Rürups Wochenrückblick: Corona-Strategien

Rürups Wochenrückblick: Corona-Strategien

Das Bild zeigt einen Button für das Premium-Abo für der Chefökonom.

Jede Woche analysiert und kommentiert Professor Bert Rürup pointiert, was in Politik und Wirtschaft wichtig ist. Sein Thema im Wochenrückblick des Newsletter vom 20. März: Die Corona-Strategien der Staaten: Was ist richtig?

Wochenrückblick im Newsletter DER CHEFÖKONOM
Der Newsletter von Professor Rürup: Jeden Freitag

Ein diktatorisch regiertes Land wie China hat bei der Corona-Bekämpfung der systemstabilisierenden Mehrung des gesamtwirtschaftlichen Wohlstands keine Priorität eingeräumt, sondern das Wohl der Menschen vorangestellt. Das demokratische Amerika stellte dagegen – bislang – die Interessen der Wirtschaft an die erste Stelle.  

Wochenrückblick: Die Corona-Strategien

Die Infektion mit dem Corona-Virus ist zu einer nahezu weltumspannenden Pandemie geworden. Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass es nur zwei unterschiedliche Strategien im Umgang mit dieser Krankheit gibt.

Das Bild zeigt ein Banner für ein E-Book von der Chefökonom

China und die kontinentaleuropäischen Länder setzen auf eine möglichst kontrollierte Ausbreitung. Indem sie das soziale Leben genauso wie die Wirtschaftsaktivitäten herunterfahren, wollen sie auf diese Weise die Verbreitung der Seuche verlangsamen.

Bei dieser Strategie hat die Verringerung der Letalitätsrate Priorität, also der Wahrscheinlichkeit an dieser Infektion zu sterben. Die Folgen sind Wachstums- und Wohlstandsverluste für alle. Begünstigte dieser Strategie sind die sogenannten Risikofälle, also die Älteren und Menschen mit Vorerkrankung.

Denn je weniger Hochrisikopatienten es gibt, desto besser können diese Menschen stationär betreut werden. Und umso höher ist deren Überlebenswahrscheinlichkeit.

Die USA verfolgen eine andere Corona-Strategie

Großbritannien – zumindest bis zum Mittwoch – und vor allem die USA – mit Ausnahme einiger Bundesstaaten wie namentlich Kalifornien – agieren anders. Sie stemmen sich gegen ein staatlich verordnetes Herunterfahren der sozialen und vor allem wirtschaftlichen Aktivitäten der Bevölkerung und der Unternehmen.

Das Bild zeigt ein Angebot des Chefökonom Shops..

Die Anhänger dieser Strategie gehen davon aus, dass die damit verbundene schnelle Ausbreitung dieser Krankheit zwar mit einer höheren Letalitätsrate – insbesondere unter den Risikopatienten – verbunden ist, aber mit geringeren gesamtwirtschaftlichen Verlusten einhergeht.

Das „Greatest-Happiness-Principle“ von Jeremy Bentham

Hinter dieser – eindimensional ökonomischen – Strategie steht letztlich das „Greatest-Happiness-Principle“ von Jeremy Bentham (1748 -1832). Er ist der wohl wichtigste britische Sozialreformer. Danach ist diejenige politische Entscheidung die richtige, die für die größte Anzahl der Betroffenen mit einer Verbesserung oder der geringsten Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen verbunden ist.

Mit diesem Argument könnte man beispielsweise Menschenversuche in der medizinischen Forschung begründen. Oder etwa den Abschuss eines Passagierflugzeugs, das auf ein Hochhaus zurast.        

Deutsche Rechtsprechung betont Menschenwürde

In Deutschland ist nach ständiger Rechtsprechung die Würde des Menschen – und zwar jedes einzelnen – unantastbar: Der potenzielle Nutzen einer oder mehrerer Personen darf nicht mit der Menschenwürde anderer Personen bezahlt werden.

In der Volkswirtschaftslehre spiegelt sich diese unterschiedliche Sicht der Dinge in der Mikro- und Makroökonomie wider. Aus Mikro-Sicht agiert jedes Individuum rational und maximiert seinen individuellen Nutzen.

