Wohlstandsmessung: Das BIP ist besser als sein Ruf

Wohlstandsmessung: Das BIP ist besser als sein Ruf

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Das BIP steht in der Kritik. Dabei ist es besser als sein Ruf. Außerdem existiert bisher aber kein besserer Indikator zur Messung der Wirtschaftleistung eines Landes. Wir analysieren seine Vorteile und Nachteile.

Ab regelmäßig ziehen sich die Vertreter der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute zurück, um über ihrer Konjunkturprognose für die Bundesregierung zu brüten. Zwei Wochen lang feilschen die Volkswirte um ein paar Zehntelprozentpunkte hier und dort, damit am Ende eine runde und in sich schlüssige Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung steht. In der „Tagesschau“ wird das ganze Zahlenwerk dann auf eine einzige Zahl zusammenschrumpfen: Auf die Prognose des Wirtschaftswachstums, ausgedrückt in der Veränderungsrate des realen Bruttoinlandsprodukt, kurz BIP.

Definition des BIP

Doch was sagt das BIP überhaupt aus? Es drückt monetär den Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen aus, die ein Land wie Deutschland im Laufe eines Jahres gegen Entgelt erstellt. Abgezogen werden hiervon der Wert der im Produktionsprozess als Vorleistungen verbrauchten Güter. Preisveränderungen rechnen die Experten heraus. Sie verwenden also das reale BIP. Diese klar definierte und international einheitliche Messmethodik erlaubt es, weitgehend konsistente Ergebnisse über das Niveau und die Entwicklung der wirtschaftlichen Leistung aller Länder auszuweisen. Die Qualität des BIP steht und fällt natürlich mit der Qualität der in einem Land verfügbaren Daten.

Ursprünge des BIP: Die Weltwirtschaftskrise von 1929

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Entstanden ist das BIP nach der Weltwirtschaftskrise vor 80 Jahren. Sein Erfinder ist der aus Russland stammende US-Ökonom und spätere Nobelpreisträger Simon Kuznets. Die Erfahrung der Krise verstärkte damals auch in anderen Ländern den Wunsch, verlässliche Daten über die Größe der Volkswirtschaft zu erhalten. Die Verbreitung des BIP ging in den 1930er-Jahren mit einer Revolution im ökonomischen Denken und Handeln einher. Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen verstärkten diesen Prozess zudem. Das BIP half dem Staat, die Wirtschaft zu steuern. Es war auch die Voraussetzung für die immer verfeinerten makroökonomischen Modelle, die – bis zur globalen Finanzkrise – die Illusion nährten, Wirtschaftskrisen seien ein historisches Phänomen. Auch deshalb wächst jetzt der Wunsch nach Alternativen zum BIP als Teil eines Umdenkens über das Wirtschaftssystem.

Kritik am BIP

Das BIP steht seit Jahren unter Beschuss. Der bunten Schar von Wachstumsskeptikern in den Industriestaaten gilt es als wichtigstes Symbol eines fehlgeleiteten Strebens nach immer mehr Wohlstand. Politiker beklagen, dass es unentgeltliche Arbeit nicht abbildet und nichts über die Gerechtigkeit und Zufriedenheit in der Gesellschaft aussagt. Auch viele Ökonomen sind nicht mehr zufrieden mit dem BIP als Messgröße.

Umso bemerkenswerter ist es, dass sich jetzt die als Kritikerin des ökonomischen Mainstreams bekannte britische Wirtschaftswissenschaftlerin Diane Coyle zu einer Verteidigung des BIP entschlossen hat. In ihrem neuen Buch „GDP – A Brief But Affectionate History“ deckt sie zwar fragwürdige Messmethoden auf und findet Reformbedarf. Insgesamt plädiert sie aber am Ende dafür, ein weiterentwickeltes BIP zu behalten.

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Bessere Alternativen gibt es bisher noch keine

Man muss ihr zustimmen. Denn keines der zahlreichen Alternativ-Konzepte, die in den vergangenen Jahren entwickelt worden sind, kommt an die Aussagekraft des BIP heran. Ökonomisches und politisches Handeln lässt sich nicht sinnvoll an Umfragen ausrichten, in denen Menschen gefragt werden, wie glücklich sie sich fühlen. Wohlfahrtsindikatoren wie der „Better Life Index“ der Industrieländer-Organisation OECD produzieren Ranglisten, die mit den Ranglisten der Länder nach BIP pro Kopf praktisch identisch sind. Ein anderes Beispiel ist der Happy Planet Index. Dieser kombiniert Lebenszufriedenheit mit dem ökologischem Fußabdruck. Es stehen auf seiner Liste aber Länder vorne, die massenhaft Wirtschaftsflüchtlinge produzieren.

Indikatorenbündel soll BIP ergänzen

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Angesichts der offensichtlichen Unzulänglichkeiten der verschiedenen Alternativen schlagen Expertengruppen gerne Bündel von Indikatoren vor. Das BIP wird in ihnen um einige zusätzliche Messgrößen aus Bereichen wie Umweltschutz, Einkommensverteilung, Bildung und Gesundheit ergänzt.

Zu einem solchen Ergebnis kam auch die Enquete-Kommission des Bundestages, die in der vergangenen Legislaturperiode unermüdlich tagte. Am Ende fand sie nur zu einem mühsamen Kompromiss. Sie schlägt zehn Einzelindikatoren aus drei Dimensionen des Wohlstands vor, darunter das BIP. Die drei Dimensionen sind Materieller Wohlstand, Soziales und Teilhabe sowie Ökologie. Hinzu kommen weitere Indikatoren, sogenannte Warnlampen. Diese weisen auf auffällige Fehlentwicklungen hin.

Es fällt schwer, sich vorzustellen, wie das künftig als Meldung in der „Tagesschau“ berichtet werden könnte. Doch nicht nur die problematische Kommunizierbarkeit spricht gegen ein solch komplexes Indikatorenbündel. Es lässt sich auch sehr leicht ausmalen, wie neue Regierungen je nach ideologischer Ausrichtung Indikatoren austauschen und neu gewichten würden. Damit aber würde das Indikatorenbündel rasch an Wert verlieren.

Trotz Defiziten, bester Indikator für Wohlstandsmessung

Das BIP hat seine Schwächen, keine Frage. Es ist eine Stromgröße. Sie bezieht also Veränderungen des volkswirtschaftlichen Kapitals wie zum Beispiel Verluste aufgrund von Erdbeben ebenso wenig ein wie etwa neuentdeckte Rohstoffvorkommen. Das Gleiche gilt für den Verzehr von Umweltgütern. Zudem werden nicht marktbestimmte Aktivitäten wie der Anbau von Gemüse im eigenen Garten zum Selbstverzehr, die Erziehung von Kindern, Hausarbeit oder die Pflege von Familienangehörigen nicht erfasst. Auch ehrenamtliche Tätigkeiten und die in der Schattenwirtschaft erstellten und gehandelten Waren und Dienstleistungen werden nicht oder nur sehr unvollständig berücksichtigt.

Aber solange es keine überzeugende Alternative gibt, sollten wir an der bewährten Messgröße festhalten. Um es mit den Worten von Diane Coyle zu sagen: „Das BIP ist trotz aller seiner Fehler immer noch ein helles Licht, das durch den Nebel scheint.“


Autor: Dirk Heilmann

Der Chefökonom

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