Branchenanalyse: Lieferketten wegen Corona-Krise in Gefahr

Branchenanalyse: Lieferketten wegen Corona-Krise in Gefahr

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Wie stark sich die Corona-Krise in wichtigen Sektoren der deutschen Wirtschaft und ihren Lieferketten auswirkt, haben die Analysten des Handelsblatt Research Institute (HRI) in ihrer wöchentlichen Branchenanalyse zusammengetragen. Die HRI-Experten betrachten in diesem Branchendossier Einzelhandel, Maschinenbau, Automobilzulieferer, Ernährung und Getränke, Transport und Logistik, Medien, Informations- und Kommunikationstechnologie und Gastgewerbe. (Stand: 3. April 2020)

Inhaltsverzeichnis

Unternehmen brauchen globale Lieferketten

Kilometerlange Staus an den Grenzen und die Sorge vor dem Zusammenbruch internationaler Transportketten machen deutlich, dass Deutschland wie nur wenige andere Länder in die weltweite Arbeitsteilung eingebunden ist. Die heimischen Unternehmen sind auf funktionierende globale Lieferketten angewiesen.

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Aktuell ist nicht nur der Export erschwert, sondern auch die Einfuhr von Rohstoffen, Vorprodukten und Fertigwaren. Lieferketten könnten nun reißen. Das Branchen-Dossier des Handelsblatt Research Institute zeigt, in einigen Branchen beginnt ein Umdenken, um künftig gegen ähnliche Krisen besser gewappnet zu sein (siehe dazu die hinterlegte Grafik).

Die Autoren dieses Branchendossiers: Sabine Haupt, Frank Heide, Dr. Frank May, Thomas Schmitt, Prof. Dr. Jochen Wicher, Martin Wocher und Barbara Bublik (Head of Sector Analysis).

Das Bild zeigt, dass der Welthandel die wirtschaftliche Entwicklung treibt. Das Bild ist damit Teil der Branchenanalyse und verdeutlicht die Relevanz von Lieferketten.

Branchenanalyse Einzelhandel: Wird Corona globale Lieferketten verändern?

Im deutschen und europäischen Einzelhandel mit Bekleidung, Textilien und Schuhen sind – quasi stellvertretend für einige andere Handelssegmente – zurzeit zwei ungewöhnlich drastische Effekte globalisierter Supply Chains und von Just-in-Time-Produktion zu beobachten.

Das Bild zeigt ein Dossier zum Thema Steuererklärung.

Die Hersteller – speziell in Entwicklungs- und Schwellenländern – leiden unter plötzlichen Stornierungen. Die heimischen Händler wiederum leiden unter bereits gelieferter Saisonware, die sie nicht verkaufen können. In dem Wissen, schon in der kommenden Saison wieder aufeinander angewiesen zu sein, ringt die Branche um gegenseitiges Verständnis und Lösungen.

Soziale Verantwortung vs. Fast Fashion

Aufträge im Wert von rund 1,5 Milliarden US-Dollar haben inzwischen beispielsweise führende Textilfirmen bei mehr als 1.000 Fabriken allein in Bangladesch ausgesetzt oder storniert, wie die Chefin der Vereinigung der Textilproduzenten des Landes, Rubana Huq, der Deutschen Presse-Agentur sagte. Bangladesch ist nach China der größte Textilproduzent der Welt mit knapp 4.000 Fabriken und vier Millionen Beschäftigten.

Soziale Organisationen mahnen nun die Verantwortung großer Auftraggeber für die Arbeiter in den Niedriglohnländern an, während diese Fast-Fashion-Produzenten (wie etwa Primark oder H&M) selber in die Krise geraten.

Hierzulande prognostiziert Trendforscher Matthias Horx derweil, dass “die globale Just-in-Time-Produktion, mit riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden”, sich überlebt hat. Stattdessen werde in Zukunft ortsnaher produziert und die Netzwerke lokaler.

In einer aktuellen Umfrage des Instituts der Deutschen Wirtschaft stimmt die Mehrzahl der befragten Entscheider dieser These bereits zu. Doch gegen pandemische Auswirkungen sind auch lokale Netzwerke nicht immun. So mussten wegen der weltweiten Coronavirus-Ausbreitung auch die aus unserer Perspektive näher gelegenen Produktionsstandorte Türkei und Italien die Textil-, Schuh-, Leder- und Bekleidungsfabriken schließen.

Wird Saisonware zu Sondermüll?

