Wachstum: Bremst Umverteilung die Wirtschaft?

Wachstum: Bremst Umverteilung die Wirtschaft?

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Bremst Umverteilung das Wachstum? Manche Kommentartoren sehen das so und bedienen sich dabei der ökonomischen Theorie. Die Empirie zeigt aber das Gegenteil. Von Prof. Dr. Bert Rürup

In jeder Gesellschaft, in archaischen Stammesgemeinschaften wie in modernen Industriegesellschaften, stellen sich zwei Grundprobleme:

  • Das Produktionsproblem, sprich die Erzeugung begehrter Waren und Dienstleistungen;
  • Das vorgelagerte Motivationsproblem, sprich wirksame Anreizmechanismen zu finden, die die Menschen veranlassen, die zur Bereitstellung knapper Güter erforderlichen Arbeitsleistungen zu erbringen.

Nicht-monetäre und monetäre Anreize zu arbeiten

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Die Anreize, die Menschen dazu bewegen, auf Freizeit zu verzichten und mit Anstrengungen verbundene Tätigkeiten auszuüben, lassen sich grob in nicht-monetäre und monetäre Anreize einteilen.

Zu den nicht-monetären Anreizen zählen

  • Titel (Key Account Manager),
  • Orden (Held der Arbeit),
  • Auszeichnungen (Mitarbeiter des Monats),
  • Privilegien (größeres Büro),
  • Versprechen auf ein berufliches Weiterkommen (Fortbildungsangebote),
  • betriebliche Gesundheitsleistungen oder auch
  • Verheißungen für ein Leben im Jenseits.

Höhere Entlohnungen, betriebliche Altersversorgung, Boni und Gratifikationen sind die wichtigsten monetären Anreize zur Stimulierung der Arbeitsmotivation. In Staaten des realexistierenden Sozialismus wurden derartige Einkommensdifferenzierungen mit „ökonomischen Hebeln“ oder „Prinzip der materiellen Interessiertheit“ umschrieben.

Ökonomische Theorie präferiert monetäre Anreize

Monetäre Anreize gelten als deutlich wirksamer im Vergleich zu den nicht-monetären Anreizen. Darum halten es die meisten Ökonomen für möglich, über Einkommensdifferenzierungen – z.B. eine Flat tax statt einer linear-progressiven Einkommensteuer – das Arbeitsangebot und die Investitionsbereitschaft zu erhöhen und damit das Wirtschaftswachstum zu stimulieren. Egalitäre Verteilungsstrukturen seien demgegenüber mit einem Verzicht auf eine höhere wirtschaftliche Gesamtleistung verbunden.

Ludwig Erhard und der Kuchen

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Darüber hinaus galt es lange Zeit als gesichert, dass eine Stimulierung der Wachstumskräfte – auch durch mehr Einkommensspreizung – letztlich auch den Beziehern niedriger Einkommen nützen würde. So schriebe Ludwig Erhard schon 1957 in seinem Bestseller „Wohlstand für alle“:

„Es ist sehr viel leichter, jedem Einzelnen aus einem immer größer werdenden Kuchen ein größeres Stück zu gewähren, als einen Gewinn aus einer Auseinandersetzung um die Verteilung des Kuchens ziehen zu wollen“ schrieb Ludwig Erhard schon 1957 in seinem Bestseller „Wohlstand für alle“.

Trickle-Down-Theorie und Umverteilung

Damit nahm er im Kern die viele Jahre später entwickelte angebotsorientierte Wirtschaftspolitik vorweg, die dann von Ronald Reagans Wirtschaftsberater David Stockman zur Trickle-Down-Theorie zugespitzt wurde. Danach sollen letztlich auch die Bezieher niedriger Einkommen davon profitieren, wenn die Reichen durch niedrigere Steuernreicher werden. Denn deren gestiegener Wohlstand würde durch höheren Konsum und höhere Investitionen das Wachstum steigern und somitauch zu den Ärmeren der Gesellschaft „durchsickern“.

Einkommensungleichheit = Wirtschaftswachstum?

