MINT reicht nicht für die Digitalisierung

MINT reicht nicht für die Digitalisierung

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Die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) gelten für viele Politiker als wichtiger Garanten, damit sich Deutschland in der Digitalisierung durchsetzen kann. Zwar ist die Förderung von MINT wichtig. Um die Digitalisierung zu meistern und ganz vorne in der Weltspitze mitzuspielen, benötigt es allerdings mehr als nur eine Stärkung von Schulfächern. Es benötigt Kreativität. Von Dirk Heilmann und Ludwig Eikemeyer

Die Digitalisierung wird den Arbeitsmarkt in den kommenden zehn Jahren mit einer Wucht umkrempeln, die bisher in weiten Teilen der Wirtschaft und Politik und schon gar in der breiten Bevölkerung noch nicht erkannt worden ist. Auf der KnowTech-Konferenz des Branchenverbandes Bitkom wurden in den vergangenen Tagen vielfältige Aspekte dieses Wandels diskutiert. Dort war vom vernetzten Fabrikarbeiter die Rede, der seine Arbeitsabläufe permanent selbst optimiert, aber auch von einer Heerschar frei schwebender Dienstleister, die sich von Projekt zu Projekt hangeln wie heute Architekten. Das sind keine Zukunftsvisionen, sondern Entwicklungen, die bereits im Gange sind und die große Mehrheit der heute aktiven Beschäftigten betreffen werden.

Welche Qualifikationen braucht die Digitalisierung?

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Noch wenig diskutiert wird allerdings die Frage, welche Qualifikationen die Arbeitskräfte von morgen benötigen, die jungen Menschen, die in diesen Arbeitsmarkt hineinwachsen. Und wenn, dann lautet die Antwort seit Jahren: Wir brauchen mehr MINT-Absolventen, also Mathematiker, Informatiker, Naturwissenschaftler und Techniker.

Doch diese Sichtweise führt in die Irre, denn ihr liegt eine verkürzte, wenn nicht fehlerhafte Analyse der künftigen Herausforderungen gegenüber. Die Antwort auf die Digitalisierung lautet nicht, dass der Mensch dem Computer ähnlicher werden muss, sondern dass der Mensch diejenigen seiner Fähigkeiten verbessern muss, die Computer nicht erwerben können. Was wir in Zukunft brauchen, sind Menschen, die durch ihr kreatives und innovatives Potenzial Computer besser als bisher ergänzen können.

Welche Tätigkeiten werden in Zukunft noch von Menschen ausgeführt?

Die fehlerhafte Analyse rührt daher, dass wir meist vom aktuellen technischen Stand ausgehen, wenn wir zu bestimmen versuchen, welche Tätigkeiten in Zukunft vom Computer ausgeführt werden dürften. In vielen Studien über den künftigen digitalen Arbeitsmarkt findet sich die Unterscheidung zwischen Routinetätigkeiten, die künftig von Computern oder Robotern ausgeführt würden, und Nichtroutinetätigkeiten, für die weiterhin Menschen benötigt würden.

Diese Unterscheidung berücksichtigt aber nicht die tatsächlichen Grenzen der digitalen Technik. So kommt es zu Fehleinschätzungen wie der von Levy und Murnane, die 2003 postulierten, dass das Autofahren eine Nichtroutinetätigkeit darstellt. Neun Jahre später erhielt Googles fahrerloses Auto eine Testzulassung für den Straßenverkehr in Kalifornien.

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Das bedeutet aber, dass plötzlich die größte Berufsgruppe in den USA – die Fernfahrer – von der Digitalisierung unmittelbar bedroht ist. Auch dass Computer jemals in der Form als digitale Assistenten dienen könnten, wie es heute Apples „Siri“ tut, hatten Forscher noch vor zehn Jahren für so gut wie unmöglich gehalten.

MINT keine hinreichende Bedingung

Darum ist es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, wo die Grenze der Digitalisierung menschlicher Leistungen aus technischer Sicht liegt. Sie wird durch die Unvollständigkeitssätze des Mathematikers Kurt Gödel markiert, der 1931 zeigte, dass innerhalb eines komplexen logischen Systems immer Probleme abgeleitet werden können, die mit den Mitteln dieses Systems nicht zu lösen beziehungsweise nicht zu entscheiden sind. Hier kommen der Mensch und seine Kreativität ins Spiel. Erst die Kombination von Mensch und Maschine kann diese Hürde überwinden.

Als Beispiel dafür lässt sich das Schachspiel anführen. Als 1997 der damalige Schachweltmeister Garri Kasparow gegen den Supercomputer „Deep Blue“ verlor, sahen darin viele die ultimative Niederlage des menschlichen Geistes gegen den Computer. Doch 2005 veranstaltete Playchess.com das erste „Freestyle“-Schachturnier, an dem Menschen, Hochleistungsrechner und Mensch-Computer-Teams teilnahmen. Der Sieger war weder ein Schach-Großmeister noch ein Superrechner, sondern zwei Amateur-Schachspieler mit Laptops. Das heißt: Die Kombination der taktischen Stärke von Computern mit den strategischen und kreativen Fähigkeiten des Menschen ist unschlagbar.

Kreativität und nicht MINT wird die wichtigste Ressource

In der digitalen Wirtschaft werden Computer den größten Teil der Arbeit leisten und die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens wird von seiner Innovationskraft abhängen. Wenn die digitale Technologie erst einmal weltweit Grundausstattung geworden ist, wird also Kreativität die Ressource sein, die den Wettbewerb der Zukunft entscheiden wird.

Weltweite Vergleichsstudien zur Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten zeigen, dass in den vergangenen 100 Jahren die mit Intelligenzquotienten messbaren logisch-analytischen Fähigkeiten der Menschen dank immer besserer Schulbildung weltweit gestiegen sind. Die allgemeinen geistigen Fähigkeiten des Menschen sind in dieser Zeit aber kaum gestiegen und die Kreativität ist sogar gesunken. Das legt den Schluss nahe, dass der starke gesellschaftliche Fokus auf die MINT-Fächer der vollen Entwicklung des Intelligenz- und damit des Kreativitätspotenzials eher schadet als nützt. Wer innovative Ingenieure und Mathematiker will, der sollte den so genannten weichen Fächern Raum geben und sie nicht zugunsten einer stärkeren MINT-Ausbildung zurückdrängen.

Der Chefökonom

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