Junge Unternehmen: Ein vergessener Wachstumstreiber

Junge Unternehmen: Ein vergessener Wachstumstreiber

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Noch zu Beginn des Jahrtausends galt Deutschland als „Kranker Mann Europas“. Heute ist das Land sowohl ökonomisch wie politisch die Hegemonialmacht des Kontinents. Dabei wird der Beitrag von jungen Unternehmen oft vergessen. Von Prof. Dr. Bert Rürup

Fünf Wurzeln des Erfolgs der deutschen Volkswirtschaft

Diese bemerkenswerte Wandlung hat im Wesentlichen fünf Wurzeln:

  • das – von wenigen Ausnahmen abgesehen – kooperative und damit wachstums- und beschäftigungsfreundliche Verhältnis der Tarifvertragsparteien,
  • die hohe Wettbewerbsfähigkeit und finanzielle Solidität des vergleichsweise großen industriellen Sektors,
  • den außerordentlich leistungs- und anpassungsfähigen Mittelstand mit seinen zahlreichen Hidden Champions,
  • die weitreichenden Reformen des Arbeitsmarkts sowie des Steuer- und Sozialsystems im Zuge der Agenda 2010 und auch
  • das zupackende Handeln der schwarz-roten Bundesregierung in der globalen Konjunktur- und Finanzkrise des Jahres 2008/2009.

Im jüngsten OECD-Bericht wird das Potenzialwachstum der deutschen Volkswirtschaft auf 1,5 Prozent pro Jahr geschätzt. Das ist ein recht guter Wert, der jedoch nur für die nähere Zukunft gilt. Für die Jahrzehnte danach sind die Aussichten merklich trüber. So soll nach dem jüngsten Report der „Ageing Working Group“ der Europäischen Kommission das Potenzialwachstum in Deutschland für den Zeitraum bis zum Jahr 2060 bei nur noch 1,0 Prozent liegen. Dieser Wert läge nicht nur deutlich unter dem aktuellen Niveau, sondern wäre auch geringer als die im gleichen Report vorausgesagten 1,3 Prozent für den Euroraum und die 1,4 Prozent für die 28 EU-Staaten.

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Der wichtigste Grund für diese Verschlechterung der langfristigen Wachstumsaussichten ist das Schrumpfen der Erwerbsbevölkerung in Deutschland.

Wichtigster Wachstumstreiber: Neue Produkte, Werkstoffe und Verfahren

Das Trendwachstum jeder Volkswirtschaft wird bestimmt von der Summe der geleisteten Arbeitsstunden, dem eingesetzten Kapitalstock und der Totalen Faktorproduktivität. Die Totale Faktorproduktivität gibt an, wie effizient die in einer Volkswirtschaft verfügbaren Produktionsfaktoren eingesetzt werden. Gerade in reifen Volkswirtschaften ist die sich in dieser Größe niederschlagende Fähigkeit des Unternehmenssektors neue Produkte, Werkstoffe und Verfahren zu entwickeln, der wichtigste Wachstumstreiber.

Junge Unternehmen noch nicht ausreichend geföhrdert

Die deutsche Politik versucht bislang, die in der Bevölkerungsalterung angelegte Wachstumsbremse durch Maßnahmen auf den Feldern der Einwanderungspolitik, der Bildungspolitik, der Familienpolitik und der Infrastrukturpolitik zu lockern. Was fehlt ist eine Flankierung durch die gezielte Unterstützung von Unternehmensgründungen.

Theoretisch wie empirisch ist es unstrittig, dass junge Unternehmen – wenn sie die Startschwierigkeiten überwunden haben – den Strukturwandel und damit das Wirtschaftswachstum über mehrere Kanäle stimulieren können:

  • Innovationstätigkeit: Junge Unternehmen gehören zu den wichtigen Trägern des Innovationsprozesses. Denn viele Produktideen gerade in der derzeit boomenden IT-Branche kommen von Neugründungen.
  • Wettbewerb: Junge Unternehmen erhöhen die Intensität des Wettbewerbs, denn sie fordern die etabliertenAnbieter heraus. In einer funktionierenden Wettbewerbsordnung werden diese im Gegenzug versuchen, solche „Angriffe“ durch eine Erhöhung der eigenen Effizienz abzuwehren.
  • Impulsfunktion: Als Reaktion auf die Aktivitäten neuer Wettbewerber erhöhen die etablierten Unternehmen ihre eigenen Innovationsanstrengungen. Diese Bemühungen können auch darin bestehen, selbst neue Unternehmen zu gründen oder Start-ups zu fördern. Dahinter steht das Ziel, sich durch Kooperation oder Übernahme die innovativen Lösungen der neuen Anbieter zu Nutze zu machen.
  • Strukturwandel: Gründer machen den etablierten Unternehmen das Leben schwer, indem sie Nischen in alten Märkten besetzen oder auch neue Märkte etablieren. Auf diese Weise wird der Strukturwandel, die im schumpeterschen Sinn wachstumsfördernde „schöpferische Zerstörung“, stimuliert.

