HRI-Konjunkturprognose Frühjahr 2020

HRI-Konjunkturprognose Frühjahr 2020

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Corona verzögert die Erholung  

Die deutsche Wirtschaft befindet sich weiter im Abschwung. Alle Hoffnungen auf eine rasche Erholung sind vorerst verschwunden.

von Dennis Huchzermeier, Bernhard Köster und Axel Schrinner

Nach nunmehr sechs Quartalen mit sinkender Industrieproduktion verdichteten sich zum Jahreswechsel die Hinweise, die Konjunktur der deutschen Industrie in Deutschland könnte den Boden gefunden haben. Das Ifo-Geschäftsklima stieg drei Monate in Folge, die Einkaufsmanager-Indices stabilisierten sich und das Verbrauchervertrauen blieb auf hohem Niveau. Entgegen vieler Prognosen schrumpfte die Wirtschaftsleistung im vierten Quartal 2019 nicht, so dass Deutschland zumindest in diesem Winter eine technische Rezession mit zwei schrumpfenden Quartalen erspart geblieben ist.

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Allerdings hat der Ausbruch des Corona-Virus in China und dessen Ausbreitung in weite Teile der Welt alle Hoffnungen auf eine rasche gesamtwirtschaftliche Erholung zunichte gemacht. Daher senkt das Handelsblatt Research Institute (HRI) trotz der etwas besseren Ausgangsbasis infolge von amtlichen Datenrevisionen seinen Konjunkturausblick nach unten. Für 2020 rechnen wir nunmehr mit 0,8 Prozent Wachstum, für 2021 mit 1,0 Prozent. Das Ausmaß der Erholung ab dem zweiten Halbjahr 2020 wird dadurch verzerrt, dass das laufende Jahr vier Arbeitstage mehr hat. Rechnet man diesen Effekt heraus, so dürfte sich die gesamtwirtschaftliche Dynamik im Jahr 2021 im Vergleich zum laufenden Jahr mehr als verdoppeln.

Grund zur Panik besteht aber nicht. Denn wir gehen davon aus, dass Corona nur einen geringen Einfluss auf das gesamtwirtschaftlich wichtigste wichtige Aggregat, den privaten Konsum, haben dürfte.  Denn der private Verbrauch setzt sich zu mehr als der Hälfte aus den Ausgaben für Wohnen, Ernährung und Bekleidung zusammen, die weitgehend unabhängig von Corona-Epidemie sind. Zudem erwarten wir, dass es nicht zu einem Stillstand des öffentlichen Lebens kommen wird, wie dies in Teilen Chinas der Fall war.

Gleichwohl wird der Arbeitsmarkt in den kommenden Quartalen bestenfalls noch stagnieren. Grund dafür ist zum einen der Strukturwandel in wichtigen Branchen der deutschen Industrie und zum anderen die globale Nachfrageschwäche nach deutschen Industrieprodukten. Der Beschäftigungsaufbau dürfte daher in Kürze enden, während die Arbeitslosigkeit leicht ansteigen wird. In Folge dessen dürften die Einkommenserwartungen und die Anschaffungsneigung der Verbraucher sinken, sodass der private Konsum erheblich an Dynamik verlieren und in diesem und dem kommenden Jahr lediglich mit 0,7 Prozent wachsen wird.

Einen vergleichsweisen starken Einfluss wird die Corona-Epidemie auf den deutschen Außenhandel haben, insbesondere im ersten Halbjahr 2020. So dürften bald der deutschen exportorientierten Industrie Vorprodukte aus China fehlen, so dass es zu Verzögerungen in der Produktion kommt, was die Exporte entsprechend drosselt. Unabhängig von den fehlenden Vorprodukten aus China dämpft die generell schwache Industriekonjunktur die Nachfrage nach Zulieferungen aus dem übrigen Ausland.

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Da seit geraumer Zeit die Importe stärker als die Exporte wachsen, war der Außenbeitrag negativ. Daran wird sich 2020 nichts Grundlegendes ändern, weil der gesamte Außenhandel sich schwach entwickelt. Erst 2021 dürften vom Außenhandel wieder moderate positive Impulse für die deutsche Wirtschaft ausgehen.

Bereits im zweiten Halbjahr des vergangenen Jahres brachen die Ausrüstungsinvestitionen ein. Die hohe Verunsicherung durch die Corona-Pandemie wird unseres Erachtens dazu führen, dass viele Unternehmen zunächst abwarten und „auf Sicht fahren“ werden. Größere Investitionen dürften ebenso wie Neueinstellungen zurückgestellt werden. Ungeachtet der sehr guten Finanzierungsmöglichkeiten werden daher die Ausrüstungsinvestitionen dieses Jahr spürbar sinken und sich erst 2021 allmählich erholen.

Der Bauboom hält dagegen vorerst an. Allerdings flacht die Dynamik auch hier die ab. Der Grund:  Es mangelt der Bauwirtschaft an freien Kapazitäten. Gleichzeitig mehren sich die Hinweise, dass angesichts der sehr hohen Preise die Nachfrage zurückgehen und der Immobilienboom bald seinen Höhepunktüberschritten haben dürfte. Insgesamt rechnen wir daher mit nur noch leicht wachsenden Bruttoanlageinvestitionen.

