Risiko Rezession: Vorboten einer Krise

Risiko Rezession: Vorboten einer Krise

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Rezession oder Finanzkrise? Sieben große Risiken der 2020er Jahre. Ein geopolitisches Essay von Sigmar Gabriel

Risiko Rezession: Die Vorboten der nächsten Finanzkrise werden Jahr für Jahr in Davos diskutiert.
Infografik des Handelsblatt Research Institute: Hier klicken

Werden wir Europäer aus der sich entwickelnden „G-Zwei-Welt“ mit China und den USA wenigstens eine „G-Drei-Welt“ machen können? In der mindestens Europa seine Souveränität wahrt? Oder geraten wir Europäer zwischen die Mühlsteine? Wie hoch ist das Risiko einer Rezession? Die Grundlagen für die Antworten auf diese Fragen werden im Wendejahr 2020 gelegt.

Sigmar Gabriel, ehemaliger Bundesaußenminister

Das neue Jahr hat begonnen, wie das alte geendet hat: mit einer Zunahme geopolitischer Risiken. 

Risiko Rezession: Vorboten einer Krise?

Europa sucht nach wie vor nach einer gemeinsamen Antwort auf China, auf die veränderte amerikanische Politik und auch auf die Konflikte in seiner nordafrikanischen Nachbarschaft. Nur knapp ist der Mittlere Osten an einem neuen Krieg vorbei geschrammt.

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Und es ist nicht sicher, wie sich nach der gezielten Tötung des iranischen Generals Soleimani im Irak durch einen amerikanischen Drohnenangriff die Kräfteverhältnisse am Persischen Golf verschieben werden. Genug Themen also, die uns gleich zu Beginn des Jahres in Atem halten.

Zugleich stehen wir mit dem Jahr 2020 am Beginn eines neuen Jahrzehnts, weshalb schnell eine Frage auftaucht. Wie werden unser Land, aber auch Europa und die Welt in zehn Jahren aussehen?

Wie schon vor 100 Jahren sind es wieder die 20er-Jahre, die viel Bewegung in die Welt bringen.

Risiko Rezession: Was sagt der Rückblick?

  • Rückblickend sprechen wir über die aufregenden „Roaring Twenties“ und die angeblich „Goldenen 20er“ des vergangenen Jahrhunderts.
  • Mit Jazz, Glamour und einem zumindest in Berlin schillernden Nachtleben wollte man die Entbehrungen des Ersten Weltkriegs hinter sich lassen.

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Aber es gab natürlich auch eine andere Seite dieser 1920er-Jahre, deren Kennzeichen sich so beschreiben lassen:

  • Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und soziales Elend.
  • Diese Seite steht für den Aufstieg der politischen Extreme, die Gewalt und das Ende der ersten deutschen Demokratie brachten.
  • Das Ergebnis ist bekannt: Faschismus, Völkermord und Krieg. Der „Gang vor die Hunde“, wie es Erich Kästner damals nannte, hatte bereits begonnen.

Wiederholt sich die Geschichte?

Pünktlich zum Jahreswechsel 2019/2020 war in den Feuilletons auch mancher Vergleich zwischen den 20er-Jahren damals und heute zu lesen. Die bangen Fragen lauteten: Wiederholt sich am Ende die Geschichte? Wie groß ist das Risiko einer Rezession? Was sind mögliche Vorboten einer Krise?

Trotz aller journalistischer Zuspitzungen – so einfach wiederholt sich Geschichte zum Glück nicht.

Weder die politische und mentale, aber auch die soziale und wirtschaftliche Situation der Deutschen damals und heute lassen sich vergleichen

Risiko Rezession: Ein geschichtlicher Vergleich

  • Anstelle Massenarbeitslosigkeit haben wir in vielen Branchen und Regionen Vollbeschäftigung.
  • Statt auf traumatische Front-Erlebnisse blicken wir auf 75 Jahre Frieden zurück.
  • Anstelle von misstrauischen ehemaligen Kriegsgegnern sind wir von politischen Freunden und Partnern umgeben.
  • Statt in einer instabilen Republik leben wir in einer gefestigten Demokratie.

Profitiert hat unser Land

  • von den Vorteilen eines freien Welthandels,
  • den weltweiten Erfolgen unserer Industrie,
  • einem stabilen Gesellschaftsmodell,
  • von wirtschaftlichem Wettbewerb und ökonomischem Erfolg und
  • von sozialem Ausgleich
  • kurzum: dem Modell soziale Marktwirtschaft.

