Corona-Krise: Wie kann die Wirtschaft gerettet werden?

Corona-Krise: Wie kann die Wirtschaft gerettet werden?

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Der Schutzschirm für die Wirtschaft steht. Doch wie gelingt die Rückkehr zur Normalität aus der Corona-Krise? Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder schlägt einen Hilfsfonds vor, der aus freiwilligen Spenden der Reichen gespeist würde. Das Institut für Mittelstandsforschung hat analysiert, wie einzelne Wirtschaftsbereiche den Shutdown sukzessive beenden können. Das moralische Dilemma der Politik bleibt jedoch: Wohlstand oder Leben?

Gerhard Schröder: „Ein Hilfsfonds wie in der Flutkatastrophe“

Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder regt Nothilfen aus Privatmitteln an. Einen entsprechenden Fonds solle die Bundesregierung koordinieren, schreibt Schröder in einem Beitrag für Handelsblatt.

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Solch ein Fonds könnte schnell und unbürokratisch Menschen unterstützen, die in der Corona-Krise unverschuldet in materielle Not geraten sind, oder dringend notwendige Güter finanzieren – Schutzkleidung, Atemschutzmasken, wenn notwendig auch zusätzliche Beatmungsgeräte.

Ein ähnliches Konstrukt war während der Flutkatastrophe im Jahr 2002 eingerichtet worden, als Schröder Kanzler war. Damals half ein Sonderfonds schnell und unbürokratisch Menschen, die ihr Hab und Gut durch diese Naturkatastrophe verloren hatten.

„Zusätzlich zu den Anstrengungen des Staates müssen wir auch auf Unterstützung von Unternehmen setzen, oder genauer: Unternehmern“, so Schröder. Es gebe jetzt viele Bereiche, in denen der Staat die kreative Hilfe von Unternehmen und privaten Initiativen brauche – auf Basis der Freiwilligkeit. „Gerade jetzt sollten wir daher nach Wegen suchen, wie wir die Solidarität und Kreativität der Menschen in unserem Land bündeln können“, stellt Schröder fest.

„Kurzum: Gelebte Solidarität ist auch jetzt das Wort der Stunde und sollte unser persönliches Handeln bestimmen“, schreibt Schröder in dem Gastkommentar für das Handelsblatt. „Die vielen Beispiele dieser gelebten Solidarität im Alltag machen Mut.“

Schröder kritisiert Steuervorschläge der SPD

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„Jetzt geht es darum: Wir müssen die Kraft der Eigenverantwortung und Solidarität entfalten. Ein Fehler wäre es, diese jetzt zu schwächen, indem man eine von parteitaktischen Überlegungen geprägte Debatte darüber führte, ob Steuererhöhungen oder eine Vermögensabgabe der richtige Weg sein könnten, um Unternehmer oder Wohlhabende in die Verantwortung zu nehmen.

Schröder kritisiert damit Vorschläge aus der eigenen Partei. Er stellt demgegenüber heraus: „Zunächst steht die akute Abwendung einer existenziellen Notsituation für unser Land im Vordergrund, ohne aber dabei die Rückkehr zur gesamtwirtschaftlichen Stärke zu schwächen.“

„Wir brauchen ein europäisches Schuldeninstrument“

Schröder plädiert darüber hinaus für Solidarität auf europäischer Ebene. „Daher bin ich überzeugt, dass wir in einem weiteren Schritt ein gemeinsames europäisches Schuldeninstrument brauchen. Das können Euro-Bonds, eine gemeinsame und einmalige Krisenanleihe oder über den EU-Haushalt finanzierte Bürgschaften sein.“

Ein Bewusstsein für die gemeinsame Lösung globaler Probleme sei in Europa erforderlich. „Entscheidend ist, dass eine langfristige Hilfe für die notleidenden Nachbarstaaten und ihre Bevölkerung ermöglicht wird. Denn Italien oder Spanien sind unverschuldet von dieser Pandemie in besonderer Härte getroffen worden – mit verheerenden wirtschaftlichen und sozialen Folgen.“


Studie: Wie der Mittelstand die Corona-Krise optimal übersteht

Das Mittelstandsinstitut IfM aus Bonn warnt vor einer Ungleichbehandlung von Unternehmen, wenn die Wirtschaft wieder hochgefahren wird. In einer Studie hat das Institut analysiert, wie der Neustart in den einzelnen Branchen am besten gelingen kann.

Der Ausstieg der verschiedenen Wirtschaftszweige aus dem aktuellen Shutdown müsse sich vor allem am benötigten zeitlichen Restart-Vorlauf der Unternehmen, ihrer Einbindung in (inter-)nationale Wertschöpfungsketten sowie am Alltagsbedarf der Konsumenten orientieren, heißt es in der Pressemitteilung des IfM.