Kräftig zulegen wird lediglich der Staatskonsum. Die nach wie vor prall gefüllten Staatskassen haben zu einem kräftigen Aufbau von Planstellen im öffentlichen Dienst geführt, die nun besetzt werden. Gleichzeitig sind die Sozialausgaben spürbar gestiegen. Kurzfristig verursacht die Eindämmung des Corona-Virus zusätzliche Ausgaben. Alles in allem dürfte der kräftig wachsende Staatskonsum im laufenden Jahr für die Hälfte des gesamten Wirtschaftswachstums stehen.

Die Kehrseite der wachsenden Staatsausgaben ist, dass nicht zuletzt wegen des für 2021 vorgesehenen Teil-Abbaus des Solidaritätszuschlags der Gesamtstaat erstmals seit zehn Jahren wieder leicht rote Zahlen schreiben dürfte. Sollte sich die Corona-Krise entgegen unseren Erwartungen deutlich verschärfen und der Staat deswegen ein sehr kräftiges Konjunkturpaket schnüren, wäre auch schon für das laufende Jahr eine „rote Null“ nicht auszuschließen.

Ein Konjunkturprogramm speziell für Unternehmen

Die gesamtwirtschaftliche Lage ist fragil. Klassische Konjunkturprogramme zur Stimulierung der Nachfrage verpuffen in Zeiten eines Corona-Schocks jedoch schnell. Schnelle Hilfe sollte unmittelbar bei den Unternehmen ansetzen.   

von Axel Schrinner

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Die Idee klingt erstmal einleuchtend. Droht der Wirtschaft eine Schwächephase, springt der Staat ein und stimuliert die Konjunktur mit defizitfinanzierten Steuersenkungen und höheren öffentlichen Ausgaben. Ist die Wirtschaft später wieder auf Touren gekommen, holt sich der Fiskus das Geld über Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen zurück und begleicht die im Abschwung gemachten Schulden.

Gegenwärtig steht die deutsche Wirtschaft womöglich am Rande einer Rezession, weil eine ohnehin seit über einem Jahr schwächelnde Industrie nun auch noch die Folgen des Corona-Ausbruchs in China bewältigen muss. Niemand kann derzeit zuverlässig vorhersagen, welches Ausmaß diese Krise haben und vor allem wie lange sie anhalten wird.

Die OECD hat deshalb ihre Konjunkturprognose für Deutschland leicht nach unten revidiert. Anstatt der im November geschätzten 0,4 Prozent dürfte die deutsche Wirtschaft dieses Jahr lediglich um 0,3 Prozent zulegen, so die Industrieländerorganisation. Hinzu kommen nach deutscher Leseart allerdings noch 0,4 Punkte aufgrund der höheren Anzahl von Arbeitstagen, die die OECD traditionell nicht ausweist.

Nun dauern Schiffspassagen von Schanghai nach Europa fünf bis sechs Wochen. Somit ist klar, dass die Probleme durch Produktionsausfälle in China, die zur Unterbrechung von Lieferketten führen können, sich erst jetzt allmählich bemerkbar machen werden. Selbst wenn die chinesische Wirtschaft gerade offenbar wieder an Fahrt gewinnt, werden die Folgen hierzulande noch bis weit ins zweite Quartal hineinreichen. „Kurzfristig bedeutet die Verbreitung des Coronavirus auch für die deutsche Wirtschaft ein zusätzliches Risiko. Nach den derzeitigen Informationen erwarte ich, dass dieses Risiko sich zum Teil auch materialisieren dürfte“, warnt Bundesbankpräsident Jens Weidmann.

Darüber hinaus drohen Konjunktureinbußen, sollte sich in Deutschland die Lage verschärfen und Betriebe vorübergehend geschlossen, Veranstaltungen abgesagt und womöglich sogar Mobilitätsbeschränkungen verhängt werden. Kein Wunder also, dass erste Rufe nach einem Konjunkturprogramm laut werden. „Die Bundesregierung sollte nun zügig handeln und auch ein Maßnahmenpaket vorbereiten, um Unternehmen und Konsumenten zu unterstützen und den wirtschaftlichen Abschwung abzufedern“, fordert – wenig überraschend – DIW-Chef Marcel Fratzscher.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) demonstriert Entschlossenheit: „Wenn die Lage es erforderte, dass ein solcher Impuls nötig wird, haben wir auch die Mittel, ein Konjunkturprogramm aufzulegen.“ Medizinische Nothilfe könne aus dem laufenden Etat bestritten werden. „Sollte es darüber hinaus zu schweren Verwerfungen in der Weltwirtschaft kommen, etwa weil weltweit Märkte und Produktionsstätten beeinträchtigt werden, haben wir alle Kraft, um darauf schnell, entschieden und stark zu reagieren“, betont der Vizekanzler – und lässt offenbar intern bereits berechnen, wie die Schuldenbremse ausgehebelt werden kann.

