Branchenanalyse: Deutsche Wirtschaft vor dem Neustart

Branchenanalyse: Deutsche Wirtschaft vor dem Neustart

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In unserer Branchenanalyse zeigen wir, dass die deutsche Wirtschaft sich auf den Neustart vorbereitet. In der kommenden Woche wollen einzelne Branchen ihre Produktion wieder hochfahren. So kündigt Volkswagen an, dass die Werke in der slowakischen Hauptstadt Bratislava und im sächsischen Zwickau ab Montag wieder produzieren. Der Erfolg hängt nicht zuletzt davon ab, dass vor allem die wichtigen innereuropäischen Lieferketten funktionieren, was nicht sichergestellt ist. Wie stark die Vernetzung in Europa ist, analysiert das Handelsblatt Research Institute in einem aktuellen Branchen-Dossier. (Stand: 17. April 2020)

Autoren: Sabine Haupt, Frank-Christian May, Jochen Wicher, Martin Wocher

Das Bild zeigt als Teil unserer Branchenanalyse ein Flugzeug und die Herkunftsländer der jeweiligen Bauteile. Anhand der Boing 787 lässt sich erkennen, wie viele unterschiedliche Länder an der Produktion eines Flugzeugs beteiligt sind.

Branchenanalyse Maschinenbau: Nationale Lockerungen helfen wenig

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Die Ungeduld wächst – und damit die Erwartung an die Politik. Nachdem die Bundesregierung am Mittwoch erste Lockerungen der wirtschaftlichen Beschränkungen in der Corona-Krise beschlossen hat, wünscht sich insbesondere die Industrie weitergehende Maßnahmen, um die Produktion in den Fabriken unter Berücksichtigung der Quarantäne-Regeln wieder hochfahren zu können.

Ein entscheidender Faktor dürften dabei offene Grenzen innerhalb Europas und damit ein ungehinderter Warenaustusch spielen. So fordert der Maschinenbauverband VDMA mit Blick auf die Lockerungen ein koordiniertes Vorgehen der Europäischen Union. „Für den Binnenmarkt und vor allem für die Industrie wäre es fatal, wenn die Mitgliedstaaten jetzt intern ihre Maßnahmen lockern, aber gleichzeitig mit geschlossenen Grenzen nationale Inseln schaffen würden“, heißt es in einer Stellungnahme.

Offene Grenzen sind essenziell

In einer letzten Branchenanalyse haben wir gezeigt, dass in der Corona-Krise überdeutlich geworden ist, wie abhängig – und damit auch verletzlich – international so stark verwobene Branchen wie der deutsche Maschinenbau oder die Elektroindustrie sind. Sie sind essenziell auf offene Grenzen und einen funktionierenden Handel angewiesen.

Ohne Vorleistungsgüter oder Kunden, die Produkte auch abnehmen, läuft bei den deutschen Vorzeigebranchen nichts. Stockt die Lieferkette oder funktioniert die Logistik nicht reibungslos, nutzt ein Hochfahren der eigenen Produktion wenig.

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Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat erst Anfang der Woche eine Fortsetzung des Shutdowns bis zum 11. Mai verkündet, in Italien wird bis zum 3. Mai nichts gehen. So blicken die Maschinenbauer über den Tellerrand hinaus und fordert von der deutschen Politik mehr Solidarität mit Europa. „Diese würde dazu beitragen, auch die Funktionsfähigkeit der deutschen Wirtschaft aufrechtzuhalten“, heißt es.

„Wohlverstandenes Eigeninteresse“

Unterstützung bekommen die Maschinenbauer von führenden Ökonomen. „Gerade Italien ist in manchen Sektoren sogar wichtiger für die deutsche Industrie als China“, sagte der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft Gabriel Felbermayr dem Handelsblatt. Der industrielle Norden sei sehr stark in die Autoproduktion und in den Maschinenbau in Deutschland integriert.

„Wenn sich ein Land besonders stark für eine gemeinsame Krisenbewältigung einsetzen sollte, dann ist das Deutschland, im wohlverstandenen Eigeninteresse,“ sagte der Ökonom. „Wenn Spanien und Italien die Krise nicht überwinden können, wird das auch bei uns den Wiederaufschwung gewaltig bremsen.“

Das Bild ist Teil der Branchenanalyse und zeigt die wichtigsten Importländer für den deutschen Maschinenbau.