Effizient ist eine Situation dann, wenn kein Individuum sich besserstellen kann, ohne dass sich die Lage eines anderen verschlechtert. Regeln für Fairness gibt es nicht, weil dazu der Nutzen des einen mit dem eines anderen addiert bzw. verrechnet werden müsste – was nicht möglich ist.

Daraus folgt: Wenn kein größerer Kuchen gebacken werden kann, spielt es keine Rolle, ob nur einer den gesamten Kuchen bekommt oder alle Familienmitglieder ein gleich großes Stück.

Wie wird Wohlstand maximiert?

Das Bild zeigt ein Werbebanner für DER CHEFÖKONOM.
Anzeige

Die Makroökonomie vernachlässigt diese interpersonellen Verteilungsfragen, indem sie implizit unterstellt, dass eine Erhöhung des Bruttoinlandsprodukts allen Individuen zugutekommt – und sie daher die Maximierung dieser Zielgröße stillschweigend akzeptieren.

In diesem Zusammenhang durchaus bemerkenswert ist, dass ein diktatorisches Land wie China eben bei der Corona-Bekämpfung nicht allein die Maximierung des gesamtwirtschaftlichen Wohlstands im Sinne hat, sondern versuchte, möglichst viele Menschenleben zu retten.

Wochenrückblick: So könnte Olaf Scholz zum Steuerreformer werden

Die eher linke SPD-Führung könnte dem eher im konservativen Lager seiner Partei verankerten Finanzminister Olaf Scholz eine Brücke bauen. Ein geschickter Schachzug wäre es, wenn der ehemalige Finanzminister von NRW und amtierende SPD-Co-Chef Norbert Walter-Borjans eine Reform des Einkommenssteuertarifs vorschlagen würde. Diesen Vorschlag könnte sich Scholz dann zu eigen machen – um damit als Spitzenkandidat seiner Partei in die nächste Bundestagswahl zu gehen.

Professor Bert Rürup kommentiert im Wochenrückblick die Lage der CDU und der SPD.
Professor Rürup: Merz ist der einzige CDU-Kandidat mit einem wirklich konservativen Profil.

Fast hatte man es schon vergessen: Die SPD kann Wahlen gewinnen. Mit 39,2 Prozent wurde diese Partei bei den Hamburger Bürgerschaftswahlen die mit Abstand stärkste Kraft. Es folgten die Grünen mit 24,2 Prozent.

Die Tatsache, dass dies 6,4 Prozentpunkte weniger waren als die SPD bei den letzten Bürgerschaftswahlen erreicht hatte, ändert nichts an dem Stolz über dieses Ergebnis. Denn: Die CDU wurde mit 11,2 Prozent marginalisiert. Die FDP scheiterte an der Fünfprozenthürde, und die AfD wurde auf bescheidene 5,3 Prozent zurechtgestutzt.

Ein heimlicher Sieger dieser Wahl sitzt allerdings in Berlin und heißt Olaf Scholz, der Vorgänger des amtierenden und zukünftigen Regierenden Bürgermeisters Peter Tschentscher.

Das Bild zeigt eine Grafik der Woche. Diese bietet DER CHEFÖKONOM in seinem Shop an. Anzeige

Wenn die SPD für die nächste Bundestagswahl einen Spitzenkandidaten aufstellen wird, spricht vieles für Scholz, gerade weil er zum konservativen Flügel seiner Partei zählt. Ein geschickter Schachzug wäre es, wenn sich der „linke“ Co-Vorsitzende der Partei und ehemalige Finanzminister von NRW Norbert Walter-Borjans, mit einem klugen Vorschlag zur Reform des Einkommenssteuertarifs aus der Deckung wagen würde.

Diesen könnte sich Scholz dann zu eigen machen. Selbst würde er solch einen Vorschlag wohl kaum machen, weil er als Bundesfinanzminister aus fiskalischen Gründen bislang stets dagegen war. Wenn Walter-Borjans das Thema jedoch aufgreift, könnte dies ein Versöhnungsversuch zwischen den Flügeln dieser ältesten Partei in Deutschland sein.

Laschet, Merz oder Röttgen?

