Industrie 4.0: Wir stehen vor einer neuen Gründerzeit

Industrie 4.0: Wir stehen vor einer neuen Gründerzeit

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Die Digitalisierung schafft die Voraussetzungen für die Entstehung einer Industrie 4.0. Deutschland ist hierfür hervorragend aufgestellt. Es gilt deshalb, eine neue Gründerzeit einzuleiten. Eine Analyse von Joe Kaeser

Wir erleben heute einen so tiefgreifenden technologischen Wandel wie seit fast einem halben Jahrhundert nicht mehr. Die Digitalisierung verändert mit atemberaubender Geschwindigkeit unsere Lebensbereiche. Sie verändert damit auch die Wirtschaft. Digitalisierung verkürzt die Wertschöpfungsketten. Jedes Glied in der Kette, das keinen Wert schafft, fällt heraus.

Digitale Transformation ist die Grundlage für Industrie 4.0

Dieser radikale Wandel, getrieben durch Big Data, Cloud-Computing und das Internet der Dinge, beeinflusst auch die industrielle Fertigung. Nach der Mechanisierung der Fertigung im 18. Jahrhundert durch die Dampfmaschine, der arbeitsteiligen Massenproduktion durch das Fließband und dem Einsatz von Elektronik und IT zur Automatisierung in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts stehen wir wieder vor einer industriellen Revolution. Sie ist die vierte in der Reihe: Industrie 4.0.

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Die virtuelle Welt verschmilzt mit der realen Welt der Produktentstehung. Diese neue Welt ist ein ganzheitliches System, in das alle Prozesse integriert sind: Produkte sind mit Hilfe von Sensoren und Chips identifizierbar, lokalisierbar, sie kennen ihre Historie, ihren aktuellen Zustand und ihren Zielzustand. Es entsteht ein lückenloses, sich stetig optimierendes Netzwerk.

Evolutionäre Revolution in der Industrie

Industrie 4.0 ist zwar eine Revolution, aber eine, die evolutionär vonstattengeht und sich über Jahre hinziehen wird. Ein Unternehmen wie Siemens kann schon heute ein Portfolio von industrieller Software und Automatisierungssystemen anbieten, die Digital Enterprise Platform, durch die Produktentstehungsprozesse flexibilisiert und beschleunigt werden und einige der Industrie-4.0-Ziele schon jetzt erreicht werden. In unserem Elektronikwerk in Amberg sind wichtige Komponenten von Industrie4.0 bereits zu beobachten. Das Ergebnis: Die Zuverlässigkeit bei der Produktion elektronischer Schaltungen liegt bei 99,9988 Prozent, ein unübertroffener Wert.

Amberg ist auch Beweis dafür, dass die Fabrik der Zukunft nicht menschenleer sein wird. Die Bedeutung des Menschen wird sogar zunehmen: Im kreativen Bereich der Produktentstehung bleibt die menschliche Intelligenz ohnehin unverzichtbar. Aber auch auf operativer Ebene werden Arbeitnehmer weiter eine zentrale Rolle spielen, allerdings eher als Steuerer, kreative Planer und Überwacher.

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Bereits signifikante Investition in Industrie 4.0

Die Zukunft hat begonnen. Das untermauert auch eine aktuelle Studie von Pricewaterhouse-Coopers. Demnach wollen die deutschen Industrieunternehmen in den kommenden fünf Jahren rund 3,3 Prozent ihres Jahresumsatzes in Industrie-4.0-Produkte investieren. Wir reden also von jährlichen Investitionen in Höhe von 40 Milliarden Euro.

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Das Geld ist gut angelegt. Denn die Investitionen amortisieren sich PwC zufolge in zwölf bis 24 Monaten -und sollen für die deutsche Wirtschaft in den kommenden fünf Jahren zu einem Mehrumsatz von 150 Milliarden Euro führen.

Das Geld ist auch zum richtigen Zeitpunkt angelegt. Denn wer auf Industrie 4.0 setzt, kann seine Produktivität dank der Möglichkeiten der Digitalisierung steigern und die Kosten senken; er kann die Fehlerquoteverringern; und er kann „time to market“, also die Zeitspanne, bis ein Produkt marktfähig ist, um bis zu 50 Prozent verringern. Heute versuchen andere Wirtschaftsnationen lauthals und unter großem Druck, ihre industrielle Basis wiederaufzubauen. Deutschland hingegen hat die Industrie nie aus dem Fokus verloren. Genau diese gesunde Basis gibt uns heute einen Startvorteil bei Industrie 4.0. Und wir sollten ihn nutzen.

Deutschland als Pionier der Industrie 4.0

Man könnte entgegnen, dass die Player aus dem Silicon Valley auch keine Probleme haben, die Welt der Produktentstehung zu erobern. Ich möchte dem widersprechen: Natürlich stimmt es, dass 65 der 100 größten Software-Unternehmen in den USA beheimatet sind. Natürlich stimmt es, dass Google, Amazon etc. meisterhaft den „Rohstoff“ Daten „abbauen“ und nutzen. Aber es stimmt natürlich auch: Wir kennen die Abläufe und die Prozesse in der Industrie, wir kennen die Branchen. Und wir sind nicht nur „Traditionalisten“, sondern längst auch „Digitalisierer“: Bei einem Unternehmen wie Siemens etwa arbeiten 17 500 Software-Ingenieure.

Deutschland ist eine Exportnation. Und um als Exportnation erfolgreich zu bleiben, ist technologische Führerschaft Grundvoraussetzung. Genau dieses Streben nach Innovation und die Bereitschaft, sich zu verändern, ist eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft.

Arbeitswelt und Qualifikationen ändern sich

Es betrifft die Arbeitswelt. Arbeitsplätze und Qualifikationsanforderungen werden in der von Digitalisierung getriebenen Welt vollkommen anders aussehen als heute. Es geht um ein „Qualifying“ und „Requalifying“ heutiger und künftiger Generationen. Es betrifft die Infrastruktur: Investitionen in Glasfasernetze und High-Speed-Mobilfunk sind dringend vonnöten, damit der Datenfluss schnell und zuverlässig vonstattengeht. Und es betrifft die Standards: Wir sollten einheitliche gesetzliche Standards für den Umgang mit Daten und Informationen setzen, am besten europaweit, die mit denen der beiden Wirtschaftsregionen Asien und Amerika kompatibel sind.

Wir brauchen dazu allerdings keine nationale Strategie „Industrie 4.0″. Die Innovationen entstehen dadurch, dass die Akteure alleine oder mit Partnern neue Technologien entwickeln, erproben und anwenden. Wir begrüßen es allerdings, dass die Bundesregierung Plattformen anbieten will, auf denen sich die wesentlichen Spieler austauschen können. Derjenige, der sich in der Praxis bewährt, wird sich durchsetzen.

Innovations- und Unternehmergeist schaffen Industrie 4.0

Innovationsgeist hat zu Zeiten von Pionieren wie Robert Bosch, Gottlieb Daimler, Friedrich Engelhorn und Werner von Siemens die deutsche Industrie geprägt. Ich bin zuversichtlich, dass wir auch heute bei uns in Deutschland in dieser neuen Gründerzeit den unbedingten Willen zur Innovation entfachen können. Dazu brauchen wir starke Partnerschaften -zwischen Unternehmen, zwischen Forschungseinrichtungen und Hochschulen, auch international ausgerichtet.

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