Der Mythos vom zu hohen Steuersatz

Der Mythos vom zu hohen Steuersatz

Das Bild zeigt einen Button für das Premium-Abo für der Chefökonom.

Ist der Steuersatz chronisch zu hoch, wie liberale Steuerpolitiker immer behaupten? Die Frage nach der richtigen Höhe des Steuersatzes ist allerdings nicht einfach zu beantworten. Hängt die Bewertung doch stark vom Zeitgeist ab. Von Prof. Dr. Bert Rürup

Die SPD hat Ihre Forderung nach einem höheren Spitzensteuersatz aufgegeben. Sie drängt beim Abbau heimlicher Steuererhöhungen durch die „kalte Progression“ nun nicht mehr auf eine Gegenfinanzierung durch höhere Steuern. Aufgrund der steuerliche Rekordeinnahmen sei die Entlastung bei der „kalten Progression“ sozial gerechtfertigt.

Eine kurze Geschichte der Steuer

Tatsächlich ist es aber ökonomisch außerordentlich schwer, den richtigen Steuertarif zu ermitteln. Die Finanzwissenschaft definiert Steuern als Zwangsabgabe ohne Anspruch auf Gegenleistung. Zwangsabgaben sind älter als der Staat: Am Anfang stand die „Dargabe“ eines Anteils der Beute an den Häuptling eines patriarchalisch organisierten Nomadenstamms. Aus dieser Dargabe wurde ein Beuterecht des Häuptlings, sprich die mehr oder weniger unfreiwillige Hergabe einer Art Häuptlingslohn. Mit der Ausprägung der Arbeitsteilung und der Entwicklung staatlicher Strukturen im Zuge des zivilisatorischen Fortschritts wurde vor mehr als 5000 Jahren aus der privaten Hergabe eine von den Herrschern verordnete Zwangsabgabe, zunächst als eine Naturalleistung, wie der „Zehnte“ oder eine Dienstleistung, wie der Frondienst.

Steuersatz: Welcher ist der sinnvollste?

Das Bild zeigt ein Banner für ein E-Book von der Chefökonom

Das noch heute allgemein anerkannte Postulat, dass die Besteuerung an der individuellen Leistungsfähigkeit anknüpfen sollte, stammt aus England und Frankreich.

Einführung der Einkommenssteuer

Im Jahr 1799 wurde in England die Income Tax als erste moderne Einkommensteuer eingeführt. Sie war eine Kriegsmaßnahme und galt in Großbritannien als „the tax that beat Napoleon“. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war sie für den großen Ökonomen Joseph Schumpeter „die reinste Gestalt des Steuergedankens“, und die Einkommensteuer galt weltweit als „Königin der Steuern“. Königin deshalb, da sie nicht nur durchweg die aufkommensstärkste Steuer war, sondern vor allem weil sie mit ihrem Prinzip „Starke Schultern tragen mehr als schwache“ als die gerechte Abgabe schlechthin angesehen wurde.

Einkommenssteuer hat Wirkung verloren

Dieser Königin sind allerdings weltweit seit etwa zwanzig Jahren ein paar Zacken aus der Krone gebrochen worden. Ihre fiskalische Bedeutung hat abgenommen, ihre Umverteilungswirkung wurde deutlich verringert, und die Kaptaleinkünfte wurden in vielen Ländern – so auch in Deutschland – ihren Zugriff entzogen.

Zu dieser Degradierung ist es gekommen, weil sich zunehmend die Ansicht durchsetzte, dass eine hohe Einkommensteuer sowohl die Arbeitsmotivation als auch die Investitionsneigung reduzieren würde.

Die Laffer-Kurve zeigte, dass das Steueraufkommen bei einem niedrigen Steuersatz zunächst ansteigt. Mit zunehmender Höhe des Steuersatzes nimmt sie hingegen wieder ab. Der Grund hierfür: Arbeitsnehmer werden demotiviert zu ihr Arbeitsangebot weiter auszudehnen.
Laffer-Kurve
Geschützt: Ehegattensplitting muss reformiert werden – Wann bin ich reich?
Die Themen der Woche: Corona-Krise trifft Mittelstand und Banken – Ehegattensplitting muss …
Geschützt: Institute gehen mit Regierung hart ins Gericht – DIW hält dagegen – Scholz sieht sich bestätigt
Die Themen der Woche: Umverteilung, aber zukunftsorientert – Klimapolitik kann günstig sein …
Geschützt: Zukunftsorientierte Umverteilung – Günstige Klimapolitik – Neues Banking
Die Themen der Woche: Umverteilung, aber zukunftsorientert – Klimapolitik kann günstig sein …

Steuersatz vs. Steueraufkommen

Das Bild zeigt ein Dossier zum Immobilienmarkt im Shop des Chefökonommen.