Das Wahlergebnis in Hamburg brachte zudem bei der CDU das Kandidatenkarussell um den Parteivorsitz in Schwung. Das Quartett aus Armin Laschet, Friedrich Merz, Norbert Röttgen und Jens Spahn schrumpfte zum Trio. Spahn, der nun eine große Chance hat, sich bei der Bekämpfung der Corona-Seuche zu profilieren, will Laschet in diesen bislang völlig offenen Rennen unterstützen.

Profitieren dürfte davon Merz, der einzige Kandidat mit einem wirklich konservativen Profil. Offen bleibt freilich, ob es ihm wirklich nutzen wird, dass er der einzige Merkel-Gegner ist.

Deutschland ist nicht sonderlich gut auf eine Pandemie vorbereitet

Apropos Jens Spahn. Das Robert Koch Institut hält eine weltweite und damit auch Deutschland nicht verschonende Ausbreitung des Corona-Virus für zunehmend wahrscheinlich hält. Daher stellte der Gesundheitsminister am Donnerstag dezidiert fest: „Wir nehmen die Dinge sehr ernst, wir sind aber auch gut vorbereitet.“

Der Zufall will es, dass im Oktober des vergangenen Jahres eine Studie der bekannten Johns-Hopkins-Universität in Baltimore herausgekommen ist. Danach ist kein Land wirklich umfassend auf eine Pandemie vorbereitet. Bedenklich ist freilich, dass Deutschland nicht in der Spitzengruppe vertreten ist – gemessen an dem dort entwickelten Global Health Security (GHS) Index. Denn das Land rangiert dort (nur) auf dem 14. Rang, gefolgt von Spanien und Norwegen.

Ganz vorne liegen die USA, Großbritannien, die Niederlande, Australien, Thailand, Schweden und Dänemark. Tatsache ist, dass in den USA immerhin knapp 28 Millionen der gut 300 Millionen Einwohner des Landes weder krankenversichert sind noch einen Anspruch auf eine staatliche Gesundheitsfürsorge haben. Daher ist dieser erste Rang der USA zumindest überraschend.

Konjunkturdaten unter dem Vorbehalt des Corona-Virus

Der Rosenmontag begann mit einer überraschend erfreulichen Nachricht. Das Ifo-Geschäftsklima, der wichtigste vorauseilende Konjunkturindikator in Deutschland, ist – entgegen den Erwartungen – leicht gestiegen von 96,0 auf 96,1. Er entwickelte sich damit in die gleiche Richtung, wie der zuvor veröffentlichte Einkaufsmanagerindex.

Selbst in dem rezessionsgebeutelten, stark exportorientierten verarbeitenden Gewerbe hat sich die Stimmung laut Ifo leicht verbessert: von minus 1,6 im Januar auf nunmehr minus 1,3 Prozent. Der Grund dafür war ein Anstieg der Erwartungskomponente von 92,9 auf 93,4.

Vor dem Hintergrund der Corona-Epidemie scheint dies zunächst mehr als überraschend. Allerdings wies Ifo darauf hin, dass ein Großteil der Mitteilungen noch aus jener Zeit stammte, als die Ausbreitung des Virus noch nicht Europa und damit Deutschland erreicht hatte.

Das Bild zeigt eine Studie "Masterplan 2030", die unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Bert Rürup, dem Macher von DER CHEFÖKONOM, entstanden ist. Anzeige

Daher wäre es verfrüht, in diesen Meldungen Vorboten eines baldigen Endes der bereits mehr als ein Jahr anhaltenden rezessiven Entwicklung in der Industrie zu sehen. Denn dazu waren die Produktionsausfälle in China, dem wichtigsten Kunden der deutschen Industrie, als Folge der dort sehr erfolgreich bekämpften Corona-Epidemie zu groß. Zudem ist es möglich, dass ein sich abzeichnendes Übergreifen dieser Lungenkrankheit auf Deutschland die bislang noch rundlaufende Binnenkonjunktur ins Stottern bringen könnte.

