Kernenergie: Asien setzt auf Atomkraft

Kernenergie: Asien setzt auf Atomkraft

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Die vier asiatischen Länder China, Japan, Südkorea und Indien setzen auf die Kernenergie. Die Gründe hierfür sowie die zukünftig zu erwartende energiepolitische Entwicklungen in den vier Staaten analysiert Dr. Jörg Lichter.

Als der Weltklimarat IPCC Im Jahr 2015 seinen Bericht zum Klimaschutz veröffentlichte, propagierte er für die CO2-freie Energieversorgung der Zukunft den Einsatz von Kernenergie gleichberechtigt neben den Erneuerbaren Energien. In Deutschland wurde dieser technologieneutrale Ansatz heftig kritisiert. 2011 hat man sich doch entschlossen, bis zum Jahr 2022 aus der Atomkraft auszusteigen.

Asien am relevantesten für Weltklima

Europa entscheidet jedoch nicht Über das Wohl und Wehe des Weltklimas – und schon gar nicht in Deutschland -, selbst wenn wir das gerne glauben. Entscheidend für die Entwicklung des Weltklimas ist – neben den USA – die Wachstumsregion Asien. Nur wenn es dort gelingt, die CO2-Emissionen zu begrenzen, kann die globale Erwärmung eingedämmt werden.

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Deshalb lohnt ein Blick auf die Energiepolitik der vier wirtschaftlichen Schwergewichte des Kontinents – China, Japan, Indien und Südkorea. Alle vie rhaben für die anderen asiatischen Volkswirtschaften durchaus Vorbildcharakter.

Energiepolitik in China

China hat sich auf der Klimakonferenz von Kopenhagen 2009 freiwillig bereit erklärt, bis 2020 seine CO2-Emissionen je Einheit des Bruttoinlandsprodukts um 40 bis 45 Prozent zu verringern – verglichen mit dem Ausstoß im Jahr 2005. Den Anteil nicht-fossiler Energieträger am Primärenergieaufkommen will es bis dahin von aktuell elf auf 15 Prozent steigern. Die Kohle – der einzige wichtige heimische Energieträger – kommt heute auf 70 Prozent.

Anteil der Kernenergie soll steigen

Die Volksrepublik China erzeugt fast 80 Prozent ihres Stroms durch das Verfeuern von Kohle, 17 Prozent durch den Einsatz Erneuerbarer Energie – zumeist Wasserkraft – und knapp zwei Prozent durch Kernenergie. Da sein Strombedarf weiter rasant ansteigt, setzt der größte CO2-Emittent der Welt vor allem auf die Kernkraft und baut seine Reaktorkapazitäten zügig aus. Derzeit befinden sich 27 Reaktoren im Bau. Bis 2020 soll die Zahl der Kraftwerke von derzeit 15 auf 71 steigen.

Kernenergie und sozialistische Überschätzung

Bisher nahm die Öffentlichkeit den geplanten Ausbau der Kernenergie kommentarlos hin. Nun mehren sich zumindest bei Fachleuten die Zweifel an der Sicherheit dieser Kraftwerke. China wolle überall zur Nummer eins aufsteigen und baue daher nun auch mehr Kernkraftwerke als andere Länder, so die Kritiker. Diese Mentalität des „großen Sprungs nach vorn“ sei typisch für sozialistische Länder. Sie führt aber leicht zu einer Überschätzung der eigenen technischen Möglichkeiten.

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Unabhängig von möglichen technischen Risiken der Kernkraft werden deren Ausbau und die Förderung Erneuerbarer Energien alleine nicht ausreichen, um den chinesischen Energiehunger zu befriedigen. Und selbst wenn China von seinem extensiven Wachstumsmodell Abschied nehmen möchte – wie in Kopenhagen angekündigt –, wird der Einsatz von Kohle aufgrund des Wirtschaftswachstums weiter ansteigen.