„Unternehmen und ihre Mitarbeiter brauchen eine Perspektive, wann sie wieder schrittweise in die Ausweitung der Produktion einsteigen können. Dazu ist es aufgrund der europäischen und internationalen Lieferketten notwendig, soweit wie möglich auf europäischer und internationaler Ebene koordiniert vorzugehen“, forderte jüngst auch Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger.

So wird es noch einige Zeit dauern, bis die Industrie wieder Fahrt aufnehmen kann. Zunächst müssen die abgerissenen Lieferketten repariert oder ersetzt werden. Auch die Zulieferer auf der vierten oder fünften Ebene müssen ihrerseits lieferfähig sein. „Und natürlich wird nur produziert, wenn die Mitarbeiter verfügbar sind und auch die Nachfrage wieder anzieht“, sagte Dulger.

China erholt sich langsam

Hoffnung macht den Maschinenbauern zumindest die Situation in China, die sich allmählich bessert. Laut einer Umfrage des Branchenverbandes VDMA beurteilten Anfang April noch 46 Prozent der Befragten die Auswirkungen der Corona-Pandemie als groß, Einen Monat zuvor waren es noch 57 Prozent. Dafür stieg der Anteil der Befragten, welche die Auswirkungen als eher gering betrachten, von 3 Prozent auf inzwischen 13 Prozent.    

Allerdings bereitet den deutschen Unternehmen eine andere Entwicklung Sorge: Der seit dem 28. März 2020 verhängte Einreisestopp in China. Die Inbetriebnahme neuer Produktionslinien ist häufig ohne Unterstützung von Servicetechnikern aus dem Stammsitz nicht möglich, auch sind viele ausländische Manager noch nicht wieder zurück in China.

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„Der Einreisestopp kann Unternehmen zunehmend unter Druck setzen. Die Kunden in China warten nicht, bis sich die Lage im Rest der Welt wieder stabilisiert hat. Die Volksrepublik will ihre Wirtschaft wieder so schnell wie möglich in Gang bringen und die hiesigen Unternehmen drängen auf Wiederaufnahme des Geschäfts“, heißt es von Seiten des VDMA. Eine Aufhebung des Einreisestopps ist jedoch nicht in Sicht.

Branchenanalyse Lebensmitteleinzelhandel: Grenzschließungen führen zu neuen Lücken im Regal

Auch wenn weiterhin lange Schlangen vor einzelnen Supermärkten das Straßenbild prägen, nach dem gewaltigen Andrang nach Ausbruch der Corona-Krise normalisiert sich das Geschäft des Lebensmitteleinzelhandels seit Anfang April allmählich. Die meisten Regale sind wieder gut gefüllt. Seit Februar hatte vor allem der Run auf  Hamsterprodukte wie Toilettenpapier, Nudeln und Öl große Lücken in den Ladenregalen hinterlassen.

Bis zur letzten Märzwoche verdoppelte sich bei einzelnen Produkten wie Nass-Fertiggerichten der Wochen-Absatz gegenüber der Vorjahreswoche sogar, der Absatz der meisten haltbaren Produkte wuchs zweistellig. In der ersten Aprilwoche (14. Kalenderwoche) gingen die Absatzsteigerungen nach den Daten des Marktforschungsinstituts Nielsen bei den Hamsterlebensmitteln aber wieder deutlich zurück, auch der Verkauf von Fertiggerichten stieg nur noch um etwa ein Fünftel.

Neue Kooperation entlang der Wertschöpfungskette

Die Zeit der Hamsterkäufe und Engpässe hat das Verhältnis des Lebensmitteleinzelhandel zu seinen Lieferanten schlagartig gewandelt. Bis zur Corona-Krise feilschten beide Seiten mit harten Bandagen um Preise und Konditionen. Das ging bis zum Liefer- und Listingboykott.

Jetzt berichten Handel und Hersteller von Vertrauen und Verständnis für die Probleme der jeweils anderen Seite. Preiserhöhungen nickte der Handel genauso schnell ab, wie er es straffrei akzeptierte, wenn ein Hersteller seine Lieferquote einmal nicht erfüllen konnte. Nicht die Breite des Sortiments zählt derzeit, wichtig ist allein, dass die Regale wieder gefüllt werden. Und dafür fahren viele Hersteller derzeit zusätzliche Schichten am Wochenende.