DIW setzt auf privaten Verbrauch

Zu dieser pessimistischen Option passt, dass das am Mittwoch erschienene DIW-Konjunkturbarometer für den Monat Februar „deutlich nach unten“ zeigt. Denn „der Wert für das erste Quartal ist im Vergleich zum Januar um knapp vier auf nunmehr 89 Punkte gefallen“, schreiben die Berliner Konjunkturforscher. Sie fahren fort: „Das laufende Auftaktquartal wird unabhängig vom Corona-Virus … im Maschinenbau und der Automobilbranche wohl schwächer ausfallen als bislang vermutet und die Industrie insgesamt in der Rezession verbleiben.“

Unverändert große Hoffnungen setzen die DIW-Ökonomen dagegen auf den privaten Verbrauch als Konjunkturtreiber: „Der private Verbrauch dürfte spürbar ausgeweitet werden.“

Bleibt nur zu hoffen, dass sie Recht behalten werden und eine seuchenhafte Ausbreitung des Corona-Virus diese Stütze des Wachstums nicht einbrechen lässt.

Schwaches Wirtschaftswachstum

Am Dienstag veröffentlichte das Statistische Bundesamt die ausführlichen Ergebnisse zur gesamtwirtschaftlichen Leistung des vierten Quartals 2019. Es bestätigte dabei seine Schnellmeldung vom 14. Februar. Danach stagnierte das Bruttoinlandsprodukt in den Monaten Oktober bis Dezember.

Für das gesamte Jahr 2019 bedeutet das:

  • Der Start war recht dynamisch (+0,5 Prozent in den Monaten Januar bis März).
  • Im zweiten Quartal schrumpfte die gesamtwirtschaftliche Leistung (-0,2 Prozent), um
  • in den Monaten Juli bis September um 0,2 Prozent zu wachsen.
  • Daraus ergab sich für das gesamte Jahr 2019 ein Wirtschaftswachstum von 0,6 Prozent.

Nur dem kräftigen privaten Verbrauch und den Bauinvestitionen war es geschuldet, dass die deutsche Wirtschaft nicht schrumpfte.

Für die Anhänger der Auffassung, dass die Volkswirtschaftslehre eine quantitative Wissenschaft ist, muss der Mittwoch eine herbe Enttäuschung gewesen sein. An diesem Tag meldete das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, das Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit (BA), dass die Beschäftigungsperspektiven sich verbessert haben. Denn mit 102,0 Punkten ist der IAB-Frühindikator gestiegen.

Nur wenig später meldete allerdings das Handelsblatt exklusiv, dass das Ifo-Beschäftigungsbarometer im Februar abgestürzt ist. Der Rückgang dieses Indikators war so stark wie seit dem Dezember 2014 nicht mehr. Des Rätsels Lösung: Das Ifo-Barometer stützt sich auf monatliche Befragungen zu den Beschäftigungsabsichten von 9000 Unternehmen, während der IAB-Indikator auf Befragungen aller Arbeitsagenturen basiert.

Die am Freitag veröffentlichten amtlichen Arbeitslosenzahlen für den Februar stützen eher die positiven Erwartungen des IAB als die Skepsis des Ifo-Instituts. Denn die saisonbereinigte Arbeitslosigkeit sank im abgelaufenen Monat um kräftige 10.000 Personen im Vergleich zum Januar.

Im Vorjahresvergleich ist die Anzahl der Arbeitslosen jedoch geringfügig höher. „Am Arbeitsmarkt zeigen sich weiterhin Spuren der konjunkturellen Schwäche. Insgesamt ist er aber stabil. Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung sind im Februar – auch begünstigt von der milden Witterung – saisonbereinigt gesunken“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit (BA), Detlef Scheele.

Richard Grenell kehrt zurück

In der vergangenen Woche teilte ich Ihnen mit, dass US-Präsident Donald Trump den von ihm eingesetzten US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, zum Geheimdienst-Koordinator ins Weise Haus „befördert“ hat. Am Dienstag wurde aus Washington gemeldet, der Präsident habe sich versprochen.

Richtig sei, dass Trump bald einen „permanenten“ Koordinator der Geheimdienste benennen wolle und Grenell dann wieder als Botschafter der USA nach Berlin zurückkehren werde. Wer auf einen diplomatischen Neuanfang zwischen Berlin und Washington gehofft hat, sieht sich enttäuscht. Die scharfen Töne aus der US-Botschaft dürften Berlin erhalten bleiben.

Der Chefökonom

Der Chefökonom

Kommentar verfassen