Bargeldabschaffung? Bares bleibt Wahres

Bargeldabschaffung? Bares bleibt Wahres

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Ist die Bargeldabschaffung, wie sie der Harvard-Professor Kenneth Rogoff und viele Finanzpolitiker oft fordern, eine gute Idee? Oder wäre es ein Schritt in Richtung der „schönen neuen Welt“ des Aldous Huxley? Prof. Dr. Bert Rürup analysiert die Situation und gibt einen Ausblick auf die Folgen der Bargeldabschaffung.

Der als Kandidat für den Wirtschaftsnobelpreis gehandelte Harvard-Professor Kenneth Rogoff ist für steile Thesen bekannt. Vor vier Jahren wurde er zum Kronzeugen für die Verfechter eines harten Kurs der Haushaltskonsolidierung. Überbordende Staatsverschuldung ist eine Wachstumsbremse, lautete sein – auf umfangreichen empirischen Analysen basierendes – damaliges Credo. Sein exzellenter Ruf wurde allerdings angekratzt, als ein Doktorand im Rahmen einer Hausarbeit Fehler in einer strategisch wichtigen Excel-Tabelle der einschlägigen Studie nachweisen konnte. Rogoff musste daraufhin seine dezidierte Aussage, dass ab einer Schuldenstandquote von 90 Prozent das Wirtschaftswachstum massiv beeinträchtigt werde, deutlich relativieren. Ebenso musst er akzeptieren, dass es keine historisch belegbare Schuldengrenze gebe, die zu einer massiven Beeinträchtigung des Wirtschaftswachstums führen würde und radikale Sparmaßnamen erforderlich mache.

Kenneth Rogoff: Bargeldabschaffung, jetzt!

Nun sorgt Rogoff mit einer neuen These für Furore: Schafft das Bargeld ab! Seine Argumente: In allen entwickelten Industrieländern sei das Bargeldvolumen, der Wert der von der Zentralbank emittierten Banknoten sehr viel schneller gewachsen als die offiziell erfasste Wertschöpfung. Die Durchschnittsbürger hielten nur ein kleiner Prozentsatz das bereitgestellte Bargeldvolumen.

Das Bild zeigt die Entwicklung des Bargeldumlaufs und des Bruttoinlandsproduktes seit dem Basisjahr 2003. Die Bargeldabschaffung wird unter anderem hiermit begründet.
Quelle: Eigene Darstellung, Eurostat

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Dieser unstrittige Befund gilt als Beleg dafür, dass der größte Teil des Bargelds zur Finanzierung krimineller oder anrüchiger Transaktionen dient. Der Polizeipräsident von Stockholm bezeichnete deshalb Bargeld als „das Blut in den Adern der Kriminalität“.

Neue Argumente für die Bargeldabschaffung

Allerdings sind es aber weniger diese eher traditionellen Argumente, mit denen Rogoff seine Forderung begründete. Ein neuer und wichtigerer Grund sei, dass die Existenz von Bargeld das entscheidende Hemmnis wäre, die Zentralbankzinsen im Interesse besserer Möglichkeiten zur Ankurbelung der schwachen Konjunktur und zur Abwehr einer Deflation deutlich in den negativen Bereich zu senken. Rogoff glaubt, dass die Abschaffung des Bargeldes eine gleichermaßen einfache wie elegante Lösung zur Überwindung der derzeitigen Grenze der zentralbankpolitischen Möglichkeiten sei.

Würde die Bargeldabschaffung?

Sicher ist es richtig, dass eine Abschaffung des Bargeldes zu einem Austrocknen der Schwarzarbeit, der Prostitution, des Handels mit Drogen und wohl auch des Menschenhandels wie aber auch der Fluchthilfe führen würde. Ob allerdings dem internationalen Terrorismus und der organisierten Kriminalität dadurch ein entscheidender Schlag versetzt würde, ist ungewiss. Wahrscheinlich würden alternative Zahlungsmittel entwickelt.

Wie immer im Leben hätte aber auch diese unbestreitbare Erweiterung der zinspolitischen Optionen durch die Abschaffung des Bargeldes einen Preis. Denn den zweifellos deutlich verbesserten Möglichkeiten der Antideflations-und Konjunkturpolitik durch eine Art temporären Schwundgeldes stünden aus der Sicht der Bürger gravierende Risiken gegenüber.

Der gläsener Mensch

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Zum einen würde eine Bargeldabschaffung jeden, der irgendein Produkt oder eine Dienstleistung erwirbt oder verkauft zu einem gläsernen und damit auch der Manipulation ausgesetzten Menschen machen. Denn alle Formen des elektronischen Geldverkehrs hinterlassen Spuren. Alle Gewohnheiten, Vorlieben, Neigungen und Wünsche aller Bürger zu deren Befriedigung sie Geld ausgegeben haben, wären nicht nur den Zahlungsverkehr abwickelnden Finanzinstituten bekannt. Via Big Data wären sie letztlich allen Anbietern von Gütern und Dienstleistungen und den staatlichen Behörden und den Geheimdiensten zugänglich. Eine Welt ohne Bargeld würde den Banken, dem Fiskus, den Strafverfolgungsbehörden und der immer größer werdenden Big-Data-Industrie gefallen. Sie würde die organisierte Kriminalität und den internationalen Terrorismus aber nicht ausrotten. Diese sähen sich maximal zu einer informationstechnologischen Aufrüstung ihrer „Geschäftsmodelle“ veranlasst.

Die Finanzpolitik würde mächtiger

Zum zweiten weite die Politik die Möglichkeiten zur fiskalischen Repression deutlich aus. Denn niemand könnte mehr Negativzinssätzen auf Bankguthaben durch Bargeldhaltung ausweichen. Kein Bürger hätte mehr eine Möglichkeit negativen Zinsen auf seine Guthaben auszuweichen, risikolos sein Geldvermögen zu erhalten oder sich einer unseriösen Haushaltskonsolidierung zu entziehen. Letztlich würde die –aus gutem Grundweder demokratisch legitimierte noch politisch kontrollierte–Zentralbank zu einer Orwell’schen Superbehörde.

Kurzum: Der Preis für eine verbesserte Bekämpfung der Kriminalität und eine im Depressions-und Deflationsfall wirksamere Geldpolitik wäre extrem hoch. Es würde das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und das Grundrecht des Schutz der Privatsphäre verletzt. Die Abschaffung des Bargeldes wäre ein großer Schritt in die „schöne neue Welt“ des Aldous Huxley.

Der Chefökonom

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