Ende der 1970er Jahre bildete Arthur Laffer, ein wirtschaftspolitischer Berater des US-Präsidenten Ronald Reagan, diesen durchaus plausiblen Zusammenhangs zwischen Steuersatz und Steueraufkommen in einer nach ihm benannten Kurve ab. Zunächst nehmen die Einnahmen mit steigenden Sätzen überproportional zu und dann immer langsamer, um ab einer bestimmten Höhe – wegen der demotivierenden Belastung und des zunehmenden Steuerwiderstands – bei einem Steuersatz von 100 Prozent bis auf null zu sinken.

Laffer war zu Beginn der 1980er-Jahre der Überzeugung, dass die Belastung durch die Einkommensteuer zu hoch sei und man sich auf dem rechten Ast der Kurve befinde. Eine deutliche Steuersenkung werde daher das Aufkommen steigen lassen und es erlauben, die Staatsschulden abzubauen. Die Tarifsenkung werde sich also selbst finanzieren. Präsident Reagan folgte dem Rat. Doch die Steuersenkungen verursachten riesige Ausfälle und Etatlöcher. Ähnliches konnte man nach der kräftigen Senkung der Einkommenssteuer zu Beginn des Jahrtausends durch die rot-grüne Bundesregierung feststellen.

Steuersatz für liberale Steuerpolitiker chronisch zu hoch

Der Verlauf der Laffer-Kurve ist eingängig. Allerdings kann man nie sagen, ob man sich in einer konkreten Situation noch auf dem aufsteigenden oder schon auf dem absteigenden Ast befindet. Denn der Wendepunkt dieser Kurve scheint ein im Zeitverlauf höchst bewegliches Ziel zu sein. Seit es in Deutschland eine progressive Einkommenssteuer gibt, galt der Spitzensteuersatz namentlich liberalen Steuerpolitikern immer als demotivierend hoch. Seien es die vier Prozent, die von 1891 bis 1919 ab einem Einkommen von damals astronomischen 800.000 Mark galten, die 60 Prozent von 1920 bis 1924, 40 Prozent von 1925 bis 1945, die 95 Prozent zu Zeiten des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders 1946 bis 1957, die zumeist 53 Prozent in der Zeit von 1953 bis 1999 oder die seit 2005 geltenden 42 Prozent zuzüglich der Solidaritätsabgabe von 5,5 Prozent auf die Einkommensteuerschuld.

Hinter der Laffer-Kurve und der Idee der sich selbst finanzierenden Steuersenkungen steht die (in der Wirtschaftstheorie gängige) Annahme, dass die Menschen auf eine steigende steuerliche Belastung zunächst mit einer Vergrößerung ihres Arbeitsangebotes reagieren. Dadurch versuchen sie den Einkommensentzug mindestens zu kompensieren. Ab einem „psychological breaking point“ reagieren sie auf eine weitere Erhöhung des Steuersatzes mit einem Rückzug aus der Erwerbsarbeit, da sich „Arbeit nicht mehr lohnt“ und mit abnehmendem Nettoeinkommen Freizeit wertvoller wird. Oder sie weichen in die Schwarzarbeit aus.

Natürliches Experiment: Wie wirkt der Steuersatz?

Zur Beurteilung, ob sich die Menschen wirklich so theoriegerecht verhalten, gibt es ein – kaum bekanntes – natürliches Experiment. In der Zeit 1987 bis 1988 wechselte man in Island das System der Einkommensbesteuerung. Bis zum Jahr 1987 bemaß sich die Steuerschuld am Einkommen des Vorjahres. Von 1988 an ging man zum Quellenabzugsverfahren über.

Die Folge war, dass die Einkommen des Jahres 1987 nie versteuert wurden und die Menschen dies im Vorhinein wussten. Theoretisch hätte man in 1987 durchgängig eine kräftige Ausdehnung des Arbeitsangebots und eine deutliche Zunahme der Erwerbseinkommen erwarten müssen. Die tatsächlichen Arbeitsangebotsreaktionen waren dagegen überraschend diffus. Einige Erwerbstätige arbeiteten mehr, andere weniger. Die Erwerbsquote der Frauen stieg, die der Männer ging zurück. Eine durchgängig „theoriekonforme“ Reaktion konnte nicht festgestellt werden.

Fazit: Die Festlegung des Tarifverlaufs wie des Spitzensteuersatzes der Einkommenssteuer ist mutmaßlich mehr eine Frage des Zeitgeistes und der herrschenden Ungleichheitsaversion in einer Gesellschaft als eine von der Steuertheorie zu beantwortende Frage. Der plötzliche Sinneswandel der SPD dürfte daher wohl der Kategorie „Zeitgeist“ zuzuordnen sein.

Der Chefökonom

Der Chefökonom

Ein Gedanke zu “Der Mythos vom zu hohen Steuersatz

Kommentar verfassen