Medienanalyse zur Corona-Krise: Worüber wir lesen und worüber nicht

Medienanalyse zur Corona-Krise: Worüber wir lesen und worüber nicht

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Corona dominiert seit Wochen die Schlagzeilen, wie unsere Medienanalyse zeigt. Aber welche Themen erfahren im Zusammenhang mit Corona besondere Aufmerksamkeit? Und welche sind nur Strohfeuer? Steht der Virus im Mittelpunkt? Oder ist es eher die Wirtschaft? Vor diesem Hintergrund hat das Handelsblatt Research Institute zusammen mit Yukka Lab und Genios das Pressegeschehen der letzten Wochen analysiert. Von Martin Wocher

Es ist sicherlich nicht übertrieben, von einer Zäsur in historischer Dimension zu sprechen. Die Corona-Pandemie bestimmt derzeit das Leben weltweit in einem Ausmaß, wie wir es seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr erlebt haben.

Dafür sind mehrere Faktoren verantwortlich, die in der Kombination einzigartig sind:

  • Ein Virus, das überall auf der Welt Menschen infiziert und die daran sterben, ohne dass es aktuell eine Impfung oder ein Gegenmittel wie Medikamente gibt.
  • Eine Lähmung des öffentlichen Lebens, verbunden mit der Aussetzung demokratischer Grundrechte, wie die Bewegungs-, Demonstrations- oder Versammlungsfreiheit.
  • Das Einfrieren großer Teile der Wirtschaft mit immensen finanziellen Folgen, die noch nicht absehbar sind, aber von denen schon jetzt feststeht, dass deren Konsequenzen noch über Jahrzehnte zu spüren sein werden.

Medienanalyse belegt: Riesiges Informationsbedürfnis

Das alles kumuliert in einer massiven Unsicherheit vieler Menschen über ihre Zukunft: Sei es gesundheitlich (Wird es einen Impfstoff geben und wenn ja, wann?), wirtschaftlich (Wird es meine Firma noch in drei Monaten geben, werde ich meinen Job behalten?), gesellschaftlich (Wie lange wird der Ausnahmezustand anhalten, werden persönliche Freiheiten aus übergeordneten Gründen des Gesundheitsschutzes eingeschränkt bleiben?), politisch (Zerbricht die EU an der Bewältigung der Corona-Pandemie?) oder auch kulturell (Werden wir uns die vielfältigen Angebote der vergangenen Jahre auch künftig noch leisten können?).

In den Medien spiegeln sich alle diese Aspekte in einem beispiellosen Angebot wider – insbesondere seit Ausbruch der Coronakrise Ende Februar in Europa. Ob Print, Fernsehen, Radio oder Internet: Sondersendung jagt Sondersendung, die Informationswucht auf allen Kanälen ist beeindruckend. Keine Frage bleibt unbeantwortet, keine Diskussion wird ausgespart, die Nachfrage der Bevölkerung ist ungebrochen, nahezu alle Medien verzeichnen neue Reichweiten- oder Auflagenrekorde.

Corona in den Medien

Vor diesem Hintergrund haben wir die Frage gestellt, welche Themenbereiche besondere Aufmerksamkeit erfahren. Dafür haben wir gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern Yukka Lab, einem Anbieter für kontextbasierte Textanalyse, und dem Wirtschaftsinformationsanbieter Genios mehr als 400 deutschsprachige regionale und überregionale Pressepublikationen daraufhin analysiert, wie häufig bestimmte Themen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie von den Medien aufgegriffen wurden.

Das Bild zeigt die Anzahl der Presseartikel zum Thema Corona. Damit ist das Bild Teil der Medienanalyse.

Themenbereiche der Medienanalyse

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Zur besseren Übersicht haben wir acht thematische Bereiche gebildet: Wirtschaft, Rettungsschirm, Versammlungsverbot, Kurzarbeit, Solidarität, Schutzkleidung, Grenzkontrollen und Grundrechte.

Jedes dieser Themen umfasst wiederum mehrere Begriffe. So tauchen in der Gruppe Schutzbekleidung etwa die Wörter Atemmaske, Maske, Kittel, Handschuhe auf. Das Thema Arbeitsmarkt umfasst Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, Stellenabbau, Lohnfortzahlung etc. Unter dem Oberthema Rezession sind Shutdown, Wirtschaftskrise, Insolvenz aber auch Exit-Strategie zusammengefasst.

Das Bild zeigt die Medienanalyse zu Corona-relevanten Themen.

Wirtschaftsthemen dominieren

Blickt man auf die Häufigkeit, mit der die Themen behandelt werden, ist zunächst die Dominanz der wirtschaftlichen Themen auffällig. Lediglich unmittelbar vor der Entscheidung der Bundesregierung und der Länder am 22. März, Ansammlungen in Deutschland von mehr als zwei Personen zu verbieten, nahmen Meldungen zum Thema Versammlungsverbot einen größeren Raum in der Berichterstattung ein als Berichte über die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie.

Aber schon in der Woche danach gewannen wirtschaftliche Themen – zusätzlich gepusht von den Nachrichten und Kommentaren zu den finanziellen Soforthilfen des Bundes und der Länder für notleidende Unternehmen, Rettungsschirme und die Ausweitung der Kurzarbeit – wieder die Oberhand. Das Thema des Kontaktverbotes, zweifellos eine der stärksten Einschränkungen des Alltags der Menschen, ist seit der Verkündung deutlich aus dem medialen Fokus gerückt.

