Geld und Corona

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Das Sparen hat sich für Deutschland gelohnt

Seit Jahren wird die deutsche Austeritätspolitik nicht nur kritisiert, sondern auch in Frage gestellt. Doch in der Coronakrise zeigt sich ihre Sinnhaftigkeit.

von Prof. Dr. Lars Feld und Thomas König

Eins ist sicher: Die Coronakrise wird den Schuldenstand in vielen Ländern erhöhen. Schon infolge der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise erhöhte sich der deutsche Schuldenstand im Jahr 2010 auf 82,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

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Wie Großbritannien (74,6 Prozent) und Frankreich (85,3 Prozent) verfehlte Deutschland das 60-Prozent-Schuldenkriterium des Stabilitäts- und Wachstumspakts. Während die Staatsschulden Großbritanniens (2019: 85,2 Prozent) und Frankreichs (2019: 98,9 Prozent) weiterhin stiegen, reduzierte Deutschland seinen Schuldenstand auf 59,2 Prozent im Jahr 2019. Griechenland, Italien und Portugal liegen sogar oberhalb der 100-Prozent-Marke, Belgien, Spanien und Zypern knapp darunter.

Diese unterschiedliche Entwicklung wird der deutschen „Austeritätspolitik“ zugeschrieben, die noch vor Kurzem im In- und Ausland infrage gestellt wurde. Warum investiert Deutschland nicht in Zeiten niedriger Zinsen, macht Schulden wie andere Länder und kurbelt dadurch die Wirtschaft in Frankreich, Italien und andernorts in Europa an?

Solche Fragen können selten kausal beantwortet werden. In der Regel fehlt ein „exogener Schock“, der die Effekte einer Austeritätspolitik offenbart. Andernfalls lassen sich die Implikationen einer solchen Politik von den politisch Verantwortlichen vorhersehen, sodass sie diese nur verfolgen, wenn sie positive Effekte für sich erwarten. Politiken mit selbst nur vorübergehend negativen Effekten werden vor allem in Zeiten vermieden, die – wie Wahlen – politische Nachteile mit sich bringen.

Wahlgeschenke sind die Folge, sodass sich Staaten mehr und mehr verschulden. Renten werden kurz vor Wahlen ungeachtet der demografischen Entwicklung erhöht, Steuervergünstigungen für eine einkommensstarke Klientel beschlossen etc. – es fehlt nicht an Beispielen für parteiideologische Finanzpolitik.

Forderung nach Ende der Austeritätspolitik

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Seit der Finanzkrise war dies bis zuletzt in Deutschland nicht der Fall. Nicht nur in Ländern wie Frankreich und Großbritannien, die sich einer weiteren Verschuldung verschrieben haben, sondern auch in Deutschland selbst wurden die Stimmen lauter, die ein Ende der Austeritätspolitik forderten. Trotz Baubooms solle Deutschland mehr in Infrastruktur investieren, ansonsten in Bildung, Soziales und vieles mehr.

Warum sparen, wenn Schulden nichts kosten? Selbst konservativen Ökonomen schienen die Argumente gegen eine schuldenfinanzierte Ausgabenpolitik auszugehen, die als biedere schwäbische Hausfrauenweisheit diskreditiert wurden.

Schon wenige Wochen später sieht die Welt ganz anders aus. Die Coronakrise wirft Fragen nach der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung auf und wird die wirtschaftliche Entwicklung in vielen Ländern beeinträchtigen.

Dabei besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Gesundheit und Wirtschaft, da die Gesundheitssysteme normalerweise über Sozialbeiträge der arbeitenden Bevölkerung finanziert werden. Wenn aber in Krisenzeiten Arbeit und Produktion ausfallen, dann müssen staatliche Maßnahmen ergriffen werden.

Die Europäische Zentralbank hat durch ihre Politik den Schuldenstaaten Zeit für Reformen gekauft. Sie sitzt mittlerweile auf einem Berg von Staats- und Unternehmensanleihen, deren Wert in Krisenzeiten schwindet. Eine Zinssenkung kommt angesichts des bereits negativen Einlagenzinses für Banken kaum mehr infrage.

