Anlagebetrug: Zwei Nobelpreisträger warnen Investoren

Anlagebetrug: Zwei Nobelpreisträger warnen Investoren

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Anlagebetrug: Die Finanzmärkte und das Internet kennen viele Formen von Täuschungsversuchen. Um dies zu verhindern, müssen die Behörden diese Märkte genau überwachen. Das fordern George Akerlof und Robert Shiller, die beide den Nobelpreis erhalten haben.

Finanzmärkte: Trickser betrügen Anleger

Anlagebetrug: Trickser betrügen Anleger
Deutsche Ängste

Im Herzen der Wirtschaftstheorie verbirgt sich eine Erkenntnis, die möglicherweise überraschend wirkt. Im Jahr 1776 schrieb der Vater der Ökonomie, Adam Smith, diese in seinem klassischen Werk „Der Wohlstand der Nationen“ auf. Jeder Mensch trage auf einem freien Markt auch zum Gemeinwohl bei, indem er sein eigenes Interesse verfolge.

Es dauerte mehr als ein Jahrhundert, bis die Welt diese Aussage richtig verstand. Die Professoren vermitteln den Wirtschaftsstudenten schon im Grundstudium, dass in der modernen Theorie ein Wettbewerbsgleichgewicht auf einem freien Markt „Pareto-optimal“ ist.

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Das bedeutet folgendes. Wenn eine Marktwirtschaft einmal im Gleichgewicht ist, dann ist nicht mehr möglich, das wirtschaftliche Wohlergehen aller Marktteilnehmer zu verbessern. Jeder Eingriff würde die Lage irgendeines Akteurs verschlechtern.

Für die Volkswirtschaftsstudenten wird diese Erkenntnis in einen mathematischen Lehrsatz übersetzt. Auch das hat dazu beigetragen, dass die Lehre den optimalen Zustand des freien Marktes zu einer bedeutsamen wissenschaftlichen Erkenntnis erhoben hat.

Natürlich ist in der Theorie Platz für einige Faktoren, die das Gleichgewicht auf dem freien Markt verzerren können. Dazu zählen wirtschaftliche Aktivitäten einer Person, die sich direkt auf eine andere Person auswirken. Gemeint sind sogenannte „externe Effekte“. Außerdem spielt die schlechte Verteilung der Einkommen eine Rolle.

Und natürlich wissen die Ökonomen seit langem, dass große Unternehmen den umfassenden Wettbewerb auf Märkten beeinträchtigen können. Aber wenn man von diesen schädlichen Faktoren absieht, wäre es nach Ansicht vieler Ökonomen dumm, in die Abläufe auf einem freien Markt einzugreifen.

Die Freiheit zum Anlagebetrug

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Diese Vorstellung lässt jedoch gravierende Probleme außer Acht. Wenn der Markt vollkommen frei ist, haben die Akteure nicht nur die Freiheit der Wahl, sondern auch die Freiheit zum Betrug. Das Gleichgewicht ist weiterhin optimal, aber es ist nicht optimal, gemessen an dem, was wir wirklich wollen.

Vielmehr ist es ein optimales Gleichgewicht, gemessen an der Befriedigung der Bedürfnisse, die uns eingeflüstert werden. Und das bringt sowohl für uns selbst als auch für die Einflüsterer zahlreiche Probleme mit sich.

Die herkömmliche Wirtschaftswissenschaft lässt dies außer Acht. Und zwar weil die meisten Ökonomen davon ausgehen, dass die Menschen im Grunde wissen, was sie wollen. Wenn man so denkt, bringt es wenig zu untersuchen, ob die Wünsche, die man uns einredet, tatsächlich dem entsprechen, was wir wirklich wollen. Aber die Ökonomie lässt die Psychologie, die sich mit den Auswirkungen der Einflüsterungen beschäftigt, links liegen.

