Europa am Vorabend der Deflation?

Europa am Vorabend der Deflation?

Das Bild zeigt einen Button für das Premium-Abo für der Chefökonom.

„Vorrangiges Ziel ist es, die Preisstabilität zu gewährleisten.“ Mit diesen Worten beschreibt Artikel 282 Abs. 2 des „Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union“ das Hauptziel der Europäischen Zentralbank. Die EZB selbst konkretisierte diesen Auftrag dahingehend, den Anstieg des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) bei „nahe unter zwei Prozent“ zu halten.

Argumente für Inflation

Eine jährliche Inflation von etwa zwei Prozent und nicht ein stabiles Preisniveau ist Ziel der Geldpolitik in allen Ländern. Dafür gibt es zwei Gründe:

  • Der technische Grund. Der durch einen Verbraucherpreisindex gemessene Preisanstieg überschätzt die tatsächliche Verringerung des Geldwertes in der Größenordnung von etwa 0,5 bis 1,5 Prozentpunkte pro Jahr. Dies geschieht vor allem, weil die stetigen Qualitätsverbesserungen bei etablierten Produkten (Computer, Elektronikprodukte oder Automobile etc.) sowie die Preiseffekte der laufenden Einführung neuer Produkte nicht erfasst werden (können).
  • Der politische Grund. Bei einem merklich unter zwei Prozent angesetzten Inflationsziel würde man schnell an die Grenze zu einer Deflation geraten. Und da eine Deflation (siehe unten) eines der ekligsten ökonomischen Probleme ist, möchten sogar sehr stabilitätsorientierte Politiker und Ökonomen damit nicht konfrontiert werden. Sie sehen deshalb keinen Zielkonflikt zwischen einem leichten Anstieg des Preisniveaus und dem Ziel der Geldwertstabilität.

Für die EZB kommt noch als ein dritter eurospezifischer Grund hinzu. In einer Staatengemeinschaft wie der Euro-Zone wird es immer Länder mit höheren und niedrigeren Inflationsraten geben. Bei einem nahe Null liegenden Inflationsziel der gemeinsamen Geldpolitik müsste das Preisniveau in einigen Ländern sinken. Dazu aber soll es nicht kommen.

Definition: Deflation

Deflation bedeutet, dass die Preise der meisten Waren und Dienstleistungen zurückgehen und der Wert des Geldes und damit der Wert von Forderungen und Guthaben steigt. Ein allgemeiner Preisrückgang wird dann zu einem ernsten gesamtwirtschaftlichen Problem, wenn sich die Erwartungen sinkender Preise in den Köpfen der Verbraucher festgesetzt haben. Denn dann werden sie ihre Käufe verschieben, da es in der Zukunft nur billiger werden kann. Die wichtigste gesamtwirtschaftliche Nachfragekomponente, der private Verbrauch, geht zurück, und in der Folge kommt es zu Absatzproblemen bei den Produzenten und damit zu Entlassungen, was wiederum den Druck auf die Preise erhöht.

Noch problematische für die Unternehmen ist, dass sinkende Preise und damit wegbrechende Gewinne einen Anstieg der realen Belastung ihrer Kredite bedeuten, von Krediten, die in der Vergangenheit zur Finanzierung nunmehr unrentabel gewordener Investitionen aufgenommen wurden. Denn selbst für den Fall, dass ein Unternehmen für seine Kredite null Prozent Zinsen zahlen müsste, würde aufgrund des steigenden Geldwerts die reale Last dieser Schulden ansteigen.

Als Folge der steigenden Kaufkraft des Geldes müsste „heute“ real mehr zurückgezahlt werden als „gestern“ aufgenommen wurde. Das mag die Gläubiger erfreuen, führt aber für alle Schuldner zu einem Desaster. Eine solche Abwärtsspirale wird zusätzlich dadurch befördert, dass die Löhne in der Regel nicht mit den Preisen zurückgehen und damit auch der Kostendruck auf die Unternehmen erhöht wird.

Jeder Geldpolitiker weiß, wie Inflationserwartungen gebrochen und Inflationen bekämpft werden kann. Als Reaktionen bestehen nämlich Zinserhöhungen und eine Verminderung der umlaufenden Geldmenge. Niemand weiß so recht, wie aber die Erwartungen auf sinkende Preise gebrochen und Erwartungen steigender Preise erzeugt werden können. Denn die Zentralbanken können den Leitzins nur auf null Prozent, aber nicht in den negativen Bereich senken. Und selbst die Ausgabe von Konsumgutscheinen verpufft, wenn die Bevölkerung glaubt, dass es morgen billiger sein wird als heute.