Glaubt man daran, dann hätten die vergangenen zwei Jahrzehnte eine Phase starken Wachstums in vielen Ländern sein müssen. Denn seit mehr als zwanzig Jahren nimmt in den meisten Staaten der Welt die Einkommensungleichheit zu. Und zwar nicht nur die der Markteinkommen, sondern auch die der verfügbaren Einkommen, also der Einkommen nach den staatlichen Umverteilungsaktivitäten. Als Folge der vermuteten Motivationseffekte einer größeren Einkommensdifferenzierung auf das Arbeitsangebot und die Investitionsbereitschaft hätte man eine Beschleunigung des Wachstums erwarten können.

Der Gini-Koeffizient

Der Gini-Koeffizient ist ein allgemein akzeptiertes Maß zur Messung der Ungleichheitder Verteilung der Einkommen oder auch Vermögen in einer Gesellschaft. Entwickelt wurde er vom italienischen Statistiker Corrado Gini.

Bei totaler Einkommensgleichheit, bei der alle Haushalte das gleiche Einkommen beziehen, hat diese Kennziffer den Wert 0; der Wert 1 würde bedeuten, dass das gesamte in einem Land verdiente Einkommen einem einzigen Haushalt zufließt. Der Gini-Koeffizient kann für die Markt-oder Bruttoeinkommen wie für die Verfügbaren Einkommen berechnet werden. An der Differenz beider Koeffizienten lässt sich das Ausmaß der Umverteilung durch das staatliche Steuer-und Transfersystem ablesen.

In nahe zu allen der hier dargestellten Länder konnte ein Anstieg des Gini-Koeffizient beobachtet werden. Besonders rasant stieg die Ungleichheit der EInkommens- und Vermögensverhältnisse in Russland.
AIn nahe zu allen der hier dargestellten Länder konnte ein Anstieg des Gini-Koeffizient beobachtet werden. Besonders rasant stieg die Ungleichheit der EInkommens- und Vermögensverhältnisse in Russland.

Umverteilung eher wachstumsfördernd

Eine Beschleunigung des Wachstums ist jedoch nicht eingetreten. Dies nahmen jetzt drei Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) – Jonathan D. Ostry, Andrew BergundCharalambos G.Tsangarides – zum Anlass, den Zusammenhang zwischen Einkommensgleichheit, Umverteilung und Wirtschaftswachstum für alle 34 OECD-Länder und ein repräsentatives Panel von Nicht-OECD-Ländern zu untersuchen (Redistribution, Inequality and Growth, Februar 2014).

Das Fazit dieser empirisch wie theoretisch aufwändigenAnalyse lautet: Es gibt für die Gesamtheit der betrachteten Länder keinen empirisch nachweisbaren negativen Zusammenhang zwischen der Umverteilungsintensität und dem Wirtschaftswachstum. Eine wachsende Ungleichheit geht im internationalen Vergleich sogar eher mit leicht rückläufigen Wachstumsraten einher. Umgekehrt legt die Studie nahe, dass die für westeuropäische Staaten typische gemäßigte Umverteilung eher wachstumsfördernd als schädlich ist.

Wachstum und Umverteilung: Die Verteilung der Länder um die Trendlinie des Wirtschaftswachstums (bei zwei Prozent) ist so gut wiesymmetrisch und unabhängig von der Umverteilungsintensität.
Lesehilfe: Die Verteilung der Länder um die Trendlinie des Wirtschaftswachstums (bei zwei Prozent) ist so gut wiesymmetrisch und unabhängig von der Umverteilungsintensität.

Die Ergebnisse dieser Studie sind valide. Man darf aus ihnen aber nicht den Schluss ziehen, dass zum Beispiel eine Senkung des Einkommensteuertarifs oder Lohnzurückhaltung für ein einzelnes Land in einer konkreten Situation nicht angemessen sein können, um Beschäftigung und Wachstum zu stimulieren. Und genauso vorschnell und falsch wäre der Schluss, dass eine Politik der Einkommensnivellierung derwachstumspolitische Königsweg sei. Diese IWF-Analyse zeigt aber, dass die Zusammenhänge zwischen Einkommensumverteilung und Wachstum in der Realität offensichtlich komplexer sind als es die ökonomischen Standardmodelleunterstellen. DieTrickle-down-Theorie entsprang dem Zeitgeist der 1980er und 1990er Jahre, ist aber den Nachweis ihrer Gültigkeit schuldig geblieben.

Der Chefökonom

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