Mindestlohn: Keine negativen Auswirkungen auf die Ausbildungsbereitschaft

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Das „Tarifautonomiestärkungsgesetz“ sah vor, ab 2015 einen allgemein gültigen Mindestlohn von 8,50 Euro in der Stunde einzuführen – mit nur wenigen Ausnahmen. So sollten Jugendliche unter 18 Jahren davon ausgenommen sein, wenn sie noch keine Berufsausbildung abgeschlossen haben. Unternehmer- und Arbeitgeberverbände sowie Politiker der Unionsparteien forderten eine höhere Altersgrenze von bis zu 23 Jahren.

Mindestlohn halte von Ausbildung ab

Ihr Argument: Viele Jugendliche seien bereits volljährig, wenn sie die Schule beendeten, und die Diskrepanz zwischen der niedrigeren Ausbildungsvergütung und dem unmittelbar erzielbaren Arbeitseinkommen verleite dazu, keine Ausbildung zu beginnen, sondern als Ungelernter zu arbeiten. Der Mindestlohn habe daher eine negative Anreizwirkung auf diese Altersgruppe. Der demografisch bedingte Fachkräftemangel in der Zukunft würde dadurch verstärkt.

Über alle Lehrberufe und über eine dreijährige Ausbildungszeit gerechnet liegt die Ausbildungsvergütung in Westdeutschland derzeit bei 765 Euro im Monat, beginnend mit 690 Euro im ersten Ausbildungsjahr. In Ostdeutschland wird weniger gezahlt. Bei einem Stundenlohn von 8,50 Euro würde ein ungelernter Vollzeitbeschäftigter 1.400 Euro brutto im Monat verdienen. Die Befürchtungen der Kritiker sind also nicht einfach von der Hand zu weisen.

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Volkswirtschaftliche Bedeutung der Berufsausbildung

Der Sachverständigenrat hat bereits in seinem Jahresgutachten 2004/05 und erneut im Gutachten 2009/10 die wichtige Rolle der Berufsausbildung betont. Sie erhöht den Humankapitalbestand der Volkswirtschaft. Diese Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten sind in unserer rohstoffarmen Volkswirtschaft wichtige Bestimmungsfaktoren für das Wirtschaftswachstum. Die sozialen Bildungserträge, d.h. die positiven externen Effekte der Berufsausbildung, reichen aber noch weiter: Facharbeiter werden seltener arbeitslos als Ungelernte. Dadurch werden geringere Sozialtransfers notwendig und die Kriminalitätsrate ist niedriger.

Mindestlohns vs. Ausbildung?

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Wenn die Argumentation der Arbeitgeber stimmen würde – Mindestlöhne wirkten negativ auf die Ausbildungsbereitschaft –, wäre dies aber nicht nur schlecht für die Volkswirtschaft und die Gesellschaft, sondern auch für die jungen Erwachsenen selbst. Nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung vom Januar dieses Jahres liegen die privaten Bildungserträge, sprich das Lebensarbeitskommen eines Facharbeiters ohne Abitur, um 25 Prozent über denen eines Ungelernten: 1.325.000 Euro zu 1.083.000 Euro (Schmillen/Stüber 2014). Bildung zahlt sich also aus – zumindest in der langen Frist. Allerdings erfordert es jedoch einen gewissen Weitblick.

Mindestlohn hat keine Wirkung auf Ausbildungsbereitschaft

Über 85 Prozent der Schulabgänger verfügen über diesen Weitblick – sie beginnen und beenden eine Ausbildung. Für diese große Gruppe ist der höhere Mindestlohn also irrelevant.

Für die ausbildungsunwilligen Schulabgänger könnte die Tatsache, dass sie bei einem auch für sie geltenden Mindestlohn von 8,50 Euro größere Probleme bekommen, einen Aushilfsjob zu finden, als wenn sie davon ausgenommen wären, eine Motivation sein, sich (erneut) um einen Ausbildungsplatz zu bemühen. Immerhin haben 90 Prozent der Jugendlichen ohne Berufsabschluss schon einmal nach einem Ausbildungsplatz gesucht und 40 Prozent sogar eine Ausbildung begonnen, wie eine Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung zeigt (Krekel/Ulrich 2014).

Problemgruppe: Mindestlohn macht wenigstens Arbeit attraktiver

Den harten Kern innerhalb der Problemgruppe der Bildungspolitik, die nicht Ausbildungsfähigen oder hartnäckig Ausbildungsunwilligen, kann man auch durch eine Anhebung der Altersgrenze auf 23 Jahre nicht erfolgreich qualifizieren. Für sie ist es aufgrund des Mindestlohns ab dem 18. Lebensjahr aber zumindest attraktiver zu arbeiten als das Arbeitslosengeld II zu beziehen.

Unabhängig davon, dass es sich bei der Anhebung der Mindestlohn-Altersgrenze um eine unzulässige Diskriminierung handeln würde, wäre sie mit Blick auf den Ausbildungsmarkt sogar kontraproduktiv.

Literatur:

Schmillen, Achim/ Stüber, Heiko: Bildung lohnt sich ein Leben lang, IAB-Kurzbericht 1/2014. http://doku.iab.de/kurzber/2014/kb0114.pdf

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Krekel, Elisabeth M./ Ulrich, Joachim Gerd: Jugendliche ohne Berufsabschluss. Handlungsempfehlungen für die berufliche Bildung, Berlin 2009. http://www.bibb.de/dokumente/pdf/a21_gutachten_jugendliche-ohne-berufsabschluss.pdf


Autor: Dr. Jörg Lichter

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