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Dabei steht die Schuldenbremse einem Konjunkturprogramm nicht im Wege steht. Zum einen wird der Staat dieses Jahr nach bisherigen Prognosen erneut deutliche Überschüsse erwirtschaften, so dass Spielraum für ein solches Programm vorhanden wäre. Zudem hat die Schuldenbremse eine Öffnungsklausel für „Naturkatastrophen oder außergewöhnliche Notsituationen, die sich der staatlichen Kontrolle entziehen“, zu denen man einen heftigen Corona-Ausbruch in Deutschland durchaus zählen könnte. Neue Argumente, um die Schuldenbremse zu bekämpfen, bringt Corona also nicht.

Die weit wichtigere Frage ist jedoch, wie ein Konjunkturprogramm ausgestaltet sein und was es leisten könnte. Klassische Konjunkturprogramme zielen nämlich darauf ab, fehlende private Nachfrage durch staatliche Nachfrage zu ersetzen. Bekanntermaßen vergehen aber oftmals Jahre, bis zusätzliche staatliche Investitionen tatsächlich realisiert werden.

Wegen der sehr langen Vorlaufzeit scheiden sie als kurzfristiger Stimulus damit aus. Ferner könnte der Staat zusätzliches Personal einstellen und damit die privaten Einkommen erhöhen. Doch auch dies kostet einerseits Zeit, und andererseits ist der Arbeitsmarkt für Fachkräfte in weiten Teilen leergefegt, so dass öffentliche Arbeitgeber schon jetzt Probleme haben, offene Stellen zu besetzen.

Somit verbleiben Steuer- und Abgabensenkungen, Konsumgutscheine oder Abwrackprämien. Sie würden das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte unmittelbar erhöhen. Die konjunkturelle Wirkung wäre umso größer, je höher die Konsumneigung der begünstigten Haushalte wäre, mit anderen Worten: je geringer deren Einkommen ist.

Denkbar wäre beispielsweise, den beschlossenen Soli-Teilabbau rückwirkend auf den Jahresstart 2020 vorzuverlegen, Empfängern von Grundsicherung einen Einkaufsgutschein zu schenken sowie eine Abwrackprämie für veraltete Stromfresser in Privathaushalten, also etwa für Wasch- und Spülmaschinen sowie Wäschetrockner.

Die Frage ist nur: Was bringt das?

Vermutlich würden all diese Maßnahmen dem privaten Konsum einen Schub versetzen. Doch daran hapert es derzeit in Deutschland nicht. Der private Konsum wird aller Voraussicht nach auch dieses Jahr wieder ein wichtiges Standbein der Konjunktur sein. Die deutsche Wirtschaft leidet derzeit nicht unter einem Nachfrageschock.

Vielmehr drohen Produktionsausfälle wegen fehlender Vorprodukte aus China und womöglich aufgrund von geschlossenen Betrieben infolge von Quarantäne. Selbst für Betriebe, die nicht direkt betroffen sind, ist es durchaus rational, angesichts der hohen Unsicherheit, erst einmal abzuwarten und geplante Investitionen und Neueinstellungen vorerst zurückzustellen. Doch gegen so einen Angebotsschock helfen klassische Konjunkturprogramme nicht.

Welche Optionen hat also die Regierung, um die Wirtschaft im Rahmen einer Corona-Krise anzukurbeln?

  • Am wichtigsten ist, dass sie keine Kosten und Mühen scheut, um die Ausbreitung der Krankheit einzudämmen.
  • Zudem kann sie durch großzügiges Kurzarbeitergeld versuchen, betroffene Unternehmen zu stützen – eine solche Regelung wurde jüngst bereits verabschiedet.
  • Zudem wäre es möglich, in begründeten Fällen Steuervorauszahlungen zu stunden und damit die Liquidität der Unternehmen zu sichern.
  • Denkbar wären auch Notkredite von der KfW, falls einzelne an sich solide Unternehmen etwa durch längere Betriebsschließungen Gefahr laufen, insolvent zu werden.
  • Sollte die Corona-Gefahr womöglich eskalieren, könnte die Ankündigung eines umfassenden Schutzschildes für die Wirtschaft starke Signalwirkung entfachen und womöglich Panikreaktionen verhindern.

So war es die wohl beste Entscheidung der damaligen Bundesregierung, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise eine glaubhafte Garantie für die Spareinlagen der Bürger auszusprechen; so konnte einem drohenden Ansturm auf die Banken vorgebeugt und Panik zu verhindert werden. Und auch EZB-Präsident Mario Draghi beendete 2011 mit seiner „Whatever-it-takes“-Rede die Spekulationen gegen den Euro.

Manchmal helfen starke Worte eben mehr als gut gemeinte Taten.

Das Bild zeigt eine Studie "Masterplan 2030", die unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Bert Rürup, dem Macher von DER CHEFÖKONOM, entstanden ist. Anzeige
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