Eine Ausnahme ist die Verhaltensökonomie, die sich seit 40 Jahren eingehend mit der Beziehung zwischen Psychologie und wirtschaftlichem Handeln beschäftigt. Diese Disziplin rückt die Konsequenzen der Einflüsterungen in den Mittelpunkt. Aber sonderbarerweise haben die Verhaltensökonomen (soweit wir wissen) ihre Erkenntnisse nie mit Adam Smith‘ grundlegender Vorstellung von der unsichtbaren Hand des Marktes verknüpft.

Vielleicht war der Zusammenhang einfach zu offenkundig. Nur ein Kind – oder ein Idiot – würde darauf hinweisen. Und dann auch noch erwarten, dass das irgendwen interessiert. Aber diese Beobachtung, so offenkundig sie scheinen mag, hat bedeutsame Konsequenzen. Vor allem, weil andere aus Eigeninteresse wie durch eine unsichtbare Hand diese eingeflüsterten Bedürfnisse befriedigen werden.

Die Basis für Anlagebetrug

Die herkömmliche Wirtschaftstheorie wandeln wir also nur geringfügig ab. Wir weisen hin auf den Unterschied zwischen dem Optimum, gemessen an unseren wirklichen Wünschen, und dem Optimum, gemessen an den Wünschen, die uns eingeflüstert werden.

Aber diese Abwandlung hat erhebliche Auswirkungen auf unser Leben. Denn sie zeigt uns, dass wir erhebliche wirtschaftliche Probleme heraufbeschwören, indem wir den Menschen frei wählen lassen, wie das etwa Milton und Rose Friedman gefordert haben.

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Die Psychologie befasst sich nicht nur mit der Frage, warum Menschen „dysfunktionale“ Entscheidungen fällen. Sie beschreibt auch die Funktionsweise des gesunden menschlichen Verstands. Aber ein Großteil der psychologischen Forschung ist Entscheidungen gewidmet, mit denen sich Menschen nicht das verschaffen, was sie wirklich wollen. Es geht vielmehr um das, was die Menschen zu wollen glauben.

Ein Beispiel dafür ist ein Einsatzgebiet jener Psychologie, die Mitte des 20. Jahrhunderts praktiziert wurde. Damals beruhte die Psychologie im Wesentlichen auf Sigmund Freud, insbesondere auf Erkenntnissen, die er durch Experimente bestätigt sah. Dabei ging es um den Einfluss des Unterbewusstseins auf unsere Entscheidungen.

Vance Packard knüpfte in seinem 1957 erschienenen Buch „Hidden Persuaders“ an Freud an. Er beschrieb die Marketing-und Werbeexperten als „verborgene Überzeuger“, weil diese Leute unser Unterbewusstsein manipulieren.

Der Psychologe und Marketingexperte Robert Cialdini lieferte zahlreiche beeindruckende Beispiele für kognitive Verzerrung. Er hat eine Liste von Gründen aufgestellt, warum wir anfällig für Betrug sind.

  • Wir wollen Geschenke und Gefälligkeiten erwidern.
  • Wir möchten nett zu Menschen sein, die wir mögen.
  • Autoritäten wollen wir nicht widersprechen.
  • Wir neigen dazu, uns in unserem Verhalten nach anderen zu richten.
  • Wir bemühen uns um konsequente Entscheidungen.
  • Und wir haben eine Abneigung gegen Verluste.

Cialdini erklärt, dass jede dieser Neigungen mit einem gewöhnlichen Verkäufertrick ausgenutzt werden kann.

Anlagebetrug: Die Masche der Trickser

Ein Großteil des Tricksens – wir verwenden dafür den aus dem Internet bekannten Begriff des „Phishing“ – beruht auf einer anderen Methode: Man gibt uns falsche oder irreführende Informationen. Die Phisher oder Trickser spielen mit dem, was ihre Kunden zu bekommen glauben.

