Digitale industrielle Revolution: Ein Weg für Europa?

Digitale industrielle Revolution: Ein Weg für Europa?

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Die digitale industrielle Revolution verändert in rasendem Tempo die Weltwirtschaft. Welche Konsequenzen hat dies für traditionelle Branchen? Und wie kann die Europäische Union davon profitieren? Eine Analyse von Jeremy Rifkin

Kanzlerin Angela Merkel hat vor kurzem erklärt, ihre Regierung erwäge Investitionen, um die Wirtschaft in Deutschland und Europa zu stimulieren. Die Kanzlerin sagte, sie sei besonders interessiert an Investitionen in den „Digitalbereich“ und die Umwandlung des Energiesektors in einen erneuerbaren Energiemix. Ihre Bemerkungen sind aktuell. Denn die wirtschaftliche Diskussion in den europäischen Hauptstädten hat sich schnell dem neuen Thema eines grünen, von Spitzentechnik geprägten „digitalen Europa“ zugewandt, um so die Integration des EU-Binnenmarktes voranzutreiben und ihn und seine Partnerregionen langfristig auf eine nachhaltige, emissionsarme Wirtschaft auszurichten.

Digitale Industrielle Revolution: Die Null-Grenzkosten-Wirtschaft

Die Digitalisierung des europäischen Raums ist weit mehr als das Verfügbarmachen von nahtlosem Breitband, einem zuverlässigen WLAN und dem Fluss von Big Data. Die digitale Ökonomie ist der Beginn einer Revolution in der globalen Wirtschaft. Sie verändert die Arbeitsweise fast aller Industrien, und damit einher gehen einmalige ökonomische Chancen und Geschäftsmodelle.

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Was die große ökonomische Umwälzung vorantreibt, ist das noch nie da gewesene Phänomen der Grenzkosten von nahezu null. Grenzkosten sind diejenigen Kosten, die bei der Produktion von zusätzlichen Einheiten eines Gutes oder einer Dienstleistung anfallen. Die Fixkosten werden hierbei außer Acht gelassen. Die technische Revolution führt zu einer „extremen Produktivität“ und bewirkt bei Grenzkosten nahe null, dass Informationen, Energie und viele physische Güter und Dienstleistungen fast kostenfrei und im Überfluss erhältlich und nicht mehr Gegenstand von Markttransaktionen sind. Das ist zurzeit im Entstehen begriffen.

Digitale Industrielle Revolution ändert Nutzerverhalten

Das Phänomen der Nahezu-null-Grenzkosten hat bereits im vergangenen Jahrzehnt die Grundlagen der „Informationsindustrie“ verändert. Millionen von Nutzern wurden zu sogenannten Prosumern. Denn sie nutzten das Internet,

  • indem sie ihre eigene Musik produzierten und
  • durch Shareware mit anderen teilten,
  • ihre eigenen Videos auf Youtube stellten,
  • Wikipedia um ihre Erkenntnisse bereicherten,
  • ihre Nachrichten über Social Media veröffentlichten und
  • sogar E-Books über das World Wide Web publizierten – und das fast zum Nulltarif.

Null-Grenzkosten sind die eigentliche disruptive Kraft

Das Phänomen der Fast-null-Grenzkosten hat die Musikindustrie zu Fall gebracht, hat die Film- und TV-Industrie vollständig verändert und den Niedergang von Zeitungen und Magazinen bewirkt. Dagegen hat es zahlreichen neuen unternehmerischen Ideen zum Aufschwung verholfen, darunter Google, Facebook, Twitter und Youtube. Diese fuhren hohe Gewinne ein. Denn sie lieferten die neuen Anwendungen und Netzwerke, die der Sharing Economy zu ihrer Blüte verhelfen.

Inzwischen zeichnet sich eine neue technische Revolution ab, die es Millionen – und bald Hunderten von Millionen – Prosumern erlauben wird, ihre eigene erneuerbare Energie herzustellen und zu teilen. Eine steigende Anzahl von physischen Gütern lässt sich zu Grenzkosten von nahezu null auf 3D-Druckern herstellen. Dort entsteht eine partizipative digitale Ökonomie, wie es sie im Bereich der Informationsgüter bereits gibt.

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Die Grundlagen der Digitalen Industriellen Revolution

Um zu verstehen, wie tiefgreifend dieser Wandel ist, müssen wir die technischen Antriebskräfte kennen, die neuen wirtschaftlichen Systemen im Laufe der Geschichte zum Aufschwung verholfen haben. Jedes wichtige ökonomische Paradigma erfordert drei Elemente, die untereinander verbunden sind: ein Kommunikationsmedium, eine Energiequelle und einen Transportmechanismus. Ohne Kommunikation können wir wirtschaftliche Tätigkeiten nicht realisieren. Ohne Energie findet kein Wirtschaften statt. Und ohne Logistik und Transport gibt es keine Wertschöpfungskette. Zusammen bilden diese drei das, was Ökonomen eine Technologieplattform nennen.