„Auf keinen Fall dürften bei einem graduellen Neustart die Großunternehmen bevorzugt werden, nur weil sie eine größere Wertschöpfung erwirtschaften als die einzelnen mittelständischen Unternehmen“, betont das IfM.

Belegschaften müssen vorbereitet werden

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Wichtig sei, dass vor einem Ausstieg aus dem Shutdown in den mittelständischen Unternehmen die notwendigen Schutzvorrichtungen und -ausrüstungen für das Personal vorhanden sein müssen. Zudem müssten die Belegschaften über die entsprechende innerbetriebliche Gesundheitsvorsorge informiert sein.

Eine weitere Voraussetzung für den graduellen Neustart sei, dass große Teile der öffentlichen Infrastruktur wieder geöffnet werden. Dazu gehören Behörden, Schulen, Kindergärten und -tagesstätten.

Jeder Wirtschaftsbereich benötige unterschiedliche Vorlaufzeiten. Professor Dr. Friederike Welter (IfM Bonn/Universität Siegen) schlägt vor: „Eine mögliche Variante für den Restart der Wirtschaft wäre, diejenigen Wirtschaftsbereiche zu öffnen, die auf den Bedarf des täglichen Lebens ausgerichtet sind. Zudem gibt es einige Wirtschaftszweige, in denen per se das Gebot des Mindestabstandes leichter gewährleistet werden kann. Dazu zählen sicherlich zahlreiche Berufsgruppen des Baugewerbes.“

Rürup: Kleine Unternehmen sollten zuerst zum Zuge kommen

Für die Gastronomie, die Tourismusbranche sowie Künstler und Museen erwarten die Wissenschaftler, dass sie deutlich länger auf Unterstützung von Bund und Ländern angewiesen sein werden, um die Folgen der Corona-Krise zu verarbeiten.

Dementsprechend kommentiert Professor Bert Rürup, der Präsident des HRI: „Es sind weniger die durchweg gesunden mittelständischen Unternehmen gefährdet, sondern die kleinen mit 10 bis 30 Beschäftigten. Diese Unternehmen sollten beim Wiederhochfahren der Wirtschaft  als erste zum Zuge kommen.“

Mittelstand stabilisiert die Wirtschaft

„Der Mittelstand in Deutschland besitzt nicht nur eine hohe volkswirtschaftlichen Bedeutung, sondern erfüllt auch eine wichtige Stabilisierungsfunktion für den gesellschaftlichen Zusammenhalt“, betont Professorin Welter. Dazu gehöre, dass die Familienunternehmer und Familienunternehmerinnen ein großes Verantwortungsgefühl gegenüber den Beschäftigten und Stakeholdern besitzen.

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Mittelstand könnte maßgeblich zum Aufschwung beitragen

„Diese Besonderheit hat in und nach der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise maßgeblich zur Erholung der deutschen Volkswirtschaft beigetragen. Die gleiche Wirkung könnte auch diesmal vom Mittelstand ausgehen“, erklärte die Forscherin mit Blick auf die Corona-Krise.

Empfehlungen für Handel, Gastronomie und Gewerbe

Handelsunternehmen brauchen dem Papier zufolge im Durchschnitt ein bis zwei Wochen Zeit, um sich auf die Öffnung ihrer Geschäfte vorzubereiten, schreibt das Handelsblatt. Das IfM empfiehlt vor allem, kleinere Läden wieder zu öffnen, allerdings mit begrenztem Eintritt.

Restaurants und Bars werden laut IfM deutlich länger benötigen, um ihr Geschäft wieder aufzunehmen. Die Forscher gehen von ein bis zwei Monaten aus. Der Betrieb soll ihrer Empfehlung nach erst einmal nur mit Einschränkungen und Abstandmöglichkeiten wieder anlaufen.

Die Tourismuswirtschaft sowie der Kultur- und Eventbereich werden mindestens zwei Monate brauchen, um aus der Corona-Krise wieder hochzufahren. Das verarbeitende Gewerbe dagegen sei durch eine vergleichsweise hohe Eigenkapitalquote gut gerüstet für die aktuelle Situation. Wenig Probleme erwartet das IfW in der Baubranche.

Empfehlungen bekannter Berater

Grundsätzlich sei der Neustart nur mit einem veränderten Schutzkonzept möglich, berichtet das Handelsblatt über ein Papier von Roland Berger. Dazu gehöre eine flächendeckende Infrastruktur für eine Testung der Bevölkerung und eine „differenzierte Quarantäne“ von Infizierten und Risikogruppen.

