Wettbewerbsfähigkeit 4.0 in einer globalisierten Welt

Wettbewerbsfähigkeit 4.0 in einer globalisierten Welt

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Deutschland braucht mehr Wettbewerbsfähigkeit 4.0. Denn Wie kaum ein anderes Land hat Deutschland von der Globalisierung profitiert. Aber nicht mehr der grenzüberschreitende Warenhandel, sondern die Digitalisierung werden in Zukunft über den Wohlstand einer Volkswirtschaft entscheiden. Hier muss Deutschland aber kräftig aufholen. Von Prof. Dr. Dr. h.c. Bert Rürup

Deutschland hat wie kaum ein anderes Land von der wirtschaftlichen Globalisierung profitiert. Im Zuge des rasant steigenden Welthandels und der Industrialisierung vieler Schwellenländer waren hochpreise Autos und Investitionsgüter „Made in Germany“ weltweit gefragt wie nie zuvor. Die starke, zu einem Großteil mittelständisch geprägte Exportindustrie bildet heute die Basis für das, was weltweit als „deutsches Jobwunder“ bewundert wird und was Deutschland zu einem Magnet für ausländisches Kapital und Arbeitskräfte gemacht hat.

Doch seit der Finanz- und Wirtschaftskrise im Winter 2008/09 ist die weltwirtschaftliche Dynamik erlahmt, die Globalisierung macht eine Pause. Manche Ökonomen sehen den grenzüberschreitenden Güterhandel sogar schon als „Auslaufmodell“ an. Wesentlicher Grund dafür: die Digitalisierung des Wirtschaftslebens.

Digitalisierung und Wettbewerbsfähigkeit 4.0

Digitalisierung steht für die Übersetzung menschlicher Tätigkeiten in eine von Maschinen lesbare Sprache, um sie dann von vernetzten Computern und Robotern, dem „Internet der Dinge“, durchführen zu lassen. Zweifelsohne wird diese nach Mechanisierung, Massenfertigung und Automatisierung vierte Phase der Industrialisierung – die „Industrie 4.0“ massive aber bislang erst wenig diskutierte Folgen für die internationale Arbeitsteilung haben.

Einerseits besteht das Risiko, dass Arbeitsplätze in großer Zahl wegfallen, weil viele Tätigkeiten künftig von „intelligenten Maschinen“ ausgeführt werden können. Andererseits bestehen Chancen, dass aufgrund der technologisch bedingt sinkenden Bedeutung von Arbeitskosten bei Produktions- und Standortentscheidungen, in Niedriglohnländer ausgelagerte Fertigungen wieder zurück in die etablierten Industrieländer geholt werden. Damit würde die Dynamik des Welthandels, der gegenwärtig noch zu etwa drei Viertel aus Produkten des gewerblichen Sektors besteht, spürbar nachlassen.

Was bedeutet: Wettbewerbsfähigkeit 4.0?

Dies hat Folgen für die Bedeutung der Kriterien, anhand derer Unternehmen ihre Standortentscheidungen treffen. Ein
Unternehmen gilt als wettbewerbsfähig, wenn es seine Waren und Dienstleistungen mit Gewinn abzusetzen kann. Auf Märkten, auf denen gleichartige und standardisierte Produkte gehandelt werden, ist die entscheidende Größe der Preis – und der hängt vor allem von den Lohnkosten und den preisrelevanten regulatorischen Auflagen und Steuern ab.

Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen

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Mit schwindender Homogenität und Standardisierung des Angebots gewinnen nichtpreislichen Parameter an Bedeutung. Dazu zählen etwa technologisches Niveau, wissensbasierte Individualität, Zuverlässigkeit und Haltbarkeit sowie Lieferpünktlichkeit, Servicequalität oder Zahlungsmodalitäten. Diese Produkteigenschaften sind es, die heute die starke Stellung der deutschen Industrie mit ihrem sehr leistungsfähigen Mittelstands auf dem Weltmarkt ausmachen – trotz der hohen und in der letzten Zeit recht kräftig gestiegenen Lohnkosten.

Wettbewerbsfähigkeit von Staaten

Die Wettbewerbsfähigkeit von Staaten steht für „die Fähigkeit eines Landes, Wachstum und hohe Beschäftigung zu realisieren ohne Leistungsbilanzprobleme in Kauf zu nehmen, d.h. ohne dauerhaft über seine Verhältnisse zu leben“ (Bundesfinanzministerium, 2013). Oberstes Ziel des staatlichen Strebens nach internationaler Wettbewerbsfähigkeit ist
– oder sollte zumindest sein – die Maximierung des allgemeinen Wohlstandsniveaus und damit von Einkommen und Beschäftigung der Einwohner.