Mit der anderen Seite des Problems, nämlich der bereits gelieferten Ware, schlägt sich der Fashion-Einzelhandel hierzulande sowie in ganz Europa herum. Nach Berechnungen der Handelsverbände Textil (BTE), Schuhe (BDSE) und Lederwaren (BLE) werden an normalen Verkaufstagen im Durchschnitt täglich mehr als 10 Millionen Hosen, Shirts, Schuhe und Taschen verkauft, die nun nicht über die Ladentheke gehen.

“Ende März dürfte die Summe der unverkauften, aber vom Handel bereits bezahlten Teile die 100-Millionen-Grenze überschritten haben“, schätzte BTE-Hauptgeschäftsführer Rolf Pangels am 27. März. So könnte die Coronakrise dazu führen, dass auch die Diskussion um vernichtete Kleidung wieder auflebt. Oder positiv ausgedrückt: Dass die Branche über Sinn und Unsinn allzu häufiger Kollektionswechsel nachdenkt.

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Link: Mehr zum Thema Lieferketten im Lebensmittelhandel lesen Sie hier.

Mietverweigerer im Shitstorm

Daneben machten über das vergangene Wochenende namhafte Mieter von Einzelhandelsimmobilien von sich Reden, weil sie Mietzahlungen für ihre Filialen aussetzten bzw. einstellten, nachdem diese wegen der Coronavirus-Ausbreitung schließen mussten. Darunter sind Handelsketten wie Deichmann, Hennes & Mauritz (H&M), C&A, Galeria Kaufhof, und der Markenhersteller Adidas. Deichmann sprach von einer “präventiven Maßnahme, um die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit des Unternehmens zu erhalten“, Adidas erklärte, dass es sich lediglich um Stundungen handele. Während das Thema politisch und rechtlich kontrovers diskutiert wird, lässt sich anhand der Reaktionen in den sozialen Netzwerken bereits ein Imageschaden für die genannten Firmen konstatieren.

Februar-Zahlen zeigen Corona-Profiteure

Das Statistische Bundesamt hat Anfang April die Einzelhandels-Umsätze für Februar 2020 veröffentlicht. Nominal wurden 7,7 Prozent mehr umgesetzt als im Februar 2019. Die Auswertung zeigt deutliche positive Sondereinflüsse der Corona-Pandemie bei Lebensmitteln, Getränken und Tabakwaren. Supermärkte, SB-Warenhäuser, Verbrauchermärkte, der Onlinehandel und Apotheken profitierten dabei stärker als der stationäre Facheinzelhandel.

Wie stark sich der Absatz ausgewählter Produkte vor allem im Lebensmitteleinzelhandel seit Januar verändert hat, zeigt diese Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes.

Branchenanalyse Maschinenbau: Gestörte Lieferketten

Die deutschen Maschinenbauer haben wie viele andere Industriebereiche auch in den vergangenen Jahrzehnten ein feines Netz globaler Lieferanten und Abnehmer gesponnen. Die Verwundbarkeit dieses fein austarierten Systems zeigt sich in Zeiten einer weltumspannenden Krise wie der Corona-Pandemie. Asien, Europa, die USA – die drei wichtigsten Wirtschaftsregionen – kämpfen mit den gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen der Epidemie und haben mit teils drastischen Maßnahmen das öffentliche Leben nahezu auf Null heruntergefahren.

In immer mehr Unternehmen ist der Betriebsablauf massiv gestört. Binnen zwei Wochen schnellte der Anteil der Maschinenbaufirmen, denen die Corona-Krise massiv zu schaffen macht, auf 84 Prozent hoch. Fast jeder zweite betroffene Betrieb leidet unter “gravierenden“ oder “merklichen“ Störungen entlang der Lieferketten, wie eine in dieser Woche veröffentlichte Umfrage des Branchenverbandes VDMA ergab. Besonders stark ist Italien betroffen, gefolgt von Deutschland, China, Frankreich und den USA. “Das führt zu spürbaren Produktionsbelastungen und auch Produktionsausfällen“, hieß es. 

Das Bild zeigt eine Grafik der Woche. Diese bietet DER CHEFÖKONOM in seinem Shop an. Anzeige

Die Epidemie trifft die deutsche Industrie an ihrer verwundbarsten Stelle: der Lieferkette. Eine Maschine kann aus mehr als 1.000 Teilen bestehen – wird nur eins davon nicht geliefert, steht die Produktion zumindest in Teilen still. Schon werben die ersten Maschinenbauer mit dem Hinweis auf regionale Zulieferer, um ihre Lieferfähigkeit gegenüber Kunden auch in Zeiten der Krise zu demonstrieren.