Zuerst sollten zunächst die öffentlichen Angebote wie Kitas und Schulen wieder starten, gefolgt vom produzierenden Gewerbe und später – abhängig von der Lage in den Regionen – Tourismus und Gastgewerbe sowie kulturelle Einrichtungen und Veranstaltungen.

Die Experten der Boston Consulting Group (BCG) raten, die Öffnungen nur schrittweise und je nach Lage in den Regionen mit unterschiedlichem Tempo zuzulassen. So könnte es etwa auch in Schulen eine Art Schichtbetrieb geben. Die Schritte müssten immer unter der Vorgabe erfolgen, dass keine neuen, größeren Infektionsherde entstehen.

Entscheidend sei, dass das Hochfahren der Wirtschaft mit einer Stärkung der Nachfrage einhergehe, heißt es in dem Roland-Berger-Konzept. Der Staat könnte dies etwa über eine begrenzte Senkung der Mehrwertsteuer oder über die Ausgabe von Konsumgutscheinen erreichen. Denkbar sei auch eine neue „Abwrackprämie“ für alte Dieselfahrzeuge, um den Umstieg auf die E-Mobilität zu fördern.


Rürup: Deutschland braucht Wachstumsprogramm

Eine schwere Rezession ist im ersten Halbjahr 2020 in Deutschland nicht zu vermeiden. Davon geht der Sachverständigenrat der Bundesregierung in einem Gutachten aus, das am Montag, dem 30. März, vorgelegt wurde.

Im Basisszenario erwarten die Wirtschaftsweisen für das Jahr 2020 einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von minus 2,8 Prozent. Im Jahr 2021 könnte das BIP dann um 3,7 Prozent steigen.

Das Bild zeigt eine Studie "Masterplan 2030", die unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Bert Rürup, dem Macher von DER CHEFÖKONOM, entstanden ist. Anzeige

Ein zweites Szenario geht von minus 5,4 Prozent in diesem Jahr und plus 4,9 Prozent im nächsten Jahr aus. Das Risikoszenario unterstellt einen scharfen Einbruch in 2020 (minus 4,5 Prozent) und eine schwache Erholung in 2021 (plus ein Prozent).

 „Leider konnten die aktuellen, sehr pessimistischen Szenarien des Ifo-Instituts München vom Montag vergangener Woche in diesem Sondergutachten des Sachverständigenrates nicht berücksichtigt und bewertet werden“, kommentiert Professor Bert Rürup das Gutachten.

Auffällig sei dennoch, dass nach allen drei durchgerechneten Szenarien die deutsche Volkswirtschaft in eine schwere Rezession rutschen werde. Bislang habe die deutsche Politik alles getan, um die Arbeitsplatzverluste und die Anzahl der Konkurse möglichst gering zu halten, stellt Rürup fest.

„Allerdings wird die Bundesregierung bald mit einem Wachstumsprogramm nachlegen müssen, um die ungenutzten Kapazitäten schnell wieder auszulasten und nicht zuletzt, um auch Modernisierungsinvestitionen anzuregen.“

Rürup fordert „klares Ausstiegsszenario“ für die Wirtschaft

Zudem sei ein Erwartungsmanagement der Politik überfällig, erklärt Rürup. „Die Bundesregierung sollte daher alsbald ein glaubhaftes Ausstiegsszenario aus dem Lock-Down-Programm des Wirtschaftslebens vorlegen.“

Derzeit sei dieses Programm wie ein Ende der Beschränkungen ausschließlich an epidemiologischen Kriterien orientiert. Dies war aus seiner Sicht „kurzfristig verständlich und richtig“.

Angesichts der aktuellen Prognosen ist aber auch „ein klares Ausstiegsszenario aus den wirtschaftlichen Restriktionen geboten“, um den unvermeidlichen tiefen wirtschaftlichen Einbruch ein Stück weit zu verlangsamen und verkürzen.


Vorschläge des Sachverständigenrates für die Corona-Krise
Vorschläge des Sachverständigenrats für die Corona-Krise

Das Weichensteller-Dilemma in der Corona-Krise

Corona-Hilfen für Unternehmen: Sigmar Gabriel und Prof. Dr. Bert Rürup. Sie stellen ihren neuen Podcast "Global Chances" vor, in dem sie die aktuelle geopolitischen Lage.
Sigmar Gabriel: „Wenn man dann hinterher eine so marode Wirtschaft hat, dass das Gesundheitssystem der Zukunft nicht mehr vernünftig finanziert werden kann und unser Gesundheitssystem schlechter wird, als es heute ist, dann gefährdet man die Menschen bei der nächsten Krise noch viel mehr.“

Nicht nur Donald Trump oder der Investor Alexander Dibelius, sondern auch viele Ökonomen werfen die Frage auf: Wie stark dürfen wir durch den Shutdown in der Corona-Krise unseren Wohlstand gefährden.