Aber auch die europäische Einigung schafften die Möglichkeit, uns auf diesen wirtschaftlichen und sozialen Erfolg zu konzentrieren. Ebenfalls dazu bei trug das Schutzschild der NATO, die von den USA geführt wurde.

Risiko Rezession: Die Vorboten der nächsten Finanzkrise aus der Sicht von Experten.

Das Problem ist: Heute scheint davon nur noch wenig gesichert zu sein.

Risiko Rezession: Vorboten einer Krise?

  • Ein amerikanischer Präsidenten, der das Bündnis mit Europa kaum zu schätzen scheint;
  • das Ausscheiden der Briten aus der Europäischen Union;
  • China auf dem Sprung zur Weltmacht,
  • unsere eigenen Volksparteien in der Krise,
  • Rechtspopulisten auf dem  Vormarsch,  
  • Anti-Europäer in unseren Parlamenten.
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Das schafft täglich neue Unsicherheiten.

Doch  ob es uns gefällt oder nicht, das kommende Jahrzehnt wird  über vieles entscheiden:

  • die Rolle und Entwicklung Deutschlands und Europas in der Welt,
  • die Grundlagen unseres Wohlstands,
  • Erfolg oder Misserfolg im Kampf gegen den Klimawandel,
  • die geopolitische Machtverteilung und leider auch
  • Krieg oder Frieden in den aktuellen Krisengebieten der Welt.

Nein, wir haben nicht die Probleme unserer Urgroßeltern der 1920er-Jahre. Aber wir stehen sehr wohl auch in „unseren“ 2020er-Jahren vor enormen Herausforderungen – sogar vor Jahrzehnt-Herausforderungen.

Dabei ragen die  Herausforderungen des letzten Jahrzehnts hinein in das nun beginnende neue Jahrzehnt: islamischer und neuerdings in Deutschland auch rechter Terrorismus; die Schulden der Finanzkrise; endlose Gewalt und Kriege im Nahen und Mittleren Osten, vor denen Hunderttausende versuchen, sich nach Europa zu flüchten. Hinzu kommt der neue Kampf um die globale Vorherrschaft zwischen China und den Vereinigten Staaten.

In dieser Zeit weltweiten Umbruchs wird Europa wegen des Austritts der Briten aus der EU schwächer – es ringt um seine Rolle und seine innere Balance.

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Risiko Rezession: Was wird aus uns? Wie werden Deutschland und Europa in zehn oder gar 15 Jahren aussehen?

Sicher scheint nur: 2020 dürfte als Wendejahr in die Geschichte der Welt eingehen.

Denn: Die Weltwirtschaft schwächt sich ab, nachdem sie aus der großen Rezession von 2008 mit dem längsten Aufschwung der Nachkriegszeit hervorgegangen war. Ökonomen erwarten in den kommenden Jahren einen Rückgang der Wachstumszahlen.

Zugleich tritt die Welt in eine geopolitische Rezession ein.

Risiko Rezession: Vorboten einer Krise?

  • ein Mangel an globaler Führung als Folge wachsender amerikanischer Unberechenbarkeit;
  • ein im Niedergang begriffenes Russland, das die Stabilität und den Zusammenhalt sowohl der USA als auch ihrer Verbündeten untergraben will;
  • ei zunehmend mächtigeres China, das eine autoritäre Alternative zur liberalen Weltordnung global zu verankern sucht.

Wenn wirtschaftliche Schwäche, geopolitische Krisen und Unsicherheiten aufeinanderprallen, droht tatsächlich eine große globale Krise.

Risiko Rezession: Sieben Vorboten einer Krise

1.         Die Wahlen in Amerika

Auch aus europäischer Sicht sind die Präsidentschaftswahlen im November das wohl wichtigste politische Ereignis und vermutlich sogar das größte weltpolitische Risiko. Nicht so sehr, weil Donald Trump wiedergewählt werden könnte, sondern weil die Wahlen und der vorangehende Wahlkampf die Spaltung des Landes weiter vertiefen dürften.

Ein knapper Wahlausgang birgt zudem die Gefahr, dass das unterlegene Lager wegen der Widersprüchlichkeiten des amerikanischen Wahlsystems die Legitimität des Wahlausgangs infrage stellt – insbesondere dann, wenn der derzeitige Präsident der Verlierer sein sollte.