Volkswirtschaftliche Konsequenzen der Digitalisierung unklar

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann niemand seriös voraussagen, ob die anstehende Digitalisierung vieler Unternehmensprozesse und Produkte mit einem den Wohlstand erhaltenden oder steigernden kompensatorischen
Beschäftigungsaufbau in anderen gesellschaftlichen Bereichen einhergeht oder ob es zu einer den allgemeinen Wohlstand „fressenden“ verfestigten Massenarbeitslosigkeit kommt, die eine ökonomische Neubewertung der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens erzwingen würde. Diese Frage ist einer zukünftigen Analyse vorbehalten.

Wettbewerbsfähigkeit von Standorten verändert sich

Klar ist aber, dass sich die Faktoren, die die Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität eines Wirtschaftsstandorts bestimmen, im Zuge dieser „vierten industriellen Revolution“ signifikant verändern werden.

Heute gelten vor allem

  • die Kosten und die Qualifikation der Erwerbstätigen,
  • die Qualität und Angemessenheit der staatlichen Infrastrukturausstattung und
  • die rechtlich institutionellen Rahmenbedingungenals maßgebliche Standortfaktoren.

Letztlich sind die Lohnstückkosten zusammen mit der Flexibilität der Arbeitszeiten und der Rigidität des Kündigungsschutzes die entscheidenden Größen.

Das wird sich ändern. Mit der Wettbewerbsfähigkeit 4.0 werden andere Faktoren relevant.

Lohnkosten verlieren an Relevanz

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Mit fortscheitender Digitalisierung wird die Standortrelevanz der Lohnkosten abnehmen und dafür – im Zuge der Zunahme von befristeten Projektarbeiten – die Möglichkeit einer Flexibilisierung von Arbeitszeiten und Beschäftigungsformen an Bedeutung gewinnen. Gleichermaßen gewinnt die mathematisch naturwissenschaftliche Kompetenz der Erwerbsbevölkerung an Bedeutung. Zudem muss sich das Bildungssystem weniger an der Wissensvermittlung, sondern viel mehr an einer problemorientierten Anwendung von Wissen orientieren.

Datennetze gewinnen an Relevanz

Bei der Beurteilung der staatlichen Infrastruktur stehen heute noch die Leistungsfähigkeit des Verkehrssystems (Straße, Schiene, Luft, Wasserwege) und die sichere und kostengünstige Energieversorgung an vorderster Stelle. Künftig wird die Leistungsfähigkeit der Infrastruktur eines Landes jedoch ganz entscheidend von Übertragungsraten, Zuverlässigkeit und Sicherheit der Datennetze abhängen.

EGovernement gewinnt an Relevanz

Hinsichtlich der investitions und damit wachstumsfreundlichen institutionellen Rahmenbedingen werden im durch eine schnelle Abfolge technischer Innovationen und neuer Geschäftsmodelle gekennzeichneten digitalen Zeitalter auch die Schnelligkeit und Effizienz bürokratischer Prozesse eine noch größere Standortrelevanz erlangen. Zu einem immer wichtigeren Wettbewerbsfaktor dürften zudem die Regeln zum Schutz geistigen Eigentums werden.

Digitalisierung als Chance für die deutsche Wirtschaft

Mit der Digitalisierung werden viele traditionelle Geschäftsmodelle von Unternehmen und sogar von Staaten zur Disposition gestellt. Heute ist die deutsche gewerbliche Wirtschaft mit ihren durchweg durch Individualisierung, Modularisierung, Lieferpünktlichkeit und hoher Servicequalität charakterisierten Produkten weltweit erfolgreich. Für
sie stellt die Industrie 4.0 deshalb keine generelle Bedrohung dar. Vielmehr bietet die Digitalisierung die Chance, ins lohnkostengünstigere Ausland outgesourcte Wertschöpfungsketten und abgewanderte Produktlinien zu repatriieren.

Voraussetzung ist allerdings, dass Politik und Unternehmenslenker die Digitalisierung nicht als ein Thema von morgen, sondern die Wettbewerbsfähigkeit 4.0 als die Herausforderung von heute ansehen.

Zum einen ist die Politik gefordert, ihre Infrastrukturinvestitionen neu zu gewichten und die Bildungs- und Technologiepolitik schleunigst an die neuen Herausforderungen anpassen sowie das Arbeitszeitgesetz zumodernisieren. Zum anderen muss die Industrie ihre Produkte und Fertigungsverfahren ständig hinterfragen, um nicht früher oder später nur noch zu einem Zulieferer von Apple, Google, Tesla & Co zu werden.

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Industrie 4.0 verlangt eben weit mehr, als hohe Ingenieurskunst und langlebige, hoch wertige Maschinen aus Stahl und Kunststoff.

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