Es geht zwar bislang in allererster Linie darum, die Ausbreitung dieses Virus zu verlangsamen. Daher fragt Professor Bert Rürup den Ex-Politiker Sigmar Gabriel im Podcast: Ist dies wirklich alternativlos?

„Es gibt nichts, was alternativlos ist“, antwortet Sigmar Gabriel. Die Frage sei, welche Risiken sich jeweils mit einer Alternative verbinden. Was die Welt derzeit erlebe, sei ja keine neue Fragestellung. Letztlich gehe es hinein ins politisch Philosophische.

„Früher hat man das Trolley oder Weichensteller-Problem genannt. Eine Straßenbahn ist außer Kontrolle geraten und droht, fünf Personen zu überrollen. Man kann durch Umstellen einer Weiche diese Straßenbahn umleiten. Dummerweise befindet sich auch da jemand.

Fünf Menschen retten, aber einen töten?

Die Frage: Darf ich durch das Umlegen der Weiche den Tod einer Person in Kauf nehmen, um das Leben von fünf Personen zu retten? Ja oder nein?

Bert Rürup zieht die Verbindung zum Terroranschlag von 2001: „Oder darf ich ein Flugzeug abschießen, weil es auf ein Hochhaus zu rast?“ Das Bundesverfassungsgericht hat diese Frage mit Nein beantwortet.  

Eine ähnliche Güterabwägung sei heute in der Corona-Krise zu treffen. „Machen wir zu viel? Und sind die Schäden, die wir dadurch auslösen, so groß, dass sie im Zweifel alles das, was wir damit Gutes bewirken wollen, zunichtemachen?“

Riskieren wir unser Gesundheitssystem?

Dieser Diskussion dürfe die Politik nicht ausweichen. Gabriel verdeutlicht das Weichensteller-Dilemma so: „Man kann sagen: Ist doch egal, Hauptsache, wir retten jetzt Menschen.

Dann geht die Wirtschaft eben erst mal kaputt. Wenn man dann hinterher eine so marode Wirtschaft hat, dass das Gesundheitssystem der Zukunft nicht mehr vernünftig finanziert werden kann und schlechter wird als heute, dann gefährdet man die Menschen bei der nächsten Krise noch viel mehr.“

Die Politik müsse aufpassen, dass sie nicht möglicherweise anderes Leben damit gefährdet, weil sie derzeit in der Güterabwägung Leben unbedingt schützen will. „Ich kann keine Antwort auf die Frage geben, wie man sich so oder so entscheiden muss. Aber der Debatte müssen wir uns stellen“, sagt Gabriel.

Es sei auch nicht verwerflich, wenn Politik am Anfang sagt: Jetzt versuchen wir mal, mit einem Schrot-Schuss das Ganze zum Stillstand zu bringen. Um dann hinterher zu sagen: Möglicherweise werden wir jetzt Maßnahmen gezielter machen müssen und andere vielleicht sogar zurücknehmen. Das liege in der Logik einer solchen Krisenentwicklung.

Die erste Nagelprobe werde demnächst Anfang April kommen, erwartet Rürup. Wird man dann die Geschäfte wieder öffnen? Gabriel glaubt das nicht: „Es wird eher Richtung Ostern gehen, also nach den Osterfeiertagen.“

Die Corona-Krise trifft viel mehr Branchen als die Finanzkrise

Dass mit wenigen Ausnahmen fast der gesamte Dienstleistungsbereich geschlossen worden ist, sei eine dramatische Entwicklung. Überdies breche die Industrie zusammen, weil die Wertschöpfungsketten unterbrochen sind.

Die Wirtschaft sei damit wesentlich stärker beeinträchtigt als in der Finanzkrise 2008/9. Damals ging es im Wesentlichen nur um einen Sektor. In der Folge sei dann die Industrieproduktion eingebrochen. Aber der große Dienstleistungssektor lief damals weiter.


Investor Dibelius: „Wahnsinniges Experiment“

Der Investor Alexander Dibelius analysiert die Krise als Systemtheoretiker. „Da findet gerade ein wahnsinniges soziales und gesellschaftspolitisches Experiment statt.

Jahrhundertelang haben wir auf allen Ebenen für unsere individuelle Freiheit gekämpft, für Gesetze und Menschenrechte. Und auf einmal wird vieles davon einfach so quasi über Nacht weggewischt.

Wie und wann sollen wir diese einzelnen Güter gegeneinander abwägen: gesundheitlich optimaler Schutz einer Subgruppe, allgemeines Wohlstandsversprechen und individuelle Freiheitsrechte?

