Protektionismus: Wann funktioniert er und wann nicht?

Protektionismus: Wann funktioniert er und wann nicht?

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Der Protektionismus war lange als wachstumsfeindlich verschrien. Mittlerweile hat er in der Öffentlichkeit und an den linken und rechten politischen Rändern aber wieder an Zustimmung gewonnen. Dabei muss der Portektionimus differenziert betrachten werden. Nicht immer ist er wachstumsfeindlich. Und besonders Deutschland wäre ohne protektionistische Maßnahmen heute nicht in seiner wirtschaftlich starken Position. Von Dr. Jörg Lichter

Seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump geht nicht nur in Deutschland ein Gespenst um, das auf den Namen Protektionismus hört. Das Wort „Handelskrieg“ war schon lange nicht mehr so oft zu lesen wie in den vergangenen Wochen. Für den Chef des Deutschen Außenhandelsverband Anton Börner stellt Trumps Protektionismus „ein konkretes Risiko“ für deutsche Unternehmen dar. „Ganz sicher führt eine solche Politik der Isolierung und Abschottung in einen wirtschaftlichen Niedergang“, warnt er. „Daran kann hierzulande niemand ein ernsthaftes Interesse haben.“

Deutsche Kritik am Protektionismus besonders laut

Angesichts des Rekordaußenhandelsüberschusses von 252,9 Milliarden Euro im abgelaufenen Jahr ist die Kritik aus Deutschland an Trumps Kurs erwartungsgemäß besonders laut. Denn fast noch schlimmer als vermutlich eher symbolische Schutzzölle in den USA wäre, wenn Trump mit seiner Politik Erfolg hätte und andere Länder seinem Beispiel folgen würden.
Tatsächlich ist der Vorwurf, die US-Handelspolitik sei egoistisch und nationalistisch, unredlich und ebenso von eigensüchtigen Motiven des Exportweltmeisters Deutschland getrieben.

Ricardo-Torrens-Modell der statischen komparativen Kostenvorteile

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Es ist zwar richtig, dass vor 200 Jahren die Nationalökomonem David Ricardo und Robert Torrens in einem einfachen Modell nachwiesen, dass Freihandel für alle Beteiligten stets vorteilhaft sei. Doch inzwischen hat die Nationalökonomie eine differenzierte Sicht auf ungehinderte weltweite Warenströme. Der Blick geht inzwischen über das einfache, die Allokationsvorteile in den Vordergrund stellende Modell der britischen Ökonomen hinaus.

Im Ricardo-Torrens-Modell der statischen komparativen Kostenvorteile aus dem Jahr 1817 erzielen die beiden Länder Portugal und Großbritannien positive Wohlfahrtseffekte, wenn sie sich auf die Herstellung und den Export solcher Waren spezialisieren, die sie aufgrund ihrer vorhandenen Faktorausstattung relativ kostengünstiger herstellen können – Portugal seinen Wein und Großbritannien sein Tuch. Die jeweils andere Ware wird importiert. Unter Allokationsaspekten sind Spezialisierung und Freihandel vorteilhaft; alle Beteiligten profitieren, denn der zu verteilende gesamtwirtschaftliche Kuchen wird größer.

Verteilungsfragen bei Freihandel oft nicht berücksichtigt

Paul Samuelson, der überragende Ökonom der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, brachte 2004 erstmals Verteilungsfragen in die Debatte um die Vor- und Nachteile des Freihandels ein. Er bestritt, dass die Wohlfahrtsgewinne „gewissermaßen axiomatisch“ auch den Menschen zu Gute kämen, deren Arbeitsplätze durch die Spezialisierung und den Freihandel verloren gingen. Im Ergebnis profitiere langfristig längst nicht jeder von freien Märkten und offenen Grenzen.

Der für seine „neue Außenhandelstheorie“ mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnete Paul Krugman kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass der Freihandel vielen Menschen auch schaden könne. Er betonte, dass für viele Arbeiter in den USA die Globalisierung eine „deprimierende Erfahrung“ sei. Modellhaft konnte er zeigen, dass vorübergehende Schutzzölle einem Land durchaus Vorteile bringen können.

Deutschland profitierte vom Protektionismus

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Die deutsche Pauschalkritik am Protektionismus übersieht dagegen, dass eine Beschränkung des Freihandels aus der Sicht einer einzelnen Volkswirtschaft durchaus sinnvoll sein kann – beispielsweise als entwicklungspolitische Handlungsstrategie wie unsere eigene
Wirtschaftsgeschichte zeigt.