Investitionen für Deutschland möglich

Unter diesen Umständen kann nur noch eine expansive Finanzpolitik gegensteuern, die mit einer weiteren Staatsverschuldung einhergeht. Hochverschuldete Staaten wie Belgien, Griechenland, Italien, Portugal, Zypern, selbst Frankreich und Spanien können ihre Verschuldung jedoch nur noch eingeschränkt erhöhen. Deutschland kann hingegen aus dem Vollen schöpfen und sich Investitionen in Gesundheit und Wirtschaft leisten.

Die Befürchtung, die Schuldenbremse würde die deutsche Staatsverschuldung schon bald auf 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts senken, kann spätestens mit der Coronakrise ad acta gelegt werden. Vielleicht war die schwäbische Hausfrauenweisheit, die in besseren Zeiten konsolidiert, um in Krisenzeiten gewappnet zu sein, doch nicht so falsch.

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Letztlich geht es nicht um ein Kaputtsparen der öffentlichen Haushalte, sondern um die Möglichkeit, die Schuldenquote erhöhen zu können, ohne dass nur die geringsten Zweifel an der finanzpolitischen Solidität Deutschlands aufkommen.

Dies ist die wichtigste Stütze, die Deutschland der Europäischen Währungsunion als Haftungsgeber der EZB-Bilanz und des Europäischen Stabilitätsmechanismus bieten kann.

Mehr: Für die Kanzlerin hat der schuldenfreie Haushalt angesichts der Corona-Epidemie keine Priorität mehr. Spitzenökonomen drängen die Regierung zu schnellen Hilfen für Unternehmen.

Lars Feld  ist Vorsitzender des Sachverständigenrats, Thomas König ist Politikwissenschaftler aus Mannheim.

Epidemien wie Corona sind zeitlich begrenzt, genau wie die Verluste an den Kapitalmärkten

An den Kapitalmärkten werden Parallelen zwischen der Coronakrise und der Finanzkrise gezogen. Das ist weit hergeholt. Die Gefahr eines zeitweisen wirtschaftlichen Einbruchs ist jedoch real.

von Klaus Kaldemorgen

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Es ist gerade einmal drei Wochen her, da markierten die Indizes an wichtigen Börsenplätzen neue Allzeithochs. Trotz oder wegen des Coronavirus?

Am Anfang der Epidemie ging man davon aus, dass die drastischen Maßnahmen Chinas zur Eindämmung des Virus greifen. Die damit verbundenen negativen wirtschaftlichen Konsequenzen, so die Erwartung, würden durch eine geldpolitische Unterstützung der wichtigsten Notenbanken entsprechend gemildert. Die Aussicht auf weiter fallende Zinsen ließen vor allem die US-Börsen um fünf Prozent seit Jahresbeginn steigen.

Die Ausbreitung des Virus auf Europa führte dann allerdings zu einer Art Vollbremsung. Innerhalb von zwei Wochen kollabierten die wichtigen Aktienindizes um mehr als 15 Prozent. Ein Ereignis, das in dieser Geschwindigkeit in den letzten 80 Jahren lediglich drei Mal aufgetreten ist.

Gerade die Kapitalmärkte in Europa und den USA gerieten unter dem Eindruck der wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus in Panik. Obwohl die Bedrohung durch die Ausbreitung des Virus beherrschbar erscheint, wächst die Angst vor Überreaktionen in Staat und Wirtschaft.

Die Sorge besteht, dass gesundheitliche und wirtschaftliche Risiken nicht richtig gegeneinander abgewogen werden. In der Tat waren noch bei keiner der vorangegangenen Epidemien, wie etwa der Schweinegrippe im Jahr 2009/2010, die Einschränkungen der Mobilität entsprechend groß.