Das deutsche Modell der Verzögerungsstrategie wirft eine utilitaristische Frage auf: Ist es richtig, dass zehn Prozent der – wirklich bedrohten – Bevölkerung geschont, 90 Prozent samt der gesamten Volkswirtschaft aber extrem behindert werden?

Mit der unter Umständen dramatischen Konsequenz, dass die Basis unseres allgemeinen Wohlstands massiv und nachhaltig erodiert? Das Ganze dann wiederum mit dem ebenfalls nicht kleinen Risiko, dass die angestrebte gesundheitliche Zielsetzung noch nicht einmal erreicht wird?“

Alexander Dibelius war Arzt, Unternehmensberater bei McKinsey und Investmentbanker bei Goldman Sachs. Beim britischen Private-Equity-Haus CVC steuert er als Partner das Deutschlandgeschäft. Sein Interview mit dem Handelsblatt ist hier nachzulesen.


Lehren aus der Weltwirtschaftskrise

Eine überaus restriktive Geld- und Finanzpolitik wirkte in Deutschland Anfang der 30er Jahre verheerend. Durch eine tiefgreifende Wirtschafts- und Bankenkrise wurde das Vertrauen der Menschen in Demokratie und Marktwirtschaft irreparabel geschädigt, analysiert Dr. Jörg Lichter.

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Weltwirtschaftskrise steckt im Hinterkopf

Bundesregierung und Bundestag verabschiedeten am Anfang der Corona-Krise Mitte März 2020 in Windeseile einen Nachtragshaushalt in Höhe von 156 Milliarden Euro, und die Europäische Zentralbank pumpt massiv Liquidität in die Volkswirtschaft.

All dies geht so schnell und nahezu reibungslos, weil alle die katastrophalen Erfahrungen während der Weltwirtschaftskrise ab dem Herbst 1929 im Hinterkopf haben.

Was war im Sommer 1931 in Deutschland passiert?

  • Die Volkswirtschaft kollabierte,
  • sechs Millionen Menschen waren arbeitslos
  • der Sozialstaat war überfordert, und
  • vor den Bankfilialien bildeten sich lange Schlangen, insbesondere wegen
  • der Insolvenz der großen Darmstädter und Nationalbank (Danatbank), die im das Finanzsystem in Deutschland an den Rand des Zusammenbruchs brachte.

All dies soll heute um jeden Preis vermieden werden.

Rückblick auf 1929 bis 1931

Ausgangspunkt dieser Krise war 1929 der Börsencrash in New York, der auf die ganze Welt ausstrahlte. Denn die USA kündigten als Hauptgläubiger der Welt ihre Auslandskredite und fielen zudem als Absatzmarkt aus. Das traf die deutsche Volkswirtschaft in einer bereits kritischen Phase.

Nach der Währungsreform vom November 1923 entwickelte sich die Wirtschaft zwar gut. Die folgenden fünf Jahre gelten sogar als die „goldenen Jahre“ der Weimarer Republik. Finanziert wurde der Aufschwung aber vor allem mithilfe von US-Krediten, die nun fällig gestellt wurden und damit das Kapitalangebot verknappten.

Zudem blieben die gesamtwirtschaftlichen Wachstumsraten selbst in dieser Zeit vergleichsweise niedrig, die Arbeitslosenzahl sank nie unter 1,7 Millionen; 1929 schrumpfte die Volkswirtschaft sogar. Bereits 1930 ging das Bruttosozialprodukt in Deutschland um sieben Prozent zurück, 1931 waren es 16 Prozent und 1932 sank die gesamtwirtschaftliche Leistung sogar um mehr als 17 Prozent.

Ein Grund für diesen katastrophalen Einbruch war die Politik von Reichskanzler Heinrich Brüning. Dieser strebte Anfang der dreißiger Jahre trotz Weltwirtschaftskrise einen ausgeglichenen Reichshaushalt an und hatte durch diese prozyklische Politik die Situation noch verschlimmert. 1931 und 1932 wurden sogar Überschüsse erzielt.

Erst Brünings Nachfolger Franz von Papen und Kurt von Schleicher griffen zum Mittel der staatlichen Konjunkturankurbelung – aber noch sehr zögerlich. Die Verschärfung der Lage im Jahr 1931 war dann vor allem auf die Bankenkrise zurückzuführen.