Ein Trend, der sich verstärken dürfte. “Die Unternehmen werden sich gut überlegen, ob sie nicht mehr Gewicht auf Liefer-Verlässlichkeit, auf Sicherheit legen müssen“, sagt Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft Kiel. “Sie werden sich überlegen: Brauche ich nicht auch Produktionsstätten näher an meiner Kundschaft, das heißt näher an Deutschland, vielleicht in Deutschland, wenn man in Deutschland verkaufen will.“

Auch die Unternehmensberatung McKinsey glaubt, dass eine Folgerung aus der Corona-Krise der Aufbau lokaler Strukturen sein werde anstelle globaler Lieferketten. Der Trend, in der Region für die Region zu produzieren, werde sich verstärken, sagte der McKinsey-Experte Knut Alicke der “Börsen-Zeitung“.

Paradigmenwechsel für die deutsche Industrie

Für den deutschen Maschinenbau wie auch die deutsche Elektroindustrie, die mehr als drei Viertel ihrer Produkte ins Ausland verkauft und im Umkehrschluss auch einen hohen Anteil an Vorleistungsgütern von dort bezieht, würde dies einen Paradigmenwechsel bedeuten. Die Expertin für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Technischen Universität München, Dalia Marin, sagt voraus, dass die Lieferketten der deutschen Wirtschaft in den kommenden Jahren um ein Drittel zurückgehen werden. Eine sicherere und damit risikoärmere Produktionsweise werde für die Unternehmen attraktiver, sagt sie.

Die Digitalisierung und der verstärkte Einsatz von Robotern würden den Unternehmen diesen Schritt zurück erleichtern. Angesichts der erwarteten Produktivitätssprünge spielten die Lohnkosten eine immer geringere Bedeutung und machten eine Produktion in Deutschland rentabel. Ein Rückbau der globalen Lieferketten habe bereits vor dem Coronavirus stattgefunden, sagt sie. “Corona wird diesen Trend weiter verstärken.“

Auch wenn diese Überlegungen einer teilweisen Re-Nationalisierung in die Vorstandsetagen einziehen – der globale Fokus bleibt weiter notwendig. Nicht nur wegen der weltweiten Kundschaft, auch im Kampf gegen das Coronas-Virus. So fordert der Wirtschaftsweise Achim Truger eine starke internationale Zusammenarbeit: “Es ist ganz wichtig, gesundheitspolitische Maßnahmen und wirtschaftspolitische Maßnahmen abzustimmen“, sagte er in dieser Woche. Es bringe nichts, wenn ein Staat – etwa Deutschland – gut aus der Krise herauskomme, die Lage in den Nachbarländern aber deutlich schlechter sei. “Dann können wir auch die Produktion nicht hochfahren.“

Branchenanalyse Automobilzulieferer: Nur kurzfristige Änderungen der Lieferketten

Autoteile werden nun sogar auch mit dem Flugzeug transportiert

Erst nachdem die Automobilhersteller ihre Fabriken in Europa geschlossen haben, folgten die Zulieferer und schränkten die Produktion ein. Dies hatte vor allem rechtliche Gründe. Denn die Einstellung der Produktion der Automobilhersteller aufgrund von Lieferproblemen bei den Zulieferern hätte zu erheblichen Regressforderungen führen können. Die Lieferketten waren somit nach Angaben der Zulieferer nicht in Gefahr.

Da die Produktion in China mittlerweile wieder anläuft, der Transport von Autoteilen von und nach Asien über den Seeweg mit einer Verzögerung von mehreren Wochen verbunden ist, wird nun teilweise auf die sehr teure Luftfracht ausgewichen. Die Luftfrachtraten sind daher noch einmal deutlich gestiegen, da die wachsende Nachfrage auf ein geringeres Angebot (kaum noch “Belly Cargo“ bei Passagierflugzeugen) trifft.

Das „just-in-time“-Paradigma könnte langfristig zur Diskussion stehen

Mittel- bis langfristig wird sich an der starken globalen Arbeitsteilung der Automobilproduktion wenig ändern. Die Local-Content-Bestimmungen vieler Länder zwingen die Automobilhersteller zur Produktion vor Ort. Insofern wird man eher zu dem Status Quo vor der Krise zurückkehren. Der chinesische Markt wird weiter an Bedeutung gewinnen, da hier der Pkw-Bestand im Vergleich zu den gesättigten Märkten in Europa und den USA noch gering ist.