Eine teilweise undifferenzierte Berichterstattung, die stark auf die Zahl der Infizierten, aber nicht der ernsthaft Erkrankten abstellt, schürt nicht nur die Unsicherheit in der Gesellschaft, sondern auch die Unsicherheit an den Kapitalmärkten. Der tägliche Anstieg der Zahl der Infizierten hat für viele Investoren den gleichen Effekt wie die Wassertropfenfolter. Nur zur Einordnung: An der Schweinegrippe hatte sich nach Forschungsergebnissen jeder fünfte Mensch infiziert, die Zahl der Toten wurde von der WHO auf 18.500 beziffert.

Eine Spekulationsblase ist zurzeit nicht erkennbar

An den Kapitalmärkten werden jetzt bereits Parallelen zur Finanzkrise gezogen. Ein Vergleich, der weit hergeholt ist, beruhte die Finanzkrise doch im Wesentlichen auf einer Spekulationsblase, ausgelöst durch kreditfinanzierte Finanzderivate. Die Eigenkapitalunterlegung der Finanzinstitute wurde zu dieser Zeit sträflich vernachlässigt.

Eine Spekulationsblase ist zurzeit nicht erkennbar, und Finanzinstitute haben mittlerweile deutlich höhere Eigenkapitalquoten. Die Gefahr eines massiven, wenngleich zeitlich begrenzten, wirtschaftlichen Einbruchs, der weltweit zu einer Rezession führen kann, ist jedoch real. Rasche und massive Zinssenkungen, wie wir sie jüngst von der Federal Reserve gesehen haben, werden aber der Gefahr einer Infektion des globalen Finanzsystems entgegenwirken.

Zumindest zeigt sich dies bereits an den Anleihemärkten, wo täglich die Renditen neue Tiefstände markieren. Um die Auswirkungen auf die Realwirtschaft zu reduzieren, werden wohl kurzfristig Fiskalmaßnahmen auf den Weg gebracht. Hong Kong schenkt seinen Bürgern beispielsweise sofort 1180 Euro.

Sind nun weitere heftige Kursverluste an den Aktienmärkten zu erwarten oder können die monetären und fiskalpolitischen Maßnahmen einen weiteren Rückschlag verhindern? Die heftigen Schwankungen an den Aktienmärkten werden uns wohl noch einige Zeit begleiten.

Das Bild zeigt eine Studie "Masterplan 2030", die unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Bert Rürup, dem Macher von DER CHEFÖKONOM, entstanden ist. Anzeige

Im Wesentlichen werden sie durch quantitative Anlageprozesse ausgelöst, die bei Kursverlusten und zunehmenden Schwankungen diesen Trend noch einmal verstärken. Auch passive Fonds können die Kursverluste verstärken, da diese bei Rückflüssen unabhängig vom Kursniveau verkaufen müssen.

Wie stark die Kurse in den kommenden Wochen auch schwanken werden: Der Auslöser ist eine Epidemie, deren Dauer zeitlich begrenzt ist. Orientiert man sich an vergangenen Epidemien, dann sollte der zeitliche Rahmen auf ein Jahr begrenzt sein. Dies ist auch der Zeitrahmen, in dem man einen wirksamen Impfstoff erwarten kann. Die Börsen scheinen aber gemeinhin das Thema „abzuhaken“, sobald die Neuinfektionen rückläufig sind. Dies kann sich bereits nach drei Monaten andeuten.

Schon jetzt ist zu beobachten, dass der Einfluss des Coronavirus auf den chinesischen Aktienmarkt deutlich schwächer ist als in Europa und den USA. Durch diese Perspektive dürfte auch das mögliche Risiko an den Aktienmärkten begrenzt werden. Die Chance auf eine kräftige Erholung in einem überschaubaren Zeitraum dürfte die Risiken von weiteren kurzfristigen Kursverlusten überwiegen.

Klaus Kaldemorgen, Jahrgang 1953, ist einer der bekanntesten Börsenstrategen Deutschlands. Seit über 35 Jahren arbeitet er als Fondsmanager für die DWS, wo einer der Investmentfonds sogar seinen Namen trägt.

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