Die Bankenkrise 1931

Am Morgen des 13. Juli 1931 erlebten die Kunden der Danatbank eine böse Überraschung: Sie standen vor verschlossenen Türen. Dort hing ein amtliches Kommuniqué: „Die Darmstädter und Nationalbank hat mitgeteilt, dass sie genötigt sei, ihre Schalter geschlossen zu halten. Die Reichsregierung wird aufgrund einer im Laufe des heutigen Tages ergehenden Notverordnung des Herrn Reichspräsidenten durch volle Garantieleistungen für alle Einlagen für eine ruhige Abwicklung der Geschäfte der Danatbank Sorge tragen.“

Zwei Tage nach dem Zusammenbruch der Danatbank folgte die Insolvenz der Dresdner Bank. Der Versuch, durch die Staatsgarantie ein Übergreifen der Pleite auf andere Banken zu verhindern, scheiterte.

Kunden stürmten alle anderen Kreditinstitute, um ihre Einlagen abzuheben. Überall im Land bildeten sich lange Schlangen vor den Bankfilialen. Das deutsche Finanzsystem stand vor dem Zusammenbruch. Nur massive Staatshilfe und zwei „Bankfeiertage“, an denen der gesamte Zahlungsverkehr ruhte, retteten das Kreditwesen.

Wenig Spielraum der Geldpolitik

Im Gegensatz zur Corona-Krise im Jahr 2020 hatte auch die Geldpolitik weniger Spielraum. Denn die Banknoten der 1924 eingeführten Reichsmark mussten zu 40 Prozent durch Gold oder Devisen gedeckt sein. Diese „Goldfessel“ verhinderte eine autonome, an der Binnenwirtschaft orientierte expansive Geldpolitik.

Im Mittelpunkt stand einzig und allein die internationale Zahlungsfähigkeit Deutschlands, selbst wenn die Realwirtschaft darunter litt. Um ihr Gold- und Devisenkonto zu schützen, verschärfte die Reichsbank ihre Kreditrestriktionen selbst in der Krise. Ebenso wie die Reichsregierung handelte sie prozyklisch.

Die Auswirkungen von restriktiver Geld- und Finanzpolitik waren verheerend: Die ohnehin katastrophale Wirtschaftslage mit 4,4 Millionen Arbeitslosen und sinkenden Preisen verschlimmerte sich dadurch weiter. Doch erst durch das angeschlagene Kreditsystem wurde aus der Konjunkturkrise eine tiefgreifende Depression. Die Arbeitslosenzahl stieg in der Folge auf über sechs Millionen. Armut und Verzweiflung griffen um sich.

Hoher Preis für Starrköpfigkeit der Reichsregierung

Hilfe wäre möglich gewesen, allerdings um den Preis des politischen Ausgleichs mit Frankreich. Der Nachbar war bereit, mit bis zu einer Milliarde US-Dollar zu helfen.

Dafür forderten die Franzosen die Aufgabe der deutschen Zollunionspläne mit Österreich, die Anerkennung der deutschen West- und Ostgrenze sowie den Verzicht auf den Bau eines Kriegsschiffes. Dazu war die Reichsregierung nicht bereit.

Die Regierung zahlte für diese Starrköpfigkeit einen hohen Preis: Das Vertrauen der Menschen in Demokratie und Marktwirtschaft wurde durch die Wirtschafts- und Bankenkrise irreparabel geschädigt. Der Boden für ein autoritäres Regime war bereitet.


Rürup: Ein umfassenderer Schutzschirm

Börsen und Unternehmen brauchen eine gemeinsame Aktion der großen Notenbanken und Regierungen, der G7-Staaten, gegen die Corona-Krise.

Die Wirtschaft benötigt einen noch umfassenderen Schutzschild, damit die Menschen ihr Vertrauen in die Wirtschaft behalten, fordert Professor Bert Rürup.

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Corona-Krise verursacht Panik

Wir erleben gerade in Zeiten, die immer stärker durch Panik gekennzeichnet sind.

„Panikmache per WhatsApp“, berichtet tagessschau.de. In sozialen Netzwerken verbreiten sich massenhaft Falschmeldungen und Gerüchte über die Corona-Pandemie. Insbesondere über Messenger-Dienste wie WhatsApp und Telegram werden tausende Nachrichten mit irreführenden oder schlicht falschen Behauptungen weitergeleitet.

„Schluss mit der Corona-Panik!“, fordert der Kölner Stadt-Anzeiger. Und erklärt, warum kopflose Hamsterkäufe schaden – auch langfristig Denn nach wie vor ist unsere Versorgung gesichert. Das gewährleisten auch die Maßnahmen der Bundesregierung.

„Wohltemperierte Panik“, nennt die Wochenzeitung „Der Freitag“ die Lage. Das Virus konfrontiert Industriegesellschaften mit einem dreifachen Paradox.

Erstens erfordert das Virus physische Entnetzung bei gleichzeitiger Verdichtung der Kommunikation.