Heute trifft das Kommunikationsinternet mit einem digitalisierten erneuerbaren Energieinternet und einem digitalisierten Logistik- und Transportinternet zusammen. Sie verschmelzen zu einem Super-Internet der Dinge, und diese Plattform ist das Fundament für eine dritte industrielle Revolution.

Die Drei Elemente der Digitalen Industriellen Revolution

Internet der Dinge

Schätzungen zufolge wird es im Jahr 2030 mehr als 100 Billionen Sensoren geben, die die menschliche und natürliche Umwelt in einem globalen, intelligenten Netzwerk zusammenführen. Wenn alle Dinge und alle Lebewesen über ein Internet der Dinge miteinander verbunden sind, entstehen enorme wirtschaftliche Vorteile. Es gehen damit aber auch Risiken und Herausforderungen einher, vor allem der Schutz der Privatsphäre, die Garantie der Datensicherheit und die Aufrechterhaltung der Neutralität des Netzes.

Erneuerbare Energien

Zum Beispiel wird auch der Großteil der Energie in den kommenden Jahrzehnten zu Grenzkosten von fast null erhältlich sein. Dies trifft bereits für einige Millionen Vorreiter zu. Diese haben ihre Wohnhäuser und Unternehmen in kleine Energiekraftwerke umgewandelt, um so erneuerbare Energie zu erzeugen. Nach der Rückzahlung der Fixkosten für die Installation ist die erzeugte Energie zu Grenzkosten von fast null verfügbar. Das Internet der Dinge wird die Prosumer in die Lage versetzen, den Energieverbrauch in ihren Häusern selbst zu überwachen, ihre Energieeffizienz zu optimieren und im Überfluss produzierte grüne Energie mit anderen zu teilen.

3D-Druck und Logistik- und Transportinternet

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In ähnlicher Art und Weise stellen Hunderttausende Hobbyproduzenten und Gründerunternehmen auf ihren eigenen 3D-Druckern Produkte her. Dabei nutzen sie kostenfreie Software, preiswertes Recyclingplastik, Papier, Metallobjekte und andere vor Ort erhältliche Gegenstände, die sie zu Grenzkosten von fast null erwerben. Bis 2020 werden Prosumer in der Lage sein, ihre mit Hilfe der 3D-Technik hergestellten Produkte mit anderen als kollaboratives Gemeingut zu teilen, indem sie diese Waren über elektrisch betriebene und mit Brennstoffzellen ausgestattete fahrerlose Fahrzeuge, die durch erneuerbare Energien zu Grenzkosten von fast null betrieben werden, auf einem automatisierten Logistik- und Transportinternet befördern. Es kommt zu einer profunden Umverteilung von wirtschaftlicher Macht von wenigen hin zu vielen. So wird das ökonomische Leben demokratischer.

Sozialkapital als Neue Währung

In der digitalen Ökonomie ist Sozialkapital fast ebenso wichtig wie Finanzkapital. Zugang ist ebenso wichtig wie Eigentum, Nachhaltigkeit ist bedeutender als Konsum, Kooperation ist ebenso entscheidend wie Wettbewerb, und der „Gegenwert“ im kapitalistischen Markt wird zunehmend durch den „teilbaren Wert“ im kollaborativen Gemeinschaftsraum ersetzt.

Millionen Menschen übertragen bereits Bits und Teile ihres wirtschaftlichen Daseins von kapitalistischen Märkten auf globale kollaborative Gemeinschaftsräume. Hier produzieren und teilen Prosumer nicht nur zu Grenzkosten von nahezu null ihre eigenen Informationen, Unterhaltungsinhalte, grünen Energien, ihre mit 3D gedruckten Produkte und schreiben sich in offene Online-Kurse ein. Nein, darüber hinaus teilen sie auch über soziale Medien, Mietbörsen und Kooperativen bereits Autos, Wohnungen und selbst ihre Kleidung.

Digitale Industrielle Revolution schafft Zugangsökonomie

Der Wandel vom Besitz zum Zugang führt auch dazu, dass mehr Menschen weniger Gegenstände teilen. Dadurch sinkt die Anzahl von neuen Produkten, die verkauft werden. Deshalb werden weniger Ressourcen benötigt, und die globale Erwärmung geht ebenfalls zurück. Der rasante Vorstoß in eine Gesellschaft der Grenzkosten von fast null und das Teilen von fast kostenfreier grüner Energie sowie eine Vielzahl an umverteilten Gütern und Dienstleistungen im kollaborativen Gemeinschaftsraum führen zu einem Wirtschaften, das ein Höchstmaß an ökologischer Effizienz sichert. Die Ausrichtung auf Grenzkosten von fast null ist Garant für eine nachhaltige Zukunft.