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Vor diesem Hintergrund überrascht es, dass- trotz unbestreitbarer Fortschritte in der jüngeren Vergangenheit – die Gründungsdynamik in der wachstumspolitischen Diskussion in Deutschland bislang allenfalls eine völlig untergeordnete Rolle spielt.

Junge Unternehmen schaffen es oft nicht bis zur Wachstumsphase

Die ungeachtet der Verbesserungen in der jüngeren Vergangenheit immer noch relativ schwach ausgeprägten Gründungsaktivitäten sind allerdings nicht das größte Problem. Gravierender ist, dass nur ein geringer Prozentsatz der neu gegründeten Unternehmen es schafft, die aus gesamtwirtschaftlicher Sicht wichtige Wachstumsphase zu erreichen.

Eine detaillierte Studie des ZEW Mannheim nennt nicht als einzigen, aber als wichtigsten Grund für das Scheitern die unzureichende Ausstattung mit Risikokapital, insbesondere zu Beginn der Wachstumsphase. Eine Folge dieser Unterfinanzierung ist, dass die jungen Unternehmen nicht in ausreichendem Maße Rücklagen aufbauen können, um temporäre Schwierigkeiten verkraften zu können und auch keine Chance haben, Liquiditätsengpässe durch eine Ausweitung der Fremdfinanzierung zu überwinden. Abhilfe schaffen würde eine gesteigerte Bereitstellung von Risikokapital in den ersten Jahren der Wachstumsphase. Hierzu sollte insbesondere das Steuerrecht auf Behinderungen für Neugründungen, die nicht selten in Begünstigungen vorhandener Strukturen bestehen, durchgeforstet werden. Dies wäre ein wichtiger Beitrag zur Stimulierung der Wachstumskräfte.

Ist Mangel an Risikokapital das Problem?

Bei einem internationalen Vergleich der Gründungsaktivitäten könnte man in Deutschland einen Mangel an Risikokapital für Gründervermuten. Aber genauso wenig wie man aus einem internationalen Vergleich von Investitionsquoten auf eine nationale Investitionslücke schließen kann, so wenig kann man aus schwachen Gründungsaktivitäten auf einen objektiven Mangel an Risikokapital in Deutschland schließen. Denn bei der Gründungsfinanzierung und der Bereitstellung von Risikokapital geht es um individuelle eigenverantwortliche Entscheidungen von Investoren und Kapitalnachfragern. Deshalb gilt es als Erstes nach Über- und Unterregulierungen zu suchen und gegebenenfalls abzubauen. Zum Beispiel verringern die derzeitigen Anlagevorschriften fürLebensversicherungen das potenzielle Angebot von Risikokapital. In vielen Ländern sind Pensionsfonds wichtige Gründungsfinanzierer.

Erschwerend kommt die aktuelle Geldpolitik hinzu. Der Versuch der EZB, nicht nur die Kurzfristzinsen am Geldmarkt zu senken, sondern insbesondere über ihr Quantitative Easing Programm auch die Langfristzinsen nach unten zu drücken, erschwert es Risikokapitalgebern, das Rendite-Risiko-Verhältnis eines längerfristigenEngagements adäquat einzuschätzen. Dies erzeugt Unsicherheit und kann zu einem Attentismus potenzieller Investoren führen.

Großbritannien: Besser Rahmenbedingungen für Risikokapital

Wenn man nach bewährten Möglichkeiten sucht, die steuerlichen Rahmenbedingungen zu verbessern, lohnt ein Blick nach Großbritannien. Dort können Risikokapitalinvestitionen steuerlich geltend gemacht werden. Bis zu einer maximalen Investitionssumme von 1 Million Pfund Sterling können vom Kapitalgeber 30 Prozent der Investitionssumme im Rahmen der Einkommensteuer angerechnet werden. Soweit muss man nicht gehen. Aber um gezielt die Wachstumsfinanzierung von jungen Unternehmen in Deutschland zu verbessern, würde sich eine ähnliche steuerliche Begünstigung von Risikokapitalbeteiligungen anbieten. Dies gilt allerdings nur unter der Voraussetzung, dass das finanzierte Unternehmen nicht älter als sechs Jahre ist.

Junge Unternehmen brauchen anderen steuerliche Bedingungen

Eine Verbesserung der steuerlichen Rahmenbedingungen würde es jungen Unternehmen erleichtern, als schöpferische Zerstörer den Strukturwandel und das Wachstum der Volkswirtschaft voranzutreiben.

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