Zweitens macht die Verlangsamung der Covid-19-Ausbreitung eine Art wohltemperierte Panik nötig.

Drittens bedingt die Eindämmung Solidarität, Koordination und Gemeinsinn – also eine neue Form von Kommunismus, wie es der Philosoph Slavoj Žižek nennt.

Politik muss Corona-Krise bekämpfen

Da ist es oberstes Gebot, diesen verständlichen, aber oft übertriebenen Ängsten zu begegnen – wie auch immer.

So garantierten Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr damaliger Finanzminister Peer Steinbrück auf dem Höhepunkt der Finanzkrise Ende 2008 die in Deutschland angelegten Spareinlagen. Sie verhinderten damit einen drohenden Bank Run.

EZB-Chef Mario Draghi konnte 2012 mit seiner „Whatever-it-takes“-Rede das Auseinanderbrechen der Eurozone abwenden.

Niemand fragte damals, ob Merkel und Steinbrück bzw. Draghi ihre Kompetenzen überschritten oder ob die gemachten Versprechen im Notfall auch eingehalten werden könnten.

Wirtschaft und Banken brauchen einen Schutzschirm

Mehr als damals  brauchen Finanzinstitute und Realwirtschaft solche Schutzschirme dringend. Die Börsenkurse rund um den Globus rauschen nach unten. Und in weiten Teilen der Welt fragen sich immer mehr Unternehmer, wie lang sie bei einem Stillstand der Wirtschaft wohl durchhalten können.

Es droht eine Pleitewelle, die die Arbeitslosigkeit in die Höhe treiben und die Banken in einen Abwärtsstrudel ziehen könnte. Niemand kann derzeit sagen, wann und wie diese Abwärtsspirale endet.

Deshalb ist es völlig richtig, was die Regierung bisher beschlossen hat. Die Bundesregierung hilft Firmen mit einem 500-Milliarden-Paket. Die folgenden vier Punkte stellte die Politik heraus.

Schutzschild gegen die Corona-Krise

1. Das Kurzarbeitergeld wird flexibler. Unternehmen können es künftig unter erleichterten Voraussetzungen erhalten. So kann Kurzarbeitergeld unter anderem bereits dann beantragt werden, wenn zehn Prozent der Beschäftigten vom Ausfall betroffen sind.

2. Die Liquidität von Unternehmen wird durch steuerliche Maßnahmen verbessert. Zu diesem Zweck werden die Stundung von Steuerzahlungen erleichtert, Vorauszahlungen können leichter abgesenkt werden. Auf Vollstreckungen und Säumniszuschläge wird im Zusammenhang mit den Corona-Auswirkungen verzichtet.

3. Die Liquidität von Unternehmen wird durch neue, im Volumen unbegrenzte Maßnahmen geschützt. Dazu werden die bestehenden Programme für Liquiditätshilfen ausgeweitet und für mehr Unternehmen verfügbar gemacht, etwa die KfW- und ERP-Kredite.

4. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und Bundesfinanzminister Scholz werden sich auch auf europäischer Ebene für ein koordiniertes und entschlossenes Vorgehen einsetzen. Die Bundesregierung begrüßt unter anderem die Idee der Europäischen Kommission für eine „Corona Response Initiative“ mit einem Volumen von 25 Milliarden Euro.

Dabei wird es aber sicher nicht bleiben.

  • „Diese Krise ist wie Lehman, nur gefährlicher“, stellt die Süddeutsche Zeitung völlig zu Recht heraus. 2008/09 konnten die Menschen um die Häuser ziehen, ohne Angst haben zu müssen, krank zu werden. Denn die Krise kam aus dem Finanzsystem, und sie infizierte zunächst einmal die Bilanzen großer und kleiner Banken.
  • Das Coronavirus dagegen infiziert Arbeitnehmer und Konsumenten aus allen sozialen Schichten, aus allen Berufsgruppen und allen Regionen, also die gesamte Volkswirtschaft. Das ist eine völlig andere Form von Krise. Die Zahl der Brände, die gelöscht werden müssen, ist heute ungleich größer als damals.

Der nächste Schritt gegen die Corona-Krise

Die Bundesregierung muss so bald wie möglich erklären: Wir stützen die Real- und Finanzwirtschaft – whatever it takes. Dabei sollte man sich definitiv nicht auf eine Obergrenze festlegen.

Besonders betroffen könnte womöglich das ohnehin hoch verschuldete Italien sein. Das Land ist gegenwärtig besonders stark von Covid-19 betroffen, der vom Corona-Virus ausgelösten Lungenkrankheit. Jetzt über einen Austritt des Landes aus dem Eurosystem zu spekulieren, ist defätistisch und ein Verrat an der Idee eines gemeinsamen Europas.   