Um sich auf eine ähnliche Pandemie in der Zukunft vorzubereiten und die eigene Lieferkette robuster zu gestalten, stehen den Autozulieferern im Wesentlichen zwei Strategien zur Verfügung. Sie könnten das eigene globale Produktionsnetzwerk noch weiterspannen und somit Ausfälle in der einen Region durch Lieferungen aus einer anderen kompensieren. Oder sie lösen sich vom Modell der der “Just-in-Time“-Produktion und beginnen wieder mit dem Aufbau von Lagerbeständen.  

Das Bild zeigt eine Studie "Masterplan 2030", die unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Bert Rürup, dem Macher von DER CHEFÖKONOM, entstanden ist. Anzeige

Aktuelle Situation der Branche weitgehend unverändert

An der grundsätzlichen Situation der Automobilzulieferbranche hat sich in der abgelaufenen Woche nichts Wesentliches geändert. In Europa sind die Produktionsanlagen der Autohersteller weiterhin geschlossen, die deutsche Automobilindustrie rechnet mittlerweile nicht mehr damit, dass die Produktion vor dem Ende der Osterferien wieder anläuft. In den meisten Bundesländern dauern diese Ferien bis zum 20. April. Vorher dürften auch die heimischen Zulieferer ihren Betrieb nicht wieder aufnehmen.

Neben Europa entwickeln sich die beiden anderen wichtigen Absatzmärkte stark unterschiedlich. Während in China die Produktion langsam wieder anläuft, verschiebt sich das Zentrum der Pandemie in Richtung USA. Dort hat Präsident Trump sogar General Motors gezwungen, die Produktion von Beatmungsgeräten aufzunehmen.

Branchenanalyse Transport und Logistik: Verkehrsträger sehr unterschiedliche betroffen

Die Auswirkungen des Coronavirus auf die Lieferketten der Branchen treffen natürlich auch die Transport- und Logistikbranche unmittelbar. Allerdings wirken sich die Änderungen unterschiedlich stark auf die einzelnen Verkehrsträger aus.

Globale Verkehrsträger: Die Schwäche der Seefracht ist die Stärke der Luftfracht

Die Seefracht ist aktuell in einer schwierigen Situation. Aufgrund des mehrwöchigen Produktionsstillstands in China lagen Schiffe lange Zeit auf Reede vor den Häfen, da keine chinesischen Güter in den Rest der Welt transportiert werden konnten. Nun läuft die dortige Produktion langsam wieder an und die ersten Güter werden zum Beispiel nach Europa verschifft.

Aufgrund des langen Seewegs treffen sie dort aber frühestens in sechs Wochen ein. Bis dahin werden in den Seehäfen deutlich weniger Schiffe be- und entladen. Die Krise ist damit auch in Hamburg, Bremerhaven und Wilhelmshaven angekommen. Perspektivisch könnte sich das Frachtaufkommen dauerhaft verringern, falls die Unternehmen ihre Lieferketten überdenken und reorganisieren.

Durch diese aktuellen Probleme der Seefracht hat die Luftfracht nach einigen schwächeren Jahren wieder an Bedeutung gewonnen. Auch Branchen, die normalerweise ihre Güter per Schiff transportieren, fragen nun bei dringend benötigen Teilen und Produkten den Transport per Flugzeug nach. Die Luftfrachtraten sind entsprechend deutlich nach oben gegangen, da die gestiegene Nachfrage auf ein geringeres Angebot (kaum noch „Belly Cargo“ bei Passagierflugzeugen) trifft. Besonders betroffen von diesen Entwicklungen ist die Pharmaindustrie bei wichtigen Medikamenten.

Regionale Verkehrsträger: Mangel an osteuropäischen Arbeitskräften bedroht die Lieferketten

Die Auswirkungen des Coronavirus auf den Lkw-Verkehr hängen stark davon ab, welche Abnehmerbranchen betrachtet werden. Im Einzelhandel und der chemischen bzw. pharmazeutischen Industrie steigt die Nachfrage nach Transportdienstleistungen, während sie in der Automobilbranche und dem Maschinenbau zurückgeht. Probleme ergeben sich beim Verkehr nach Polen oder Tschechien, da die Fahrer nach einem Aufenthalt in Deutschland zwei Wochen in Quarantäne müssen. Dies verschärft den bestehenden Fahrermangel.

Dieses Problem besteht auch in der deutschen Binnenschifffahrt. Sollte sich die Lage verschärfen, könnte die Versorgung von Kraftwerken, Stahlproduzenten und Chemieunternehmen in Gefahr geraten. Die dort benötigen Rohstoffe werden in der Regel mit dem Schiff transportiert.

