Der Trugschluss vom kostanten Arbeitsvolumen

Der Trugschluss vom kostanten Arbeitsvolumen

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„Der gesunde Menschenverstand ist die Summe aller Vorurteile, die sich bis zum 18. Lebensjahr festgesetzt haben“, meinte Albert Einstein. Dieses etwas abfällige Bonmot verkennt, dass dieser aus Erfahrungen entstandene Hausverstand bei den allermeisten Fragen und Problemen des Alltags sehr nützlich und hilfreich ist. Leider versagt der gesunde Menschenverstand regelmäßig bei der Abschätzung von Wahrscheinlichkeiten und oft bei der Beurteilung gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge oder wirtschaftspolitischer Empfehlungen. Dies gilt besonders für das Arbeitsvolumen.

Indiens Kobraplage und der gesunde Menschenverstand

Der 2009 verstorbene Ökonom Horst Siebert hat dies an folgendem Beispiel klar gemacht: Als Indien noch unter britischer Kolonialherrschaft stand, gab es dort einmal eine Kobraplage. Der britische Vizekönig, ein Mann mit einem ausgeprägten gesunden Menschenverstand, setzte deshalb pro erlegte Kobra ein „Schwanzgeld“ aus. Denn er war der festen Überzeugung, dass dann die Bevölkerung diese Giftschlangen jagen würden und damit die Plage ein Ende hätte. Womit er nicht gerechnet hatte: Die Inder begannen Kobras zu züchten, um möglichst viele Prämien zu bekommen. Als dieses sehr teure Anti-Kobra-Programm dann auslief, wurden die Schlangen für ihre Züchter wertlos, und sie ließen sie frei. Die Kobras hatten über den gesunden Menschverstand gesiegt.

Der Trugschluss vom konstanten Arbeitsvolumen

Die „Lump of Labour Fallacy“ – „lump“ heißt Masse, „fallacy“ Täuschung – besteht in der verbreiteten, aber falschen Vorstellung, dass das Arbeitsvolumen, also die in einer Volkswirtschaft geleisteten Arbeitsstunden, eine gegebene Masse seien.

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Dieser mutmaßlich aus individuellen Erfahrungen gespeiste Glaube ist der Grund dafür, dass viele Politiker und Gewerkschaftsfunktionäre der festen Überzeugung sind, dass zum Beispiel eine Heraufsetzung des Renteneintrittsalters die Beschäftigungschancen der Jüngeren verschlechtert oder eine generelle Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit die Arbeitslosigkeit sinken lässt.

Trugschluss vom konstanten Arbeitsvolumen in der Praxis

Auf diesem Trugschluss eines unveränderlichen oder immer erforderlichen Arbeitsvolumens basierten:

  • das vom französischen Präsidenten Mitterrand im Jahr 1983 auf 60 Jahre gesenkte Rentenalter, obwohl die Franzosen eine der höchsten Lebenserwartungen in der EU hatten und haben
  • die vom damaligen Bundessozialminister Norbert Blüm ab dem Jahr 1984 durchgesetzten Frühverrentungsmaßnahmen,
  • der heftige Kampf der Gewerkschaften in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre um die 35-Stunden-Woche oder
  • der anhaltende Widerstand gegen die Rente mit 67 – nach dem Motto: Man kann frühestens die Altersgrenze anheben, wenn sehr viel mehr Arbeitsplätze für ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer angeboten werden.

Der Kobra-Effekt lässt grüßen. Denn die Empirie zeigt, dass sich alle diese Maßnahmen als arbeitsmarktpolitische Flops erwiesen haben. So gingen in den Jahren 1984 bis 1988 gut 480.000 Beschäftigte vorzeitig in Rente. Aber nur 35.000 der freien Stellen wurden von Arbeitslosen wieder besetzt. Dieses Programm war deshalb in der Realität ein Subventionsprogramm für einen Beschäftigungsabbau namentlich im industriellen Bereich – wie es auch die jüngst beschlossene Rente mit 63 werden könnte.

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Woher kommt der Trugschluss?

Der Trugschluss vom Arbeitsvolumen als einer kostanten, gegebenen Größe resultiert daraus, dass der Arbeitsmarkt mit einer Korallenkette verglichen wird. Auf diese kann man nur dann neue Kugeln auffädeln – da ihre Länge nun einmal gegeben ist –, wenn man andere herunter nimmt.