Angst vor Deflation

Das Bild zeigt ein Banner für ein E-Book von der Chefökonom

Am 17. März meldete Eurostat, dass der Anstieg der Verbraucherpreise im Zeitraum von Februar 2013 bis Februar 2014 nur 0,7 Prozent betragen habe. Daraufhin schrillten bei vielen Ökonomen die Alarmglocken: Sie sahen die Eurozone als ganzes in eine Deflation rutschen. So warnte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), dass „die derzeitige Inflationsentwicklung … den Anlass zur Sorge vor einer möglichen Deflation im Euro-Raum (verstärkt)“. Es gebe berechtigte Zweifel, ob die EZB – gemäß ihres Auftrages – die Preise stabil halten könne. Ein Blick auf die Entwicklung des HVPI gibt diesen Befürchtungen Recht – auf den ersten Blick.

Der Harmonisierte-Verbraucher-Preis-Index gibt die Inflationsrate in der Europäischen Union an. Ab 2010 stieg dieser zunächst, um dann bis 2014 auf unter einen Prozent zu fallen. Deshalb vermuteten die Wirtschaftsforschungsinstitute ein Abfallen in den negativen Bereich, was eine Deflation bedeutet hätte.

Die Entwicklung der Bilanzsumme der EZB könnte diese Ängste nähren. Denn die ist seit Mitte 2012 um etwa 15 Prozent zurückgegangen. Dies bedeutet, dass diese Notenbank die Versorgung des Bankensystems mit Zentralbankgeld zurückfährt. Salopp formuliert lässt sie die Geldruckpresse langsamer laufen als die Federal Reserve Bank der USA oder die Bank of Japan. Beide Befunde sind unstrittig. Dennoch dürfte die Angst vor einer drohenden Deflation in Europa übertrieben sein.

Deflation schwer zu erkennen

Die in der zweiten Jahreshälfte 2012 einsetzende Reduzierung der Bilanzsumme der EZB ist dem gestiegenen Vertrauen der Finanzmärkte in den dauerhaften Zusammenhalt der Eurozone geschuldet. Der Entwicklung des HVPI sieht man nicht an, ob sie die Folge einer allgemeinen Kaufzurückhaltung und damit der Vorbote einer Deflation ist. Möglicherweise resultiert sie aus den rückläufigen Preise bei vielen importierten Gütern. Denn im vergangenen Jahr sind als Folge der flauen Weltkonjunktur die üblicherweise in US-Dollar ausgewiesenen Preise vieler landwirtschaftlicher Produkte zurückgegangen. Und was noch wichtiger sein dürfte ist die bemerkenswerte Stärke des Euro. Denn im Verhältnis zur Weltwährung US-Dollar hat der Euro in den letzten 18 Monaten um fast zehn Prozent aufgewertet. Ein Ende des Höhenflugs ist bislang nicht in Sicht.

Der Wechselkurs des US-Dollar ja Euro stieg zwischen 2012 und 2014 um 10 Cent an. Eine Deflation scheint deshalb nicht in Sicht.

Diese markante Aufwertung der europäischen Gemeinschaftswährung macht es sicher für eine Reihe von Unternehmen schwerer, ihre Produkte in Nicht-Euroländer abzusetzen. Sie bedeutet aber gleichzeitig in allen Euroländern eine Verbilligung der in US-Dollar fakturierten Importgüter.

Deflation nur importierte“ statistischer Effekt

Das Bild zeigt ein Dossier zum Thema Steuererklärung.

Gegen sinkende Rohstoffpreise als Folge einer schwachen Weltkonjunktur kann die EZB nichts ausrichten. Und gegen billiger werdende Importe durch einen starken Euro kann sie nur wenig tun. Gegen Preissenkungen und eine damit verbundene reale Abwertung in einigen Krisenländern zu Wiedergewinnung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit sollte sie nichts tun. Da die an die Wand gemalte Deflationsgefährdung der gesamten Eurozone mehr ein importierter statistischer Effekt als die Folge einer allgemeinen verfestigten Kaufzurückhaltung ist, wird dieses Gespenst im Zuge der wirtschaftlichen Belebung in fast allen Euroländern bald das tun, was Gespenster beim Tagesanbruch tun: verschwinden.


Autor: Prof. Dr. Bert Rürup

Der Chefökonom

Der Chefökonom

Ein Gedanke zu “Europa am Vorabend der Deflation?

Kommentar verfassen