Einen Teil der wegbrechenden Transportkapazität könnte der Schienengüterverkehr auffangen. Züge werden nicht durch die Kontrollen an den Grenzen aufgehalten und durch den reduzierten Personenverkehr wird die Fahrt für Güterzüge zusätzlich erleichtert. Allerdings läuft die Umstellung des Transports auf die Schiene nur schleppend an.

Prognose der weiteren Entwicklung sehr schwierig

Die weitere Entwicklung der Transport- und Logistikbranche ist derzeit nur schwer absehbar, da es viele Variablen gibt und fast alle Branchen betroffen sind. So ist noch unklar, wie lange die Beschränkungen des öffentlichen Lebens in Europa und den USA dauern. Und auch wenn diese aufgehoben werden, wird der private Konsum aufgrund der gesunkenen Einkommen durch das Kurzarbeiter- oder sogar Arbeitslosengeld erst langsam wieder zulegen. Größere Anschaffungen wie ein neues Auto dürften in die Zukunft verschoben werden. Entsprechend werden sich die Abnehmerbranchen von Transportdienstleistungen unterschiedlich gut entwickeln.

Branchenanalyse Ernährungsindustrie: Grenzschranken erschweren die Versorgung

Die Lebensmittelhersteller profitieren bisher zumeist von der Coronakrise. Ihre Produkte, die als systemrelevant eingestuft sind, verkaufen sich deutlich besser als vor der Krise. Wegen Einreiseverboten, Grenzstaus und Ausfuhrkontrollen anderer Länder bangen die Hersteller aber allmählich um ihre Lieferketten.

Lieferketten in der Lebensmittelindustrie gefährdet

Kein Mehl, kein Reis, keine Würstchen – einzelne Regale der Lebensmittelläden sehen derzeit so aus, als hätten die Hersteller große Versorgungslücken. Die Lebensmittelunternehmen verneinen dies aber, die Lieferketten funktionierten insgesamt noch gut, heißt es unisono. Vielmehr gebe es nur einzelne Verzögerungen wegen logistischer Probleme oder Grenzkontrollen. Alle Hersteller beobachten die Corona-Risiken ihrer Lieferanten und deren Lieferketten genau. Denn täglich kann sich der Lieferfluss ändern.

Dabei kennt die Branche ihre Lieferwege gut, verschiedene Techniken des Tracking und Big Data helfen dabei. Bisher dachten dabei aber nur 51 Prozent der Unternehmen an Lieferengpässe, 80 Prozent dagegen an Produktkontaminationen.

Deutschland bei vielen Lebensmitteln sogar Netto-Exporteur

Wichtigste Rohstoffe wie Milch, Fleisch, Kartoffeln oder Getreide bezieht die Ernährungsindustrie aus der heimischen Landwirtschaft, bei vielen Lebensmitteln ist Deutschland sogar Netto-Exporteur (siehe Grafik: Selbstversorgung). Auch für die sogenannten Soft-Commodities, also landwirtschaftlichen Massenprodukten, die an den Weltbörsen gehandelt werden, beispielsweise Getreide oder Trockenmilch, gibt die Welternährungsbehörde FAO derzeit Entwarnung. Die Lager seien gut gefüllt, nur bei Schweinefleisch könne es vorübergehend zu Preissteigerungen kommen, vor allem weil in den Schlachthöfen Arbeitskräfte fehlen.

Fehlendes Personal

Das Personal in den deutschen Schlachthöfen stammt zum großen Teil aus Ost- und Südosteuropa. Beim größten deutschen Fleischkonzern Tönnies kommen beispielsweise rund 50 Prozent der Schlachthofarbeiter von Subunternehmen, deren Mitarbeiter seit vergangener Woche nicht über die Grenze einreisen dürfen. Zudem müssen beispielsweise polnische Arbeitskräfte bei der Rückkehr in eine zweiwöchige Quarantäne. 

Auch den Gemüse- und Obstanbauern fehlen derzeit die osteuropäischen Saisonarbeiter, vor allem bei der anstehenden Spargelernte. Die neuen Steueranreize für Branchenfremde, die beispielsweise mit der Saisonarbeit ihr Kurzarbeitergeld aufstocken können, und EU-Grenzerleichterungen sollen zwar für Abhilfe sorgen. Viele Agrarbetriebe sind aber skeptisch, ob ihnen die ungeübten Arbeitskräfte und die Einstufung der ausländischen Erntehelfer als systemrelevant wirklich helfen. Auch wenn der Grenzübertritt erleichtert wird, schreckt viele ausländische Arbeitskräfte doch die Infektionsgefahr und die anschließend drohende Quarantäne im Heimatland ab.

