Demografischer Wandel: Alles nur Panikmache?

Demografischer Wandel: Alles nur Panikmache?

Das Bild zeigt einen Button zum Abonnement von DER CHEFÖKONOM.

Demografischer Wandel: Laut Experten tickt eine Zeitbombe, die die gesellschaftliche Solidarität und das Wirtschaftswachstum der kommenden Jahre bedroht. Ist dies so? Oder handelt es sich dabei um Panikmache? Und welche Rolle spielt die Zuwanderung der letzten Jahre? Eine Analyse von Prof. Dr. Bert Rürup

Auf einmal scheint alles ganz anders als gedacht: Die demografische Zeitbombe scheint nicht zu explodieren. Ganz im Gegenteil: Die Rentenkasse quillt über. Ihre Rücklage wird dieses Jahr – trotz der im Rentenreformpaket beschlossenen Leistungsverbesserungen – auf ein Rekordniveau von gut 38,5 Milliarden Euro steigen. Gleichzeitig klettert die Zahl der Erwerbstätigen von einem Rekord zum nächsten. Dieses Jahr werden erstmals im Schnitt mehr als 45 Millionen Personen erwerbstätig sein. Vom Arbeitskräftemangel ist also keine Spur.

Ein Grund für dieses Wunder ist die sei gut drei Jahren anhaltend hohe Zuwanderung. Alleine in 2018 lag der Zuwanderungssaldo mit 400.000 Personen deutlich im positiven Bereich.

Demografischer Wandel: Kein Probleme mehr?

Das Bild zeigt ein Banner für ein E-Book von der Chefökonom

Doch sind die demografischen Probleme wirklich gelöst?

Demografische Parameter

Dazu zunächst ein Blick auf die Fakten: Das, was als demografische Entwicklung angesehen wird – also die Veränderung der Größe, Zusammensetzung und der Altersstruktur einer Bevölkerung im Zeitverlauf -, wird von drei Parametern bestimmt:

  • der Geburtenentwicklung
  • der Veränderung der Lebenserwartung und
  • der Größe und Zusammensetzung des Wanderungssaldos.

Mit Ausnahme einer kurzen Phase nach der Wende sind die Zuwanderungssalden seit etwa 40 Jahre durchweg niedrig, teilweise sogar negativ. Bevölkerungswissenschaftler sehen daher die Geburtenrate und die Veränderung der Lebenserwartung als die entscheidenden Determinanten der Bevölkerungsentwicklung. Da die Geburtenrate seit Anfang der 1970er Jahre mit weniger als 1,4 Geburten pro Frau deutlich unter dem bestandserhaltenden Niveau liegt und die allgemeine Lebenserwartung trendmäßig jährlich um etwa drei Monate ansteigt, galt lange ein deutliches Schrumpfen und Altern der Wohnbevölkerung in Deutschland als sicher.

Das bestandserhaltenden Niveau: Da aus bislang unerklärlichen Gründen durchweg mehr Jungen als Mädchen geboren werden und einige Mädchen sterben, bevor sie Mütter geworden sind, liegt die „bestandserhaltende Geburtenrate“ bei etwa 2,1 Geburten pro Frau im „reproduktionsfähigen Alter“ (14 und 44 Jahren).

Prognostizierter demografischer Wandel

So soll laut der Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes die Bevölkerung in unserem Lande zurückgehen. Das Modell mit den negativsten Grundannahmen sieht einen Entwicklungspfad von derzeit etwa 83 Millionen auf 74,4 Millionen im Jahr 2060. Dies entspräche einer Schrumpfung um etwa 10,3 Prozent. Deutlich stärker soll die Anzahl der Personen im erwerbsfähigen Alter (20-64 Jahre) abnehmen. Die Prognosen zeigen eine Entwicklung von 51,8 Millionen in 2020 auf 40 Millionen in 2060. Dies entspricht einem Rückgang um stolze 22,7 Prozent.

Das Bild zeigt ein Angebot des Chefökonom Shops..

Der Altenquotient, das Verhältnis der 20 bis 64 Jährigen zu den 65 Jährigen und Älteren, soll von 31,6 auf 52,5 in 2060 steigen. Der Grund: Eine „doppelte“ Bevölkerungsalterung. Diese ist deshalb doppelt, da das Durchschnittsalter und der Altenquotient von der steigenden Lebenserwartung und der niedrigen Geburtenrate aufgetrieben werden. Die Konsequenzen für unsere umlagefnanzierten Sozialversicherungen sind seit Jahrzehnten bekannt. Aber namentlich die markante Verringerung des Erwerbspersonenpotenzials um mehr als ein Drittel und der damit verbundene Rückgang des derzeit bei etwa 1,3 Prozent pro Jahr liegenden Trendwachstums der deutschen Volkswirtschaft in der Größenordnung von 0,5 – 0,4 Prozentpunkte, sind erst seit kurzem als Problem erkannt worden.

Wirtschaftswachstun: Das Wachstum einer Volkswirtschaft lässt sich zerlegen in die Zuwachsrate der Stundenproduktivität und die Veränderung des gesamtwirtschaftlichen Arbeitsvolumens. Für die Annahme, dass im Zuge der Bevölkerungsalterung das Produktivitätswachstum nachhaltig steigen sollte gibt es keine Indizien

Zuwanderung als Lösung?