Japan setzt auf Kernenergie

Japans energiepolitische Zukunft steht vor einer erneuten Kehrtwende. Nach der Katastrophe von Fukushima im Frühjahr 2011 wurden alle Kernkraftwerke abgeschaltet, um deren Sicherheit zu überprüfen. Zudem hatte die damalige Regierung hatte beschlossen, bis Ende der 2030er-Jahre schrittweise aus der Kernenergie auszusteigen. Doch Japans 2012 gewählter Ministerpräsident Shinzo Abe will die Energiereform „reformieren“. Er reiste nicht nur als Chefverkäufer für Atomkraft „Made in Japan“ durch die Welt und akquirierte Großaufträge aus der Türkei und Großbritannien. Der Regierungschef drängt auch darauf, möglichst viele der noch funktionstüchtigen Reaktoren wieder ans Netz zu bringen. In der jüngsten Energiestrategie wird Atomkraft wieder als „wichtige Stromquelle für die Grundlast“ bezeichnet, auf der andere Energieträger aufbauen können. Zudem ging die Aufbereitungsanlage im nordjapanischen Rokkasho nach Jahren der Verzögerung 2014 in Betrieb.

Trotz Fukushima weiter Kernenergie

Jüngst hat die Regierung eine Genehmigung für den Bau von drei neuen Atomreaktoren angekündigt. Einen davon soll sogar Tepco, der Betreiber des havarierten Meilers in Fukushima, bauen. Dabei handelt es sich aber um Anlagen, die bereits vor 2011 eine Genehmigung erhielten. Zumal Unternehmen zum Teil schon an ihnen bauten, bevor die Projekte nach dem Fukushima-Desaster stillgelegt wurden.

Als Gründe für den „Ausstieg aus dem Ausstieg“ werden die hohen Kosten genannt, die der Ersatz des Atomstroms durch herkömmliche Thermalkraftwerke verursacht. Die erhöhten Rohstoffimporte haben die traditionell hohen Überschüsse in Japans Handelsbilanz in Defizite verwandelt.

Japanische Bevölkerung bewertet Kernenergie kritisch

Dennoch setzt Abe in seiner Energiestrategie wohlweislich keine konkreten Ziele für die Atomkraft. Erstens ist noch unklar, wie viele der abgeschalteten Atommeiler wieder eingeschaltet werden können. Zweitens würden allzu klare, ambitionierte Ziele nur den latenten Widerstand in der Bevölkerung schüren. Nach Umfragen befürwortet noch immer eine Mehrheit der Japaner zumindest einen schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie.

Der Staat fördert weiterhin den Ausbau erneuerbarer Energiequellen. Deren Bedeutung soll von einer niedrigen Basis ausgehend kräftig wachsen –bis 2030 könnte der Anteil am Energieverbrauch auf 25 bis 35 Prozent steigen, 700 Milliarden US-Dollar sollen investiert werden.

Indien treibt den Ausbau der Kernenergie voran

Stromausfälle gehören in Indien zum Alltag und belasten die wirtschaftliche Entwicklung des 1,2 Milliarden Einwohner großen Landes. Das Land plant weiterhin mit einem Wirtschaftswachstum von sechs bis acht Prozent pro Jahr. Bei diesem Entwicklungstempo wird Indien im Jahre 2030 nach den USA und China zum drittgrößten Energiekonsumenten in der Welt aufgestiegen sein.

Energiehunger Indiens wächst

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Vorrangiges Ziel der indischen Regierung ist es daher, die Kapazität auszubauen und damit die Versorgungssicherheit für das gesamte Land zu erreichen. Angesichts des enorm wachsenden Energiebedarfs ist dies eine Herkulesaufgabe. Gleichzeitig soll die Abhängigkeit von Öl-, Kohle-und Gasimporten reduziert werden. Zudem hat sich die Regierung ein Klimaschutzziel gesetzt: Für jede Einheit des Bruttoinlandsproduktes sollen im Jahr 2020 um 20 bis 25 Prozent weniger CO2 anfallen als noch 2005.

Um diese Ziele zu erreichen, setzt das Land neben dem Bau weiterer Atomkraftwerke auf den Ausbau der Erneuerbaren Energien.

Kernenergie steht im Zentrum

Derzeit sind in Indien 20 Reaktoren am Netz. Bis 2020 plant Indien den Bau von bis zu 12 weitere Kernkraftwerke. Die installierte Leistung soll von 5.000 Megawatt auf 20.000 Megawatt steigen. Nach Planungen aus dem Jahr 2010 sollten bis 2050 sogar 470.000 Megawatt Kraftwerksleistung bereit stehen.