Dennoch zeichnen sich schon neue Lücken ab, wie unsere Branchenanalyse zeigt: Am Obst- und Gemüse-Stand. Diese sind vor allem auf Probleme europäischer Lieferanten zurückzuführen. Denn Deutschland kann zwar die meisten Vorprodukte für die Lebensmittelherstellung bei der heimischen Landwirtschaft beziehen, ist bei vielen Produkten wie Fleisch sogar Nettoexporteur. Aber bei Obst und Gemüse sind Lebensmitteleinzelhandel und -industrie auf Zulieferungen aus dem Ausland angewiesen.

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Das Bild ist Teil der Branchenanalyse und zeigt die Selbstversorgung mit Lebensmitteln in Deutschland.

Ernteausfälle und Preissteigerungen

Ein funktionierender EU-Binnenmarkt ist für die deutsche Versorgung essenziell, denn aus Europa bezieht der Handel fast die gesamten Orangen, Zitronen, Äpfel, Trauben, Tomaten, Gurken oder Zwiebeln. Obst wurde dabei nach den Daten des Marktforschungsinstituts AMI im Jahr 2019 in erster Linie aus Spanien (1,7 Millionen Tonnen) und Italien (670.000 Tonnen) importiert.

Als erstes könnten in diesen Wochen Erdbeeren knapp und teuer werden: Wegen des Erntehelfermangels durch die Coranakrise warnte der Verband süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer (VSSE) vor einer geringeren Ernte. Und bei den frühen Import-Erdbeeren, die laut AMI immerhin fast die Hälfte des deutschen Erdbeerkonsums ausmachen, sieht es noch düsterer aus: Denn Südspanien, wo die Erdbeeren zumeist herkommen, leidet stärker unter fehlenden Arbeitskräften als Deutschland.

Branchenanalyse Lebensmittelindustrie: Erntehelfer fehlen in ganz Europa

Der Deutsche Bauernverband hat jüngst einen Erfolg bei der neuen Quote für Erntehelfer gemeldet: In der ersten Woche haben sich bereits 1.500 Landwirtschaftsbetriebe angemeldet, um an dem Erntehelferprogramm der Bundesregierung teilzunehmen, mit dem insgesamt 80.000 erfahrene rumänische Saisonkräfte im April und Mai mit der Fluggesellschaft Eurowings eingeflogen werden sollen, gerade noch rechtzeitig zur Spargelernte.

Der Fruchthandelsverband (DFHV) beziffert den Bedarf insgesamt auf 300.000 Saisonarbeiter, davon kamen traditionell rund 60 Prozent aus Rumänien, gut 30 Prozent aus Polen, die restlichen vor allem aus der Ukraine und Bulgarien. Abgesehen von der unzureichenden Quote schreckt heute viele erfahrende osteuropäische Erntehelfer auch die Angst vor Ansteckung ab sowie die auf ihren Auslandseinsatz folgenden zweiwöchige Zwangsquarantäne im Heimatland.

Landwirte stehen vor einer Herausforderung

Die Bundesregierung hilft zwar derzeit mit verschiedenen Programmen und Internetplattformen, Erntehelfer unter Studierenden, Kurzarbeitern und Flüchtlingen zu rekrutieren. Doch die Schulung der ungelernten Arbeitskräfte gestaltet sich für viele Landwirte schwierig: Die neuen Sicherheitsabstände erschweren zusätzlich das Einarbeiten auf dem Feld, auf das viele ungeübte Arbeiter körperlich ohnehin schlecht vorbereitet sind. Der Fruchthändler Frutania aus dem rheinischen Grafschaft-Ringen rechnet damit, dass wegen des Erntehelfermangels dieses Jahr in Deutschland nur etwa 60 Prozent der Ernte eingebraucht werden kann.

Mangel in Spanien und Italien

Aber in vielen europäischen Obst- und Gemüselieferländern ist die Situation wegen Shutdowns und Erntehelfermangels noch schlimmer: In Spanien, wichtigster deutscher Obst- und Gemüselieferant, wütet das Virus besonders stark. Hier fehlen nicht nur die Erntehelfer aus Marokko und Rumänien, die etwas ein Drittel der benötigten Arbeitskräfte ausmachen.