Das Szenario einer noch stärkeren Abwärtsspirale spielen die Börsen gerade durch – und diese Angst gilt es zu brechen.

Die Geldspritzen verpuffen

Leider ist von der Geldpolitik keine Hilfe zu erwarten. Und EZB-Chefin Christine Lagarde hat sogar recht zurückhaltend reagiert. Sie kündigte zwar ein umfassendes Maßnahmenpaket aus Anleihekäufen und zusätzlichen Geldspritzen für die Banken an – doch den Abwärtstrend an den Börsen konnte sie damit nicht stoppen. Offenbar gehen die Finanzmärkte davon aus, dass die EZB mit ihrem Latein am Ende ist.

Die USA fallen ebenfalls bisher als Nothelfer aus. Die Fed senkte zwar vergangene Woche überraschend ihren Leitzins. Doch diese Geldspritze verpuffte an den Märkten.

Dann legte die US-Notenbank überraschend am Sonntag nach: Die Währungshüter senkten die Leitzinsen um 100 Basispunkte und kündigten Anleihekäufe an. Der Leitzinskorridor hat damit wieder sein Krisenniveau erreicht, das dieser zwischen 2008 und 2015 verzeichnete.

Die Märkte reagierten nicht wie erhofft, der Verfall der Kurse hielt an. Offensichtlich wurde dieses zweite Paket als eine Panikaktion bewertet.  

Sollten die Käufe von US-Staatsanleihen und die von Agencies garantierten Bonds nicht helfen, müsste das Notenbankgesetz geändert werden, um es der Fed erlauben, auch Corporate Bonds oder – nach japanischem Vorbild – Aktien-ETFs zu kaufen.

Präsident Trump trat bislang nicht als beherzter Krisenmanager in Erscheinung. Im Gegenteil, mit seinem überraschenden und vor allem hilflosen Einreisestopp für Europäer schickte Trump die Börsen auf erneute Talfahrt.

Trump managt die Corona-Krise eigenartig

Für Verwirrung  und internationale Irritationen sorgte auch das angebliche Milliardenangebot der USA für ein deutsches Unternehmen, das einen Corona-Impfstoff entwickelt.

Details zu seinem angekündigten Konjunkturprogramm blieb Trump überdies schuldig – offenbar wegen des parteipolitischen Streits im Kongress. Während die Welt Führungsstärke von Amerika erwartet, schaltet die Politik des Landes auf Wahlkampfmodus.

Das ist traurig. Denn was die Welt nun wirklich bräuchte, wäre eine gemeinsame Aktion der großen Notenbanken und Regierungen, der G7-Staaten. Die Menschen sehnen sich nach einem Retter.

Der Chefökonom

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7 Gedanken zu “Corona-Krise: Wie kann die Wirtschaft gerettet werden?

  1. Wie würde die Krise genannt werden, wenn die Sache mit dem Corona-Virus nicht dazwischen gekommen wäre? Hätten Trump oder der Brexit aushelfben müssen. Dabei ist es eine stinknormale Konjunkturkrise, wie sie alle 8-10 Jahre stattfindet – jetzt wird sie verstärkt, mehr nicht.

  2. Der Artikel unterstellt, das mit immer mehr von demselben (Geld, Schulden, …) jede Krise in eine neue Chance verhandelt werden kann. Es wäre das Paradies auf Erden und die New Monetary Theory mag glauben es beweisen zu können.
    Doch grau ist alle Theorie. Der gesunde Menschenverstand sagt, dass Schulden mit Rückzahlungen oder Abschreibungen statt mehr Schulden bekämpft werden müssen und er wird Recht behalten.

  3. Es wundert mich dass die Menschen nicht gegen diese diktatorischen Maßnahmen auf die Straße gehen.Es geht nur um die Profilierung der Politiker und nicht um den Schutz von schwer erkrankten Menschen 85 und aufwärts

  4. Wir müssen unbedingt umdenken. Die Billionen die in den Markt gepumpt werden müssten viel mehr mit Klimaschutz-Umweltschutz, Digitalisierung und Infrastrukturprojekte vergeben werden. Zielgenaue Förderung wäre von Nöten, wenn man davon ausgeht das 10% dieser riesigen Summe verbrannt werden (Kriminalität, Mitnahme Effekte usw.) dann kann man nur den Kopf schütteln wir sind wie immer auf solche Kriesen nicht vorbereitet obwohl wir doch Experten haben die solche SZENARIEN durchspielen können und im Vorfeld die richtigen Schlüsse ziehen.
    Grüße A.milani

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