Logistikstaus

Logistik: Mehr als 80 Prozent ihrer Waren bezieht die deutsche Ernährungsindustrie aus der Europäischen Union. Die als unverzichtbar eingestuften Lebensmittel dürfen die Grenzen zwar passieren. Innereuropäische Grenzkontrollen verlangsamen aber teilweise die Lieferungen von Rohstoffen oder Vorprodukten. Auch der Schüttgutverkehr auf den Flüssen und Kanälen ist durch Kontrollen und Staus an den Schleusen zeitweise beeinträchtig. Mit derartigen logistischen Engpässen erklären derzeit beispielsweise die Getreidemühlen die Lücken in den Mehlregalen der Einzelhändler. Die deutschen Getreidelager seien ansonsten ausreichend gefüllt.

Ausgangssperren

Auch strikte Ausgangssperren in Ländern wie Italien oder Indien sorgen bereits in kleineren Bereichen für Lieferengpässe. So behindert die indische Ausgangssperre derzeit die Reisproduktion und damit den Export nach Europa. Langfristig dürfte eine stärkere Ausbreitung des Virus weitere Lücken reißen.

Je länger die Lieferkette, desto höher die Risiken. Der Entwicklung immer komplexerer Lieferketten wirkt seit einigen Jahren ein weltweiter Trend entgegen: Immer mehr Verbraucher fragen regional produzierte Lebensmittel nach. In Großstädten verbreitet sich das Urban-Farming, der Anbau von Gemüse und Gewürzen auf Dächern oder in Kellern in der Nachbarschaft. Dieser Trend erleichtert jetzt in der Krise die Versorgung mit Lebensmitteln. Dadurch dürfte er nachhaltig gestärkt werden.

Branchenanalyse Informations- und Kommunikationstechnologie: Trübe Stimmung, gute Perspektiven

Digitalisierung könnte Lieferketten sicherer machen

Auch IT- und Telekommunikationsunternehmen sind derzeit von der Unterbrechung der internationalen Lieferketten betroffen. Insbesondere die Abhängigkeit von Hardware aus China ist hoch. Dabei könnte die Digitale Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft langfristig das Muster der Globalisierung verändern: So wird erwartet, dass Künstliche Intelligenz und Roboterisierung eine Rückverlagerung von Produktionsprozessen (“Reshoring“) ermöglichen, die aufgrund von Lohnkostenvorteilen vor einigen Jahren ins Ausland abgewandert sind. Möglicherweise beschleunigt die Corona-Krise den Einsatz dieser Technologien, um zukünftige Ausfallrisiken zu reduzieren.

Corona macht sich in den Auftragsbüchern bemerkbar

Aktuell gehen Ausgangsbeschränkungen, Kontaktverbote und Produktionsstopps an der heimischen IKT-Branche nicht spurlos vorbei: Nach Angaben des Digitalverbands Bitkom stellte rund jedes dritte Mitgliedsunternehmen im Monat März einen Nachfragerückgang fest. Der zusammen mit dem Ifo-Institut ermittelte Geschäftsklimaindex der Digitalbranche notiert entsprechend nur noch bei 0,6 Punkten. Dies entspricht einem Rückgang um 24 Zähler gegenüber Februar.

Das Bild zeigt die Bitkom-ifo-Digitalindex. Die IKT-Branche hat aktuell kein Problem mit ihren Lieferketten.

Damit ist die Stimmung in der Branche immer noch besser als in der Gesamtwirtschaft (minus 11,8 Punkte), bewegt sich jedoch auf dem niedrigsten Niveau seit der Finanzkrise 2009. Besonders pessimistisch sind die IKT-Unternehmen hinsichtlich der zukünftigen Geschäftsentwicklung. Mittlerweile erwartet eine Mehrheit der Befragten einen weiteren Umsatzeinbruch in den nächsten sechs Monaten. Der Saldo der Erwartungen ist um rund 31 auf minus 18,4 Punkte abgestürzt, nachdem er im Vormonat sogar noch leicht auf 12,6 Punkte angestiegen war. Immerhin wird die aktuelle Geschäftslage noch überwiegend positiv gesehen.

Branchenanalyse Medien: Höhere Nachfrage, weniger neue Inhalte

Das Informations- und Unterhaltungsbedürfnis der Bevölkerung ist so hoch wie lange nicht. Eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Deloitte zeigt, dass die alltäglichen Einschränkungen durch das Corona-Virus den Medienkonsum in die Höhe treiben: Print- und Online-Verlagsprodukte, Radio, Streaming und lineares Fernsehen werden demnach deutlich stärker genutzt als in “Normalzeiten“. Auch die Zahlungsbereitschaft für qualitativ hochwertige Nachrichten und Informationen sei gestiegen.

