Ungleichheit in den USA: Es trifft vor allem die Kinder

Ungleichheit in den USA: Es trifft vor allem die Kinder

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Die Ungleichheit in den USA nimmt zu und am meisten leiden die Kinder. Dabei ist die Entwicklung politisch gewollt. Eine Analyse von Joseph E. Stiglitz

Kinder suchen sich ihre Eltern nicht aus, geschweige denn die allgemeineren Umstände, in die sie hineingeboren werden. Sie verfügen auch nicht über dieselbe Fähigkeit wie Erwachsene, um sich zu schützen oder für sich selbst zu sorgen.

Ungleichheit in den USA: Unbegrenzte Möglichkeiten?

Die USA mit ihrem stolz gepflegten Image als Land der unbegrenzten Möglichkeiten sollten eigentlich als motivierendes Beispiel für einen gerechten und aufgeklärten Umgang mit Kindern dienen. Doch stattdessen agiert man als Leuchtfeuer des Unvermögens. Und trägt zur weltweiten Passivität im Bereich der Kinderrechte auf internationaler Bühne bei.

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Die Diskrepanz zwischen dem Wohlstand des Landes und der Verfassung seiner Kinder ist in den USA beispiellos. Etwa 14,5 Prozent der US-Amerikaner sind arm, bei den Kindern sind es aber 19,9 Prozent – etwa 15 Millionen. Dieser Wert liegt um zwei Drittel höher als in Großbritannien und bis zu viermal höher als in den nordischen Staaten. In manchen Gruppen steht es noch schlimmer: Über 38 Prozent der schwarzen und 30 Prozent der hispanischen Kinder sind arm.

Ungleichheit in den USA als Folge der politischen Agenda

Das liegt nicht daran, dass sich die Amerikaner nicht um die Kinder kümmerten. Vielmehr hat es damit zu tun, dass Amerika in den vergangenen Jahrzehnten eine politische Agenda verfolgt hat, die ein hohes Maß an Ungleichheit in der Wirtschaft zuließ. Die am stärksten gefährdeten Teile der Gesellschaft fallen so immer weiter zurück. Die zunehmende Konzentration des Reichtums – und die deutliche Senkung der Steuern auf diese Vermögen – bedeutet, dass weniger Geld für Investitionen zugunsten des Gemeinwohls wie Bildung und Kinderschutz zur Verfügung steht und die Ungleichheit in den USA zunimmt.

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Einkommensungleichheit steht in Zusammenhang mit Ungleichheit in den Bereichen Gesundheit, Zugang zu Bildung und Auslieferung gegenüber Umweltrisiken. Tatsächlich wird bei fast einem Fünftel der armen amerikanischen Kinder Asthma diagnostiziert. Das sind 60 Prozent mehr als bei den anderen Kindern. Lernschwächen treten bei Kindern aus Haushalten mit einem jährlichen Einkommen von unter 35.000 Dollar beinahe doppelt so häufig auf wie bei Kindern aus Haushalten mit einem Einkommen von über 100.000 Dollar. Und manche Abgeordnete im US-Kongress wollen noch bei den Lebensmittelmarken sparen, auf die etwa 23 Millionen amerikanische Haushalte angewiesen sind. Dann droht armen Kindern Hunger.

Ungleichheit der Lebenschancen steigt in den USA

Weil die Lebensperspektiven eines amerikanischen Kindes in höherem Maße vom Einkommen und von der Bildung der Eltern abhängig sind als in anderen Industrieländern, weisen die USA mittlerweile die geringste Chancengleichheit unter den Industrieländern auf. An den meisten amerikanischen Eliteuniversitäten kommen nur etwa neun Prozent der Studenten aus der unteren Bevölkerungshälfte, aber 74 Prozent aus dem oberen Viertel. Die Ungleichheit in den USA spiegelt sich also besonders im Bildungszugang wieder.

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In Amerika investiert man mehr in die Ausbildung reicher Studierender als in die Bildung der Armen. So verschwenden die USA einen Teil ihrer wertvollsten Ressourcen, wobei sich manche junge Menschen – die sich ihres Rüstzeugs beraubt sehen – dysfunktionalen Aktionen zuwenden. US-Bundesstaaten wie Kalifornien geben für Gefängnisse etwa gleich viel aus wie für höhere Bildung, manche sogar mehr.

Ungleichheit wäre vermeidbar

Obwohl die schädlichen Auswirkungen der Ungleichheit weitreichender Natur sind und unsere Ökonomien und Gesellschaften mit enormen Kosten belasten, sind sie doch großteils vermeidbar. Die in manchen Ländern zu beobachtende extreme Ungleichheit ist nicht das zwangsläufige Ergebnis wirtschaftlicher Kräfte und Gesetze. Mit der richtigen Politik können diese verheerenden Trends umgekehrt werden. Hierzu gehören tragfähigeren sozialen Sicherheitsnetzen, progressiver Besteuerung und besserer Regulierung (vor allem des Finanzsektors), um nur einige zu nennen.

Um den für diese Reformen nötigen politischen Willen zu schaffen, müssen wir der Trägheit und Untätigkeit der politischen Entscheidungsträger mit den traurigen Fakten hinsichtlich Ungleichheit und ihrer verheerenden Folgen für unsere Kinder entgegentreten. Wir können die Entbehrungen der Kindheit lindern und die Chancengleichheit erhöhen. Damit legen wir den Grundstein für eine gerechtere und erfolgreichere Zukunft legen. In dieser Zukunft spiegeln sich die von uns deklarierten Werte wider. Warum tun wir das also nicht?

Der Chefökonom

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