Ein Amerika aber, dass sich im tiefen innenpolitischen Streit mit sich selbst beschäftigt und bei dem die außenpolitischen Handlungen tagesabhängig von der aktuellen innenpolitischen Krisenlage sind, wäre eine echte Gefahr für die weltweite Stabilität und die geopolitische Anziehungskraft des Westens insgesamt.

2.         Der Kalte Krieg mit China

Die Auseinandersetzung um die globale Technologieführerschaft zwischen den USA und China dürfte das zweitgrößte internationale Risiko der kommenden Jahre sein. Hier geht es nicht um Wettbewerb zweier wirtschaftlicher Konkurrenten, sondern um einen neuen Kalten Krieg. Es geht um die Weltordnung und wer in ihr zukünftig die technologische, wirtschaftliche, politische und letztlich auch militärische Führung übernimmt.

Austragungsort sind die digitalen Technologien, bei denen sich beide Länder voneinander unabhängig machen wollen. Diese Entkoppelung, die bereits jetzt die nützlichen Technologie-, Talent- und Investitionsflüsse zwischen den beiden Ländern unterbricht, wird sich auf eine breitere Palette von Wirtschaftsaktivitäten erstrecken.

Sie wird nicht nur den gesamten fünf Billionen Dollar schweren globalen Technologiesektor betreffen, sondern auch viele andere Industrien und Institutionen, von Medien und Unterhaltung bis hin zur Forschung.

Die große Frage ist: Wo wird die neue virtuelle Berliner Mauer errichtet? Welche Seite werden die Länder sich aussuchen – und welche Seite wählen wir Deutsche und Europäer?  

Das Bild zeigt eine Studie "Masterplan 2030", die unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Bert Rürup, dem Macher von DER CHEFÖKONOM, entstanden ist. Anzeige

3.         Das gespaltene Europa

Es ist richtig, wenn die neue EU-Kommissionspräsidentin die EU auch zu einem globalen Akteur machen will. Doch entgegen des vom neuen starken europäischen Duo Ursula von der Leyen und Emmanuel Macron geprägten Selbstverständnisses einer EU als Garantin des Multilateralismus, kann der Eintritt Europas als geopolitischer Player die Unsicherheiten sogar erhöhen. Washington könnte Brüssel noch stärker als „Gegner“ identifizieren, als dies Präsident Trump ohnehin schon tut.  

Es wächst die Sorge, dass sich die USA und die Europäische Union immer weiter voneinander entfernen und Europa wirtschaftlich in einen „Mehrfronten-Krieg“ verwickelt wird: einerseits mit den USA, andererseits mit China. Denn eine geopolitisch aktivere EU wird auch zu mehr Spannungen mit Peking führen. So sehr China darauf besteht, dass die Welt das Prinzip „Ein China – zwei Systeme“ mit Blick auf Hongkong und Taiwan akzeptiert, so sehr wird ein geopolitischeres Europa darauf hinwirken müssen, China davon abzuhalten, einzelne Staaten aus der europäischen Solidarität herauszukaufen.

4.         Die Gewalt im Nahen Osten

Die Kehrtwende  von einer stabilen und vorhersehbaren zu einer unsicheren und unvorhersehbaren Welt im Jahr 2020 lässt sich nicht zuletzt an   der Situation im Nahen und Mittleren Osten ablesen.  Hauptursache ist das Scheitern der US-Politik gegenüber den großen schiitischen Nationen.  

Das schafft erhebliche Risiken für die regionale Stabilität,einschließlich eines tödlichen Konflikts mit dem Iran;  eines irakischen Staates, der sich entweder in der iranischen Umlaufbahn befindet oder versagt; und eines mit Moskau und Teheran verbundenen  Schurkenstaates Syrien.

5.         Die schwache Atommacht Russland

Was wird aus Putins Riesenreich? Dem gewachsenen Einfluss Russlands in den Konflikten im Mittleren und Nahen Osten steht die innenpolitische und wirtschaftliche Stagnation Russlands gegenüber. Wo Präsident Wladimir Putin sich ganz auf die Außenpolitik konzentriert, bleiben alle Reformansätze im Innern unerledigt.

Selbst Putins treue Anhänger lästern: „Der Präsident arbeitet bis drei Uhr morgens für die Welt – unsere Regierung nicht mal bis drei Uhr nachmittags für Russland.“

Die Ablösung der unbeliebten Regierung von Dimitri Medwedew sollte ein Ventil für den wachsenden inneren Druck schaffen, denn vor allem in der jüngeren Generation gilt das Argument, Putin sei der Garant für Russlands Stabilität, nichts mehr. Immer häufiger entlud sich zuletzt der Zorn über die Perspektivlosigkeit des russischen Alltags in Demonstrationen.