In der Realität ist aber nichts falscher als diese Annahme eines konstanten volkswirtschaftlichen Arbeitsvolumens. Denn das Arbeitsvolumen ist eine variable Größe. Sie hängt davon ab, wie viel Arbeit Unternehmen nachfragen. Und diese Nachfrage nach Arbeit und damit die Anzahl der zu besetzenden Arbeitsplätze hängt nicht davon ab, viele Menschen einen Arbeitsplatz suchen, sondern von

  • der Höhe der Arbeitskosten,
  • der Produktivität von Arbeit im Vergleich zu anderen Produktionsmitteln und nicht zuletzt von
  • der Passgenauigkeit der Qualifikationen derjenigen, die einen Job suchen zu den Anforderungsprofilen der freien Arbeitsplätze.

Arbeitsvolumen hängt von Konjunktur und Erwartungen von Unternehmen ab

Das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen existiert deshalb nicht aus sich heraus. Es wird vielmehr permanent geschaffen. Eine Voraussetzung dafür ist, dass sowohl die Arbeitskosten wie die Qualifikationsmerkmale der Beschäftigten und der nach einer Beschäftigung Suchenden der Nachfrage der Unternehmen nach Arbeit entsprechen. Und diese Nachfrage nach Arbeit hängt wiederum von der konjunkturellen Lage und den längerfristigen Erwartungen und Ansprüchen der Unternehmen ab. Sie ist deshalb keine gegebene Konstante, sondern eine sich – sogar kurzfristig – ändernde Größe. Das nachgefragte Arbeitsvolumen wird kleiner

  • in konjunkturellen Abschwüngen,
  • nach beschäftigungsfeindlichen Erhöhungen der Arbeitskosten,
  • durch rigide arbeitsmarktpolitische Regulierungen oder
  • bei einem Auseinanderklaffen der Qualifikationen der Stellensuchenden und den Qualifikationsanforderungen der Arbeitgeber.

Genauso steigt mit der Nachfrage nach Arbeit das Arbeitsvolumen kurzfristig in Phasen einer konjunkturellen Erholung. Längerfristig steigt es nach intelligenten arbeitsmarkt- und wachstumspolitischen Maßnahmen.

Warum der Trugschluss eines konstanten Arbeitsvolumens falsch ist – Ein Beispiel

Wie falsch die Vorstellung eines gegebenen Arbeitsvolumens ist, zeigt bereits ein schneller Blick in die international vergleichende Statistik. Denn durchweg haben die Länder, in denen die Erwerbsquote der Älteren hoch ist, auch eine geringe Jugendarbeitslosigkeit. Und das sind durchweg Länder

  • in denen die Gewerkschaften gesamtwirtschaftliche Verantwortung übernehmen und nicht nur das Ziel der Einkommensmaximierung ihrer Mitglieder verfolgen,
  • die steuerlichen Rahmenbedingungen investitionsfreundlich sind oder in denen
  • das Regelwerk des Arbeitsmarkts betriebliche Anpassungen an kurzfristige Schwankungen im Geschäftsverlauf nicht verhindert.
Die Erwerbsquote aus dem Jahr 2012 abgetragen für alle OECD länder. Deutlich wird hier, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen der Zahl er Erwerbstätigen zwischen 20- bis 24-Jährigen und den 55- bis 64-Jährigen gibt. Je mehr ältere Personen arbeiten, desto mehr Jüngere sind ebenso erwerbstätig. Das Arbeitsvolumen hängt demnach nicht von der Höhe des Rentenalters ab.
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Im Übrigen ist seit etwa zehn Jahren – nicht zuletzt als Folge der verschiedenen Reformen unter der Chiffre Agenda 2010 – die Beschäftigung der älteren Arbeitnehmer das dynamischste Segment des deutschen Arbeitsmarktes. Gleichzeitig haben die Jugendarbeitslosigkeit einen Tiefpunkt und die Zahl der Erwerbstätigen mit über 42 Millionen einen historischen Höchststand erreicht. Und während die durchschnittliche jährliche Arbeitszeit je Erwerbstätigen in den vergangenen 10 Jahren leicht von 1347 auf 1312 Stunden zurückgegangen ist, stieg im gleichen Zeitraum das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen von 55,9 Millionen Stunden auf 58,1 Millionen.


Autor: Prof. Dr. Bert Rürup

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2 Gedanken zu “Der Trugschluss vom kostanten Arbeitsvolumen

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