Veranstaltungen fallen aus der Content-Lieferkette

Jedoch brechen für Medienunternehmen aufgrund des Veranstaltungsstopps viele attraktive Inhalte weg. Die Liste der abgesagten oder verschobenen Großveranstaltungen ist mittlerweile lang und reicht von den Olympischen Spielen in Japan über den Eurovision Songcontest in Rotterdam bis hin zur Fußball-EM, die dieses Jahr in verschiedenen europäischen Städten ausgetragen werden sollte. Auch das Tennis-Grand-Slam-Turnier in Wimbledon fällt zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg aus.

Ebenso betroffen sind die Playoffs der Eishockey-Liga DEL, verschiedene Formel-1-Rennen oder Fußballspiele der Nationalmannschaften, der UEFA-Champions- und Europa-League sowie der nationalen Ligen. Neben diesen Live-Events liegen auch viele Film- und Fernsehproduktionen für unbestimmte Zeit auf Eis.

Sport- und Kreativwirtschaft in der Krise: kreative Lösungen sind gefragt

Sämtliche Sportwettbewerbe und Kulturveranstaltungen sind durch das Corona-Virus lahmgelegt. Die Folge sind Millionenverluste für Unternehmen der Kreativwirtschaft und Profisportvereine, die von Ticketverkäufen und Fernseheinnahmen abhängig sind. Zudem brechen Sponsoringeinnahmen weg, was beispielsweise auch Einzelsportler empfindlich treffen kann.

Nach Angaben des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV) fallen bis Ende Mai rund 80.000 Veranstaltungen aus. Dies bedeute für die deutsche Veranstaltungsbranche einen Umsatzverlust von rund 1,3 Milliarden Euro.

Not macht bekanntlich erfinderisch: Sportveranstaltungen und Fernsehshows werden ohne Live-Publikum ausgetragen. Zudem werden Konzerte, Theateraufführungen oder Kunstausstellungen ins Internet verlagert. Hierbei erhalten Veranstalter Rückendeckung durch die Landesmedienanstalten, die während der Corona-Krise ein Auge zudrücken. Denn normalerweise benötigen Unternehmen für die öffentliche Übertragung von Bewegtbildern auf ihrer eigenen Homepage eine medienrechtliche Rundfunklizenz.

Medien leben von attraktiven Inhalten

Die Rückwirkungen des Shutdowns auf die Medien sind spürbar: Weil die Berichterstattung über Veranstaltungen entfällt, haben einige Zeitungen bereits ihren Umfang reduziert. Fast allen Ressorts fehlt es an öffentlichen Ereignissen.

Wozu der aktuelle Inhalte-Engpass im Extremfall führen kann, wird mit Blick auf die Streamingplattform DAZN deutlich. Diese hat seit letztem Jahr mit den Live-Rechten an der DFL und der UEFA-Champions-League einen rasanten Aufstieg hingelegt. Nun muss sie aufgrund der Fußball-Zwangspause viele Kündigungen hinnehmen.

Branchenanalyse Gastgewerbe: Insolvenzgefahr steigt

Die Insolvenzgefahr im Reise- und Gastgewerbe steigt, je länger der Shutdown gilt. Nach der Maredo-Gruppe und der Vapiano-Kette zeigte sich dies in der Woche zum 3. April 2020 an einem weiteren Beispiel. Die toma gastro GmbH in Ellwangen hat am Montag, 30. März, beim Amtsgericht Aalen die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung beantragt. Das teilt das Unternehmen in einer Pressemitteilung mit.

Grund für diesen Schritt seien Umsatzrückgänge aufgrund der Corona-Krise, die vor allem auch die Gastronomie stark beeinträchtige. Damit fehle die Liquidität, um ausstehende Forderungen zu begleichen. Die toma gastro GmbH ist in der Systemgastronomie tätig. Sie betreibt im Franchisesystem mit der Marke Burger King sechs Restaurants entlang der Autobahnen A3, A6 und A9.

Die Insolvenz-Sorgen beträfen insbesondere mittelständische Unternehmen, sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer mit Verweis auf eine noch unveröffentlichte Sonderauswertung einer DIHK-Umfrage unter insgesamt 15.000 Unternehmen. Im Reise- und Gastgewerbe meldeten sogar 40 Prozent der überwiegend mittelständisch geprägten Betriebe akute Pleitegefahr.

