Digitalisierung: Vom Ende der Arbeit

Digitalisierung: Vom Ende der Arbeit

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Im Jahr 1983 wagte der amerikanische Ökonom Wassily Leontief eine für die damalige Zeit kühne Prognose. Maschinen, so meinte er, würden die menschliche Arbeitskraft wahrscheinlich in der gleichen Art und Weise ersetzen, wie der Traktor einst an die Stelle des Pferdes trat. Angesichts der weltweit 200Millionen beschäftigungslosen Menschen – um 30 Millionen mehr als 2008 – erscheinen Leontiefs Worte heute nicht mehr so abwegig wie einst.

Effizienzsteigerung führt zu neuen Arbeitsplätzen

Freilich begegnen viele Ökonomen derartigen Prognosen mit einiger Skepsis. Historisch betrachtet haben Produktivitätszuwächse selten Arbeitsplätze zerstört. Jedes Mal, wenn Maschinen für Effizienzsteigerungen sorgten, verschwanden zwar alte Arbeitsplätze, aber es entstanden auch neue. Allerdings gibt es sehr wohl Anlass zur Annahme, dass sich das Wesen der Arbeit verändert.

Zunächst verändern Fortschritte in der Automatisierung der Arbeit manche Jobs mehr als andere. Arbeitnehmer, die mit Routinetätigkeiten beschäftigt sind, werden eher durch Maschinen ersetzt als diejenigen, die kreativere Tätigkeiten ausüben und Produktivitätssteigerungen erleben sollten. Und Berufsgruppen, die persönliche Dienstleistungen anbieten, werden womöglich überhaupt keine Veränderung ihrer Tätigkeiten bemerken. Mit anderen Worten: Roboter könnten Buchhalter arbeitslos machen und die Produktivität von Chirurgen steigern, während Friseure ihre Arbeit wie bisher erledigen.

Digitalisierung kann zur Proletarisierung der Arbeit führen

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Ökonomen bezeichnen das Ergebnis dieser Entwicklung als „die Polarisierung der Beschäftigung“. Die Automatisierung schaft Dienstleistungsjobs am unteren Ende der Lohnskala und steigert Quantität und Lukrativität der Jobs am oberen Ende. Die Mitte des Arbeitsmarktes wird dabei ausgehöhlt. Doch seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bildete die Mittelschicht das Rückgrat der Demokratie, des zivilen Engagements und der Stabilität. Die Tatsache, dass Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt die Mittelschicht schrumpfen lassen, könnte ein neues Zeitalter der Klassenkämpfe heraufbeschwören.

Zusätzlich wandelt sich der Arbeitsmarkt aufgrund digitaler Plattformen wie Uber, die den Austausch zwischen Verbrauchern und einzelnen Dienstleistungsanbietern erleichtern. Ein Kunde, der einen Uber-Fahrer ruft, kauft nicht nur eine Dienstleistung, sondern zwei: eine von der Firma (die Verbindung zu einem Fahrer) und die andere vom Fahrer selbst (den Transport). Digitale Plattformen sorgen so für eineNeudefnition der Interaktion zwischen Verbrauchern, Arbeitnehmern und Arbeitgebern.

Arbeitsvertäge verlieren durch Digitalisierung an Bedeutung

Anders als bei einer herkömmlichen Firma beruht die Beziehung zwischen Uber und seinen Fahrern nicht auf einem traditionellen Arbeitsvertrag. Vielmehr agiert die Software der Firma als kostenpfichtiger Vermittler zwischen Fahrer und Fahrgast. Diese Veränderung könnte weitreichende Folgen haben. Nicht mehr Veträge regeln Arbeit. Sie unterliegt den gleichen Marktkräften, die auch auf andere Waren wirken, da die Preise der Dienstleistung je nach Angebot und Nachfrage variieren. Arbeit wird zu Marktpreisen bewertet.

Zudem ist eine Aufwertung des Humankapitals zu beobachten. Eine wachsende Zahl junger Absolventen meidet ofenkundig attraktive Jobs in bedeutenden Unternehmen. Sie ziehen es vor, für Start-ups oder in der Kreativwirtschaft für viel weniger Geld zu arbeiten. Während dies teilweise durch den Reiz des damit verbundenen Lebensstils zu erklären ist, ist es auch eine Möglichkeit, das gesamte Lebenseinkommen zu erhöhen. Statt Fähigkeiten und Qualifkationen zu einem vorab festgelegten Preis zur Verfügung zu stellen, ziehen es die jungen Absolventen vor, ihr Lebenseinkommen, das sie aus ihrem Humankapital beziehen, zu maximieren. Auch das Verhalten untergräbt den Arbeitsvertrag als soziale Institution.

Neue Institutionen werden wichtig

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Was immer man von diesen neuen Entwicklungen auch halten mag, sie werden wahrscheinlich nicht aufzuhalten sein. Selbst wenn man mancherorts vielleicht versucht ist, sich dagegen zu wehren. Man denke nur an die jüngsten Proteste von Taxichaufeuren gegen Uber-Fahrer in Paris. Doch anstatt zu versuchen, Unaufhaltsames aufzuhalten, sollten wir darüber nachdenken, wie man die neue Realität im Hinblick auf unsere Werte und unseren Wohlstand nutzen kann. Neben der Neudefnition von Institutionen und Regelungen, die auf herkömmlichen Arbeitsverträgen beruhen – wie etwa Sozialversicherungsbeiträge -, müssen wir beginnen, Institutionen ins Leben zu rufen, die diese Veränderungen zu unserem Vorteil nutzbar machen. Schließlich wird das Rückgrat der Gesellschaften von morgen nicht von Robotern oder digitalen Plattformen errichtet, sondern von den Bürgern.


Autor: Prof. Jean Pisani-Ferry

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