Erneuerbare Energie gewinnen ebenso an Relevanz

Der Anteil Erneuerbarer Energien an der gesamten Stromproduktion soll bis 2022 auf rund 16 Prozent ausgebaut werden. Der Ausbau der Erneuerbaren wird in Indien angesichts der chronischen Energieknappheit des Landes und der Engpässe bei fossilen Energiequellen überwiegend begrüßt. Zur wachsenden Akzeptanz tragen die sinkenden Preise der neuen Energiequellen bei. Die Kernenergie ist demgegenüber nicht unumstritten. Der Vorwurf: veraltete, größtenteils sowjetische bzw. russische Technik und mangelnde Sicherheit.

Südkorea plant Ausbau der Kernenergie

Die Regierung Südkoreas hat im Januar beschlossen, den Anteil der Kernenergie an der Kraftwerkskapazität von aktuell 25 Prozent bis zum Jahr 2035 auf 29 Prozent zu erhöhen –bei weiter wachsendem Energieverbrauch. Dazu müssten über die bereits geplanten elf neuen Meiler hinaus mindestens sechs bis sieben zusätzliche gegen den wachsenden Widerstand in der Bevölkerung durchgesetzt und gebaut werden. Ob dies gelingt, ist offen. Aktuell verfügt das Land über 23 Kernkraftwerke.

Ausbau wird aber gedrosselt

Allerdings nimmt Korea mit den aktuellen Beschlüssen Abschied von den alten Planungen aus dem Jahr 2008, die einen Ausbau der Kernenergie auf bis zu 41 Prozent der Kraftwerkskapazität im Jahr 2030 vorsahen.

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China begründet den Bau neuer Kernkraftwerke mit den Argumenten der nationalen Energiesicherheit – wie Japan verfügt das Land kaum über eigene fossile Rohstoffe –und den Klimazielen: Der „National Energy Master Plan (2008–2030)” aus dem Jahr 2010 sieht eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen um 30 Prozent bis 2020 vor, verglichen mit den Projektionen für dieses Jahr bei einer unveränderten Klimapolitik. Zu diesem Ziel hat sich Südkorea auch auf der Klimakonferenz von Kopenhagen 2009 verpflichtet. Damit läge der Ausstoß jedoch nur vier Prozent unter dem des Jahres 2005.

Korea setzt auf wachsende globale Nachfrage nach Kernenergie

Ein willkommener Nebeneffekt der Neubaupläne besteht darin, moderne Referenzprodukte zu besitzen, mit denen man auf dem Weltmarkt für koreanische Kernkraftwerkstechnologie werben kann. In Korea geht man von einer wachsenden globalen Nachfrage aus.

Der Anteil Erneuerbarer Energien am Energieverbrauch soll bis 2035 auf 11 Prozent steigen. Derzeit ist Korea mit einem Anteil von nur einem Prozent das Schlusslicht aller OECD-Länder.

Energiebedarf vs. Wirtschaftswachstum in Korea

Das Dilemma der koreanischen Energiepolitik besteht darin, dass sich die Volkswirtschaft noch immer nicht vom extensiven Wachstumsmodell verabschiedet hat. Wirtschaftsentwicklung und Energieverbrauch sind stärker aneinander gekoppelt als in anderen OECD-Staaten. Der tatsächliche Energiebedarf läuft dem geplanten immer wieder davon. Angesichts mittel-und langfristig weiter steigender Energiepreise und einer hohen Importabhängigkeit muss Südkorea daher sein Wachstumsmodell ändern, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Fazit: Kernenergie in Asien auf dem Vormarsch

Die Analyse zeigt: Alle vier Länder wollen im Gegensatz zu Deutschland auch künftig auf Kernenergie nicht verzichten, um ihre Klimaschutzziele zu erreichen. Die Länder sehen sich außer Stande, ihre CO2-Ziele nur durch den Ausbau Erneuerbarer Energien zu erreichen: in den großen Schwellenländern China und Indien aufgrund des absehbar wachsenden Energiebedarfs, in Japan und Südkorea wegen des noch immer extensivenWachstumsmodells. Dies kann man bedauern oder verurteilen. Aber die Alternative, das Verfeuern noch größerer Mengen fossiler Energie, wäre für das Weltklima schlimmer.

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2 Gedanken zu “Kernenergie: Asien setzt auf Atomkraft

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