Europäische Union und Digitale Industrielle Revolution

Die Europäische Union ist potenziell mit 500 Millionen Konsumenten und weiteren 500 Millionen Verbrauchern in ihren Partnerregionen der größte Binnenmarkt der Welt. Der Ausbau eines Internets der Dinge wird es hier ermöglichen, Informationen, erneuerbare Energien, mit 3D-Druckern hergestellte Produkte und eine breite Palette an Diensten in einer hybriden digitalen Wirtschaft – teils kapitalistischer Markt, teils kollaborativer Gemeinschaftsraum – zu niedrigen Grenzosten von nahezu null zu produzieren und zu teilen.

Der Aufbau der Infrastruktur hierfür erfordert hohe öffentliche und private Investitionen. Momentan investiert die Europäische Union jährlich 740 Milliarden Euro in Projekte mit Bezug zur Infrastruktur. Zum großen Teil, um die Technologieplattform der zweiten industriellen Revolution zu verbessern, welche überaltert ist und längst ihr Produktivitätspotenzial ausgeschöpft hat. Wenn nur fünf Prozent dieser Mittel für den Aufbau der Infrastruktur des Internets der Dinge verwendet würden, dann würde die digitale industrielle Revolution in der EU bis 2040 Schritt für Schritt zur Realität.

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Intelligente Digitale Netze

Das EU-Kommunikationsnetz muss mit universellem Breitband und kostenfreiem WLAN aufgerüstet werden. Die Energieinfrastruktur muss auf erneuerbare Energien umgerüstet werden. Millionen von Gebäuden müssen erneuerbare Energien nutzen können und zu kleinen Energiekraftwerken ausgebaut werden. Wasserstoff und andere Speichertechniken müssen in jede Schicht der Infrastruktur eingebaut werden, um die Zwischenspeicherung erneuerbarer Energien zu ermöglichen.

Das Stromnetz der EU muss in ein intelligentes digitales Energie-Internet verwandelt werden, um den Fluss der Energie sicherzustellen, die in den Millionen von grünen Mikro-Kraftwerken produziert wurde. Logistik- und Transportsektor müssen digitalisiert und transformiert werden, damit ein automatisches GPS-geführtes Netz ohne Fahrer entsteht, in dem der Verkehr über intelligente Straßen und Schienen gelenkt wird. Die Einführung von elektrisch und von Brennstoffzellen betriebenen Fahrzeugen erfordert Millionen von elektrischen Ladestationen.

Die Transformation der gesamten Wirtschaft

Für all dies ist die Mitwirkung fast aller Industrien notwendig. Es wird Beschäftigung für zahlreiche gering qualifizierte sowie qualifizierte Arbeitskräfte und Wissensarbeiter in allen Regionen Europas geschaffen, die die drei Internets aufbauen und betreiben, welche die digitale Plattform für die dritte industrielle Revolution bilden.

Mit dem Ausbau dieser Infrastruktur werden neue geschäftliche Chancen entstehen. Dies gilt sowohl in der Marktwirtschaft als auch im kollaborativen Gemeinschaftsraum. Die Produktivität wird dramatisch steigen, und es wird eine ökologisch orientierte, kohlenstofffreie Gesellschaft entstehen. Die Beschäftigung von Millionen von Arbeitern wird die Kaufkraft steigern und neue Geschäftsgelegenheiten und Beschäftigung schaffen, um die höhere Nachfrage von Konsumenten zu befriedigen. Die Alternative ist ein Festhalten an der zweiten industriellen Revolution, die sich im Niedergang befindet.

Wir stehen an der Schwelle zu einer vielversprechenden neuen ökonomischen Ära, die der Menschheit viel Segen verspricht. Es ist nun erforderlich, dass sich die EU dafür starkmacht, mit dem Aufbau der Plattform für das Internet der Dinge zu beginnen. Dadurch leitet sie den Übergang in eine digitale Null-Grenzkosten-Gesellschaft ein, wenn wir eine gerechtere, humanere und nachhaltigere Gesellschaft schaffen wollen. Deutschland kann maßgeblich dazu beitragen, den Weg in diese neue wirtschaftliche Ära zu ebnen.

Der Chefökonom

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2 Gedanken zu “Digitale industrielle Revolution: Ein Weg für Europa?

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