Auch die Logistik ist heruntergefahren, die Erntearbeiter erreichen nur vereinzelt die Felder. Zudem arbeiten große Teile der Verpackungsindustrie nicht. Daher ließen sich deutsche Fruchtimporteure bereits lose Heidelbeeren liefern und hier abpacken.

In Italien, zweiwichtigster deutscher Obstlieferant und drittwichtigster Gemüselieferant, ist das Quotensystem, Decreto Flussi, das den Agrarbetrieben ausländische Erntehelfer vermitteln hilft, dieses Jahr gar nicht erst aufgebaut worden. Nach Angaben des italienischen Bauernverbands fehlen etwa 370.000 Erntehelfer. Sogar der Bürgermeister des Corona-Epizentrums Bergamo, Giorgi Gori, drängte schon auf eine Lockerung des Einreiseverbots für Wanderarbeiter.  

Branchenanalyse Automobilzulieferer: Nur gemeinsam kann Europa es schaffen

Die Autoproduktion ruht weiterhin

Auch über die Osterfeiertage hat sich nichts an der Situation geändert: Die Produktion von Automobilen in Europa und Nordamerika ist immer noch weitgehend eingestellt. BMW hatte bereits vor den Feiertagen angekündigt, die Fabriken in diesen Regionen bis zum Ende des Monats April geschlossen zu halten. Daimler und Volkswagen hingegen unternimmt bereits Maßnahmen, um die Produktion ab dem 20. bzw. 27. April schrittweise wieder hochzufahren. Die Zulieferbetriebe sind entsprechend von diesen Maßnahmen betroffen.

Branchenanalyse zeigt: Mehr und mehr Betriebe produzieren nun andere Güter

Da die Produktion von Autoteilen aktuell eingestellt ist, haben viele Zulieferer damit begonnen, in ihren Fabriken solche Produkte herzustellen, die aktuell im Gesundheitssektor stark nachgefragt werden, z.B. Schutzbrillen und Atemschutzmasken. Auch Hersteller wie BMW und Daimler haben ihre Produktion inzwischen teilweise umgestellt. Dies wird es ihnen erleichtern, nach dem Anlaufen der Produktion die Gesundheitsvorschriften in ihren Fabriken zu erfüllen.

Das Bild zeigt eine Studie "Masterplan 2030", die unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Bert Rürup, dem Macher von DER CHEFÖKONOM, entstanden ist. Anzeige

Zulieferer verlieren Zeit nach der Krise nicht aus dem Blick

Gleichzeitig planen die Automobilzulieferer auch weiterhin für die Zeit nach der Corona-Krise. So haben zu Beginn des Monats die drei Zulieferer Bosch, Benteler und Pininfarina die Entwicklung einer gemeinsamen Plattform für Elektroautos angekündigt. Und auch ZF hat bestätigt, dass die Zusammenarbeit mit dem Partner 2getthere bei dem Zukunftsprojekt „hochautomatisiertes Fahren“ trotz des Coronavirus unvermindert weitergeht.

Produktion in Europa kann nur gemeinsam hochgefahren werden

Das Wiederhochfahren der Produktion ist ein sehr komplexer Vorgang, für den es keinerlei Blaupause oder gar Erfahrungswerte gibt. Denn einen Komplettausfall der Zulieferketten hat es bislang noch nicht gegeben. Und bei der Wiederaufnahme der Produktion werden strikte Gesundheitsvorschriften berücksichtigt werden müssen, die Auswirkungen auf die Abläufe haben werden.

Entgegen der Ausführungen in dem öffentlich gewordenen Exit-Plan der Europäischen Union wird man beim Hochfahren der Produktion nicht allzu stark zwischen regionalen Gegebenheiten differenzieren können, im Idealfall wird die Produktion in ganz Europa zeitgleich aufgenommen – oder aufgenommen werden müssen. Wenn bestimmte Bauteile aus Italien fehlen oder wegen Beschränkungen an den Grenzen aufgehalten werden, kann womöglich in Deutschland nicht produziert werden. Die Chefs von Daimler, BMW und VW haben diesbezüglich auch schon ein Telefonat mit der Bundeskanzlerin geführt.