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Es gibt zwei Arten, Geld zu verdienen. Da ist die anständige Art. Man gibt dem Kunden etwas, das für ihn einen Dollar wert ist. Und produziert es für weniger.

Und dann ist da die unanständige Art. Man gibt dem Kunden falsche Informationen. Oder verleitet ihn dazu, einen falschen Schluss zu ziehen. Er denkt, etwas zu bekommen, was einen Dollar wert ist, obwohl es in Wahrheit weniger wert ist.

Besonders viele Beispiele dafür gibt es im Finanzbereich. Die Optimisten glauben, in komplexen finanziellen Transaktionen gehe es darum, die Risiken und erwarteten Erträge möglichst gerecht auf Marktteilnehmer mit unterschiedlichen Vorlieben zu verteilen. So wie Kinder, die Murmeln und Fußballkarten tauschen.

Die Theorie besagt, die Menschen seien klug, vor allem im Finanzsektor. Und um die Finanzmärkte zu regulieren, überlässt man sie sich am besten selbst. Aber dieses Mantra wird nicht wahr, nur weil wir es ständig wiederholen.

Es gibt eine weitere Methode, im Finanzsektor Geld zu verdienen. Diese Methode besteht darin, den Leuten nicht zu verkaufen, was sie wirklich wollen.

Finanzmärkte: Hütchenspieler zaubern

Erinnern wir uns an die Hütchenspieler. Der Zauberer legt eine Münze unter einen von drei Bechern, die er herumschiebt und schließlich umdreht. Die Münze ist verschwunden. Aber wo ist sie?

Voilà: Sie ist in der Hand des Zauberers. Genau dasselbe passiert in den komplizierten Finanztransaktionen. Wir kaufen ein Wertpapier, mit dem wir einen Anspruch auf die Münze erwerben. Diese Münze wird zum Vorschein kommen, wenn die Becher umgedreht werden. Aber im Wirbel der komplexen Finanztransaktionen wechselt die Münze irgendwie in die Hand des Zauberers. Und wenn die Becher umgedreht werden, stehen wir mit leeren Händen da.

Die Finanzmärkte kennen viele Formen von Täuschungen, zum Beispiel durchtriebene Finanzbuchhaltung und übertrieben optimistische Ratings. In diesen Fällen wissen die Leute, was sie wollen. Aber durch schlaue Manipulation der Information wird ihnen suggeriert, dass sie bekommen, was sie wollen, obwohl man ihnen etwas vollkommen anderes gibt.

Schließlich stellen wir fest, dass es Zauberer geben wird, solange man mit solchen Zaubertricks Geld verdienen kann. Das liegt in der Natur des wirtschaftlichen Gleichgewichts. Und es ist der wesentliche Grund dafür, dass die Finanzmärkte genau überwacht werden müssen.

Finanzmärkte: Gewinne mit Dummköpfen

Unsere Theorie des Phishing- oder besser Trickser-Gleichgewichts besagt, dass im realen Marktgleichgewicht sehr viel nach „Fools“ gephisht wird. Das Gleichgewicht ergibt sich aus demselben Grund, der dafür sorgt, dass die Schlangen an verschiedenen Supermarktkassen selten unterschiedlich lang sind.

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Die aufeinanderfolgenden Kunden wählen jene Schlange aus, die ihnen am kürzesten scheint. Auf einem Markt, auf dem Wettbewerb herrscht, nutzen die Betrüger (Phisher) stets ihre Chancen, was besonders für die Finanzmärkte gilt. Sie führen Dummköpfe (Fools) hinters Licht und machen Gewinne.

Deutscher Wirtschaftsbuchpreis

Die unsichtbaren Tricks des Marktes: Für die beiden amerikanischen Wirtschaftsnobelpreisträger George Akerlof und Robert Shiller leidet die Marktwirtschaft unter einer systematischen Schwäche: Wer nicht aufpasst, wird über den Tisch gezogen.

Der Chefökonom

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