Der deutsche Zollverein von 1833/34 beseitigte zwar die Zollschranken zwischen den deutschen Bundesstaaten. Doch an den Außengrenzen dieses einheitlichen Zollgebiets wurden ab den 1840er Jahre Zollbarrieren errichtet, hinter denen die jungen Industrien der sich gerade industrialisierenden deutschen Wirtschaft wachsen konnten, ohne von der
überlegenen britischen Konkurrenz erdrückt zu werden.

Erziehungszoll und Schutzzoll

Den ideologischen Überbau der Schutzzollpolitik lieferte Friedrich List im Jahr 1841 mit seinem Plädoyer für einen „Erziehungszoll“. Ob Freihandel in der Summe positive oder negative gesamtwirtschaftliche Effekte habe, hängt nach List vom ökonomischen Entwicklungsstand einer Volkswirtschaft ab. Freihandel war demnach um 1850 für die technologisch führende Nation Großbritannien sinnvoll, während für den Nachzügler
Deutschland ein mäßiger Schutzzoll eine durchaus angemessene handelspolitische Wachstumsstrategie war, um eine starke Industrie aufzubauen.

Der US-Ökonom Joseph Stiglitz, ebenfalls mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet, hat jüngst den List´schen Erziehungszoll mit einer Absage an das Ricardo-Torrens-Modell des statischen komparativen Kostenvorteils verknüpft. Sein Ergebnis: In einer marktliberalen Welt hätte es das südkoreanische Wirtschaftswunder nie gegeben. „Südkorea hatte keinen
komparativen Vorteil in der Erzeugung von Halbleitern, als es mit dem Umbau seiner Industrie begann. Sein statischer komparativer Vorteil lag in der Produktion von Reis“, so Stiglitz. Hätte sich das Land mit seinen natürlichen Ressourcen zufrieden gegeben, dann „wäre Südkorea heute möglicherweise der beste Reisproduzent der Welt, aber es wäre
immer noch arm“.

Freihandel kann Armut festigen

Eine Fokussierung der Entwicklungspolitik auf die statischen komparativen Vorteile hält unterentwickelte Volkswirtschaften in der Armutsfalle gefangen. Portugal, dass sich im Beispiel Ricardos auf das „alte“ Produkt Wein konzentrierte, blieb bis in die zweite Hälfte des Jahrhunderts das Armenhaus Europas und lange Zeit eine „Halbkolonie“ Großbritanniens.
Großbritannien selbst, das sich auf die Herstellung des damals modernen Industrieprodukts Tuch spezialisierte, schaffte den Aufstieg zur industriellen Vormacht des 19. Jahrhunderts und machte sich danach auf der internationalen Ebene für Freihandel stark.

Südkorea als gelungenes Beispiel für Protektionismus

Südkorea dagegen entging durch eine stringente nationale Entwicklungsstrategie kombiniert mit einem intelligenten Zollregime dem portugiesischen Schicksal. Aus dem armen Entwicklungsland wurde schnell ein moderner Industriestaat.

Um 1970 entwickelte der mächtige südkoreanische Wirtschaftsplanungsrat nach japanischem Vorbild eine Strategie, durch gezielte Expansion in Zukunftsbranchen wie Schiffbau, Chemie, Automobil und Konsumelektronik den Industrialisierungsprozess zu beschleunigen – mithilfe von „Chaebols“, großen staatlich privilegierten Industriekonglomeraten in Familienbesitz, wie etwa Samsung, Hyundai, oder LG. Begleitet wurde das Programm durch eine traditionelle merkantilistische Politik: Rohstoffe, Halbprodukte und Kapitalgüter wie Maschinen konnten zollfrei eingeführt werden, wenn sie der Herstellung von Exportprodukten dienten. Fertigwarenimporte wurden mit einem Zoll belegt. Exportförderung und Importsubstitution waren in diesem Fall zwei Seiten einer Medaille.

USA braucht keinen Protektionismus

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Doch die USA des 21. Jahrhundert sind nicht das Korea der 1970er Jahre. Die USA sind auf vielen Märkten führend, wie etwa der Autobauer Tesla, der Techkonzern Apple oder der Internetriese Google beweisen. Diese Unternehmen brauchen keinen Schutz.

Trump hingegen will die alten US-Industrien durch einen Einfuhrzoll schützen und glaubt so den Strukturwandel aufhalten zu können. Doch das hat noch nie geklappt; vielleicht sollte Trump einer seiner ersten Auslandsreisen ins Ruhrgebiet unternehmen. Eisen- und Stahlindustrie sowie der Bergbau sind in Industriestaaten unrettbar. Da helfen auch hohe
Mauern nicht.

Der Chefökonom

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