüngsten Trends – ein deutlicher Rückgang der Arbeitslosigkeit und ein ziemlich hohes, sich beschleunigendes Wirtschaftswachstum – Zweifel an der makroökonomischen Diagnose von Krugman für die USA. Und derselbe Trend zeichnet sich im Vereinigten Königreich ab. Die Regierung von Premier David Cameron senkte das strukturelle Haushaltsdefizit von 8,4 Prozent im Jahr 2010 auf 4,1 Prozent im Jahr 2014. Gleichzeitig ging die Arbeitslosenquote von 7,9 Prozent zum Zeitpunkt der Amtsübernahme von Cameron auf sechs Prozent zurück.

Um es klarzustellen, ich glaube, dass wir in der Tat höhere Ausgaben der öffentlichen Hand für Bildung, Infrastruktur, kohlenstoffarme Energien, Forschung und Entwicklung und Transferleistungen für einkommensschwache Familien benötigen. Aber wir sollten diese Ausgaben über höhere Steuern auf hohe Einkommen und Nettovermögen, eine Kohlendioxid-Steuer und künftige Abgaben für die Nutzung von neu geschaffener Infrastruktur finanzieren. Wir brauchen die linke (liberale) Geisteshaltung, aber ohne einen chronisch unterfinanzierten Haushalt.

Hohe Staatsschulden bedeuten nicht gleich geringere Arbeitslosigkeit

Es ist nichts Fortschrittliches an einem hohen Haushaltsdefizit und an einem steigenden Anteil von Schulden am BIP. Letztendlich trägt ein hohes Defizit nicht zuverlässig zur Verringerung der Arbeitslosigkeit bei, und die Senkung des Defizits kann sehr wohl mit einer Verringerung der Arbeitslosenquote Hand in Hand gehen.

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2 Gedanken zu “Paul Krugman: Irrungen und Wirrungen des Nobelpreisträgers

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