Laut Medienanalyse steigt Fokus auf „Schutzbekleidung“

Stark an Dynamik legte seit Anfang März dagegen die Debatte über die fehlende Schutzkleidung zu, die Nennungen kamen aber nie an den Spitzenwert für Wirtschaftsthemen heran. Wie stark dieses Thema an Dynamik gewonnen hat, lässt sich daran erkennen, dass die zwischenzeitlich mal hochgejazzten Engpässe bei der Versorgung mit Toilettenpapier noch Mitte März ähnlich viel Aufmerksamkeit bekamen, wie das Thema Schutzkleidung. Dass es zuletzt zu immer deutlicheren Engpässen beim Thema Schutzkleidung kam, parallel die Frage nach einer „Maskenpflicht“ in der Öffentlichkeit auftauchte, hat die Verhältnisse merklich verändert.

Das Bild zeigt die Medienanalyse zu Corona-relevanten Themen. In diesem Fall zeigt es die Berichterstattung zum Thema Solidarität.

„Solidarität“ – Dauerthema laut Medienanalyse

Die gesellschaftliche Dimension der Pandemie und deren Auswirkung lässt sich gut am Begriff der Solidarität festmachen.

Wie ein roter Faden mit wachsender Bedeutung zieht er sich durch die mediale Berichterstattung. Das ist ein Zeichen für das widergespiegelte Bedürfnis großer Teile der Bevölkerung, gesellschaftlich und vielleicht auch in Zeiten der Kontaktsperre emotional zusammenzurücken, Verantwortung für andere mit zu übernehmen, einander zu helfen oder moralisch aufzurichten. Sei es über private Konzerte vom Balkon, gemeinsames Singen am Abend, öffentlicher Beifall für Menschen im Gesundheitssektor oder das Organisieren von Einkäufen für ältere Nachbarn.

„Grundrechte“ findet weniger Beachtung

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Deutlich weniger mediale Beachtung findet dagegen die unter dem Begriff Grundrechte zusammengefasste Einschränkung der von der Verfassung garantierten Freiheiten.

Das Bild zeigt die Medienanalyse zu Corona-relevanten Themen. In diesem Fall zeigt es die Berichterstattung zum Thema Grenzkontrollen.

Zwar hat das Versammlungsverbot als Einzelthema zwischenzeitlich große Aufmerksamkeit erzielt. Aber mehr unter dem technischen Aspekt, wer wann unter welchen Umständen sich noch mit einer anderen Person physisch treffen kann – und wie der Staat das kontrolliert und sanktioniert.

Die Einschränkung des Grundrechts war und ist deutlich weniger Gegenstand der politischen Diskussion.

Reisebeschränkungen rutschen in den Hintergrund

Ähnlich verhält es sich bei den Themen Ausreiseverbot, Grenzkontrollen und Einreiseverbot. Die nunmehr seit Wochen wieder bestehenden Reisebeschränkungen innerhalb der Europäischen Union – ein massiver Bruch mit den Grundwerten der EU – gehen in der medialen Betrachtung im Hintergrund der anderen Themenfelder fast unter.

Auch diese Einschränkungen wurden in den Medien viel stärker unter dem Aspekt der wirtschaftlichen Folgen wegen zusammengebrochener Lieferketten aufgegriffen, und weniger als Aufhebung des Grundrechts der Reisefreiheit und der freien Ortswahl diskutiert.

Hierin scheint sich das Grundbedürfnis eines größeren Teils der Bevölkerung wiederzufinden, die Aufhebung fundamentaler Rechte zu akzeptieren, wenn es dem Schutz der menschlichen Gesundheit nutzt.

Das Bild zeigt eine Grafik der Woche. Diese bietet DER CHEFÖKONOM in seinem Shop an. Anzeige

Schlussfolgerung aus der Medienanalyse: Wohin wandert der mediale Fokus?

Spannend wird es sein zu beobachten, wie sich die Diskussionen in den kommenden Wochen parallel zu der Exitstrategie-Debatte wandeln werden. Da die Dynamik der Ausbreitung seit einigen Tagen zurückgeht und damit die gesundheitliche Bedrohung subjektiv wie objektiv nachlässt, treten andere Themen wie die Bewältigung der Krise, die Verteilung der finanziellen Lasten, die Öffnung des öffentlichen Lebens und damit die Aufhebung der freiheitlichen Beschränkungen stärker in den Vordergrund.

Werden wirtschaftliche Themen im zweiten Halbjahr dominieren?

Im zweiten Quartal des laufenden Jahres wird der wirtschaftliche Einbruch mit voller Wucht zu spüren sein. Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten laut ihrer Gemeinschaftsdiagnose einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von 9,8 Prozent in diesem Quartal – ein Einbruch mehr als doppelt so groß wie im ersten Quartal 2009, dem Höhepunkt der Finanzkrise.

Bis zu 2,4 Millionen Arbeitnehmer könnten von Kurzarbeit betroffen sein, weitere ihre Anstellung verlieren, viele Unternehmen in die Insolvenz rutschen. Wirtschaftliche Themen dürften weiter massiv an Bedeutung gewinnen.

Werden Debatten über Grundrechteeinschränkungen zunehmen?

Gleichzeitig dürften bei einer weiteren Entspannung der Gesundheitsgefahr andere Themen vermehrt in den Vordergrund rücken. So ist etwa eine verstärkte Diskussion zu erwarten, ob die deutlichen Einschnitte der Grundrechte der Bürger gerechtfertigt waren, ob der demokratische Diskurs ausreichend geführt wurde und wie mit einem erneuten Aufflammen der Ausbreitung oder anderen Krisensituationen umgegangen wird.

Einige der Themenbereiche, die in den vergangenen Wochen überraschend wenig Aufmerksamkeit erfahren haben, könnten nochmal deutlicher in den Vordergrund treten.

Der Chefökonom

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