In Wahrheit jedoch ist es nicht die Unfähigkeit der bisherigen Regierung, sondern ein strukturelles Problem, das Russland lähmt. In einem Land, in dem jede Entscheidung letztlich vom Präsidenten abhängt, entsteht einfach keine ausreichende ökonomische Dynamik. Im Gegenteil: Die Oligarchen und staatsnahen Unternehmen haben sich in den vergangenen Jahren eher noch ausgebreitet. Junge Startups bekommen oft Angebote, die man getrost „sizilianisch“ nennen kann, weil man sie besser nicht ablehnt.

Russland ist heute wieder oder immer noch das, was der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt ein „Obervolta mit Atomraketen“ nannte. Militärisch gewaltig, ökonomisch ein Zwerg. Das Land ist aber zur Befriedung einer ganzen Reihe von Konflikten unverzichtbar, Russland ist zu wichtig, um es sich selbst zu überlassen. Wohin Russland sich mit oder nach Putin entwickelt, dürfte zu einer der größten Herausforderungen des kommenden Jahrzehnts werden.

6.         Die unberechenbare Türkei

Schon in den vergangenen Jahren wurden die Beziehungen zwischen der Türkei, Deutschland, Europa und den USA immer wieder auf die Probe gestellt. Unter der Führung von Präsident Recep Tayyip Erdogan entfremdete sich die Türkei zusehends von ihren westlichen Partnern. Dabei hat der innenpolitische Niedergang des türkischen Präsidenten längst begonnen, wie die Wahl des oppositionellen neuen Istanbuler Oberbürgermeisters zeigt – ausgerechnet in jener Stadt, in der Erdogans Aufstieg einst begann.  

In diesem Jahr dürfte Erdogans politische Schwäche dazu führen, dass er außenpolitisch noch unberechenbarer wird. Das wird die ohnehin schon kränkelnde Wirtschaft der Türkei weiter schädigen.  Trotzdem werden vor allem die Europäer ein Interesse haben, die Kontakte zur Türkei nicht abreißen zu lassen. Die Mitgliedschaft der Türkei in der NATO etwa ist die wichtigste Versicherung gegen eine atomar bewaffnete Türkei. 

Erdogan wird das hohe Maß an Repression im eigenen Land beibehalten, um die Opposition zu schwächen.  Das wiederum wird zu härteren Sanktionen und zu wachsender politischer und wirtschaftlicher Instabilität führen.

7.         Die globale Erwärmung

Ein geopolitisches Risiko eigener Art ist der Klimawandel, denn die internationale Klimapolitik funktioniert erkennbar nicht. Das bringt die Politik auf einen Kollisionskurs mit den Zivilgesellschaften, die zunehmenden Druck auf Investoren und Unternehmen ausüben werden, den Ausstoß von Treibhausgasen drastisch zu verringern – ein Trend, der von wachsenden Graswurzelbewegungen wie „Extinction Rebellion“ und „Fridays for Future“ angeführt wird.

Im Gegenzug dürften die Anleger ihre Engagements in kohlenstoffintensiven Industrien – einschließlich kritischer Sektoren wie Stahl und Zement – reduzieren, was sich dann auf die Vermögenspreise auswirkt.  Insgesamt evoziert die Klimapolitik das Risiko zunehmender öffentlicher Unruhen.

Risiko Rezession: Was die letzte große Finanzkrise gekostet hat

Risiko Rezession: Fazit für Europa

Für uns Europäer stellt sich die existenzielle Frage, ob wir, ob unsere Kinder und Enkelkinder in der Welt von morgen noch selbst über unser Schicksal bestimmen können.   Werden wir Europäer also aus der sich entwickelnden „G-Zwei-Welt“, in der China und die USA versuchen, die Regeln der Welt neu zu bestimmen, wenigstens eine „G-Drei-Welt“ machen können? In der mindestens Europa seine Souveränität wahrt?

Oder besser eine „G-X-Welt“, in der alle Nationen der Erde gleichberechtigt in einer internationalen Ordnung ihren Platz haben? Oder geraten wir Europäer auf den unbequemen Platz zwischen den Stühlen – schlimmer: zwischen die Mühlsteine? Die Grundlagen für die Antworten auf diese Fragen werden im Wendejahr 2020 gelegt.

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