Beispiel Schwaben: Die Krise in einer Tourismusregion

Als eine der ersten Kammerbezirke hat die IHK Schwaben die eigenen Umfrageergebnisse ausgewertet. In der Tourismusregion Schwaben gibt es 2.500 Beherbergungs- und 6.000 Gastronomiebetriebe. Fast 30.000 Menschen finden hier ihr Auskommen. Zum Vergleich: Nach Angaben des Verbandes Dehoga sind in Beherbergungsbetrieben, Gastronomie und Catering rund 2,4 Millionen Menschen in rund 220.000 Unternehmen bundesweit beschäftigt. Der jährliche Umsatz beträgt danach netto mehr als 90 Milliarden Euro pro Jahr.

Der Hauptgeschäftsführer der IHK Schwaben, Dr. Marc Lucassen, stellt in einer Pressemitteilung vom 1. April 2020 fest: „Der Tourismus ist für unsere Region systemrelevant.“ Mehr als jeder zweite Hotelier und Gastronom gehe nach der Umfrage davon aus, dass sich sein Umsatz aufgrund der Corona-Krise im laufenden Jahr mindestens halbieren wird. Dem bayerisch-schwäbischen Tourismus ginge womöglich ein Betrag von über zwei Milliarden Euro. Das Problem vieler Betriebe sei: „Aufgrund der geringen Gewinnmargen der letzten Jahre ist die Finanzdecke bei vielen sehr dünn.“

Für viele Hotels und Restaurants kämen die angebotenen Kredite der Förderbanken LfA und KfW nicht in Frage. „Oftmals sind die Bedenken zu groß, dass die durch die Betriebsschließung verursachten Einbußen nicht mehr aufgeholt und die dann anstehenden Rückzahlungen nicht mehr bedient werden können“, berichtet Branchenexpertin Ulrike Weber aus den Rückmeldungen bei Beratungen im Rahmen der Krise.

Viele kleine Betriebe sind gefährdet

Juristen warnen Hoteliers und Gastronomen davor, leichtfertig in die Insolvenz zu gehen. Der Verhinderung einer Insolvenz sollte höchste Priorität beigemessen werden, wenn man nicht auf Jahre hinaus aus dem Geschäftsleben ausgeschlossen werden wolle, stellt Rechtsanwalt Hilmar Pickartz M.A. für Tophotel.de fest.

In der Coronakrise konzentriere sich das Insolvenzgeschehen überwiegend auf kleine Firmen und hier wiederum auf solche aus dem Gastgewerbe. Etwa 70 Prozent der Insolvenzanträge betreffen nach seinen Angaben Unternehmen mit höchstens fünf Arbeitnehmern.

KfW-Kredite helfen vielen Betrieben nicht

Das Problem für die Branche verschärft sich, weil die Banken weitere Kreditvergaben für Hotels und Gastronomie sehr kritisch betrachten. Unternehmen, die sich darauf verlassen, dass die KfW-Programme aus dem Rettungspaket helfen werden, könnten sich täuschen, urteilt das Branchenportal Tageskarte.io. Denn die Kreditvergabe in das Gastgewerbe sehe die Sparkassenorganisation sehr kritisch, wie ein Interview des Sparkassen-Präsident zeigte.

Das KfW-Sonderkreditprogramm wird vielen Firmen nach Einschätzung von Sparkassen-Präsident Helmut Schleweis zur Bewältigung der Corona-Krise wenig nutzen, stellte Schleweis in einem Handelsblatt-Interview klar. Kredite im Rahmen des KfW-Programms könnten „nur Unternehmen erhalten, bei denen davon auszugehen ist, dass sie das Darlehen innerhalb von fünf Jahren auch zurückzahlen können“. Bei vielen Firmen aus Branchen, die unter der Corona-Krise stark leiden, sei dies aktuell nicht der Fall.

Der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) nannte explizit folgende Branchen: Gastronomie, Hotels, Eventmanagement, Catering sowie Reise, Verkehr, Logistik, Touristik und Luftfahrt. Dort „leben viele Unternehmen von ihrem laufenden Umsatz, die Margen sind relativ niedrig. Häufig haben solche Unternehmen auch relativ wenig Rücklagen.“

Trotz funktionierender Geschäftsmodelle könnten solche Unternehmen entgangenen Umsatz nicht nachholen. Zusätzliche Maßnahmen seien nötig. Denkbar wären direkte Zuwendungen des Staates oder 100-prozentige Garantien für Kredite, die erst in sehr ferner Zukunft zurückgezahlt werden müssten. Im Rahmen des KfW-Kreditprogramms übernimmt der Staat aktuell 80 bis 90 Prozent der Haftung.

Der Chefökonom

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