Nun sollen sich plötzlich alle diese Herausforderungen als weitgehend unbegründet erweisen. Der Grund: Die Annahme, dass die Zuwanderung keine trendbestimmende Größe sei, sei durch die Realität widerlegt worden. Seit einigen Jahren sind die Zuwanderungszahlen rasant angestiegen. Mit einer Nettozuwanderung von fast 400.000 Personen im Jahr 2018 ist Deutschland nach den USA zum zweitgrößten Einwanderungsland geworden. Ursächlich hierfür war mehrere Gründe. Neben den massiven Arbeitsmarktproblemen in den krisengeschüttelten Peripherieländern der Eurozone war es vor allem die zwischenzeitlich umgesetzte Arbeitnehmerfreizügigkeit für die beigetretenen zehn osteuropäischen Länder.

Folgt man den im Jahr 2015 veröffentlichten Berechnungen des Research Instituts der Deutschen Bank ist dadurch zum einen – nicht zuletzt als Folge der außerordentlich hohen Qualifkation der Zuwanderer – das Potenzialwachstums der deutschen Wirtschaft um beachtliche 0,4 Prozentpunkte angehoben worden. Zudem hat sich das Arbeitsangebot von gut 42 Millionen im Jahr 2010 auf 45 Millionen in 2020 ausgeweitet.

Demografischer Wandel: Problem ist noch nicht gelöst

So erfreulich dies ist, so unrealistisch ist es ebenso. Es ist ausgeschlossen, dass die in der Bevölkerungsentwicklung angelegten Probleme wie Schnee in der Sonne wegschmelzen werden. Denn selbst für den völlig unrealistischen Fall einer bis zum Jahre 2060 bei 400.000 Personen liegenden jährlichen Nettozuwanderung zeigen Berechnungen der DB-Research-Studie, dass dennoch der Altenquotient von den derzeitigen 31,6 auf 52,5 Prozent in 2060 steigen wird.

Damit würde die im Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials angelegte Wachstumsbremse zwar gelockert und der Erhöhungsdruck auf die Beitragssätze der Sozialversicherung verringert. Der Preis wäre aber eine kaum lösbaren integrationspolitischen Herausforderung. Denn der Anteil der Menschen mit ausgeprägtem Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung würde sich von derzeit etwa zehn auf 40 Prozent erhöhen. Wer an das Fortdauern der Zuwanderung in dieser Größe glaubt, verdrängt die mit der massiven Abwanderung verbundenen nachhaltigen Beeinträchtigungen der Entwicklungschancen dieser Länder.

Zuwanderung wird nicht helfen, die demografische Krise zu lösen

Sehr viel realistischer ist es, dass mit der sich abzeichnenden wirtschaftlichen Erholung in den derzeitigen süd- und osteuropäischen Auswanderungsländern die positiven Migrationssalden zurückgehen und in der mittleren Frist wieder auf dem Niveau eines positiven Zuwanderungssaldos von 100.000 Personen einschwingen werden, der zudem – wie bisher – zu einem großen Teil aus nichterwerbstätigen Familienangehörigen bestehen wird.

Wenn die in dem eingangs beschriebenen demografischen Standardszenario angelegten Verteilungs- und Wachstumsprobleme im relevanten Maße durch eine höhere Zuwanderung abgefedert werden soll, wird dies nur über eine verstärkte Anwerbung von Zuwanderern aus Ländern außerhalb des europäischen Kulturkreises möglich sein – konkret aus dem arabisch/nordafrikanischen Raum. Darauf aber ist unsere alternde Gesellschaft nicht vorbereitet. Denn soll Zuwanderungspolitik erfolgreich sein, kommt es nicht auf die physische Anwesenheit von Migranten an, sondern auf deren erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt einerseits wie in die Zivilgesellschaft andererseits.

Lösungen für den demografischen Wandel

Das Bild zeigt ein Werbebanner für DER CHEFÖKONOM.
Anzeige

Bei einer realistischen Betrachtung wird uns daher letztlich doch nichts anderes übrig bleiben, als den demografischen Herausforderungen vor allem mit den bekannten „Bordmitteln“ zu begegnen. Diese „Bordmittel“ waren und sind:

  • eine weitere Absenkung der schulischen Abbrecherquoten,
  • eine höhere Durchlässigkeit unseres Hochschulsystems für Kinder aus Haushalten mit Migrationshintergrund,
  • eine verstärkte Inklusion von Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt,
  • die Abschaffung des Betreuungsgelds,
  • ein Ersatz des Ehegattensplittings, durch ein Realsplitting; Denn das Ehegattensplitting setzt – namentlich für Frauen – Anreize nicht vollzeitig berufstätig zu sein;
  • eine technologiepolitische Offensive zur Beschleunigung des produkt- und prozessinnovativen technischen Fortschritts,
  • intelligente Teilrentenlösungen, die einerseits einen fexiblen Ausstieg aus dem Arbeitsleben ermöglichen aber andererseits auch denjenigen älteren Arbeitnehmer(innen), die Lust dazu haben, die Option einer rentensteigender Weiterbeschäftigung nach dem Erreichen der Regelaltersgrenze zu eröffnen
  • und nicht zuletzt – horribile dictu – eine nochmalige gleitende Anhebung des gesetzlichen Rentenalters von 67 Jahre auf 69 Jahre im Zeitraum 2030 bis 2050.

Königswege gibt es – leider – nicht!

Der Chefökonom

Der Chefökonom

Kommentar verfassen