Rolle von Europa in der Zukunft

Die Corona-Krise ändert nichts an der Rolle Chinas als wichtigstem Absatzmarkt. Europa wird auch weiterhin ein wichtiger Teil des globalen Netzwerks der Automobilproduktion bleiben. Allerdings ist davon auszugehen, dass die Produktion noch internationaler und flexibler werden wird, um bei eventuellen zukünftigen Krisen die benötigten Teile auch aus anderen Regionen beschaffen zu können.

Branchenanalyse Transport und Logistik: Corona zeigt Handlungsbedarf in Europa auf

Riesige Nachfrage nach Transporten per Luftfracht

Wie schon in den letzten Wochen ist die Nachfrage nach Luftfracht aktuell sehr hoch. Weil nun die Warenproduktion in China wieder anläuft, der Transport per Schiff nach Europa aber mehrere Wochen dauert, sind viele Unternehmen bereit, die hohen Preise des Lufttransports zu bezahlen, beispielsweise auch bei dem Versand von Schutzmasken. Fluglinien wie die Lufthansa bauen deshalb ihre aktuell kaum benötigten Passagierjets zu Frachtflugzeugen um.

Deutsche Post verhandelt nun auch über Kurzarbeit

Aufgrund der vielen geschlossenen Einzelhandelsgeschäfte sind die Onlinebestellungen auf ein „Weihnachtsniveau“ angestiegen. Dementsprechend gut ausgelastet sind aktuell die Paketzusteller. Dieser Boom wird aber vermutlich nicht lange anhalten, da die privaten Konsumausgaben durch Verdienstausfälle und Kurzarbeitergeld sinken dürften. Briefzustellungen und Aufträge der Unternehmen sind bereits zurückgegangen, sodass auch die Deutsche Post über die Einführung von Kurzarbeit nachdenkt.

Corona-Krise zeigt Handlungsbedarf der Branche in Europa auf

In ihrem öffentlich gewordenen Exit-Plan stellt die Europäische Union die Rahmenbedingungen für die Aufhebung der Einschränkungen durch das Coronavirus dar. Perspektivisch wird die wirtschaftliche Tätigkeit in der Union sowohl bezogen auf die Regionen als auch auf die Branchen unterschiedlich schnell wieder anlaufen.

Der private Konsum wird sich zum Beispiel im Bereich der gehobenen und Luxusgüter aufgrund der finanziellen Einschränkungen vieler Menschen nur sehr langsam erholen. Entsprechend schwierig ist das Wiederherstellen der Lieferketten innerhalb Europas, zumal in Deutschland bei der Wiedereröffnung des Einzelhandels zunächst nach Verkaufsfläche differenziert wird und nicht nach Produkten, wie die Bundesregierung am Mittwoch bekannt gegeben hat.

Es werden jetzt schon Lehren aus der Krise gezogen. So wird die Bundesregierung ein systemrelevantes Netz für die Eisenbahn festlegen, das in Krisenzeiten dafür geeignet ist, die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Wie unsere Branchenanalyse zeigt, wird es notwendig sein, in Zukunft Antworten auf einen Personalmangel in vielen Bereichen zu haben. Aktuell müssen osteuropäische Lkw-Fahrer und Binnenschiffer, die sich in Deutschland aufgehalten haben, nach ihrer Rückkehr zwei Wochen in Quarantäne, was die Knappheit verschärft. Hier müssen daher Ausnahmeregelungen getroffen werden.

Die Seeschifffahrt und die Luftfracht sind vorwiegend international oder interkontinental ausgerichtet. Hier können also keine nur Europa betreffenden tragfähigen Lösungen gefunden werden.

Branchenanalyse Bauindustrie: Erste Baustellen ruhen

Seit Jahren boomt die deutsche Baukonjunktur, wie wir in einer anderen Branchenanalyse zeigten. Auch die Corona-Krise schien der systemrelevanten Branche zunächst kaum etwas auszumachen. Die Bundesregierung hat die Baubranche, inklusive Zulieferindustrie, Großhandel und Bauhandwerk als kritische Infrastruktur eingestuft und in einem späteren Erlass auch dafür gesorgt, dass die deutschen Verwaltungen ihre Bauaufträge bezahlen und vorantreiben. ­Allmählich ruhen aber immer mehr Baustellen zumindest zeitweise.

Personal aus dem Ausland fehlt

In einer DIHK-Blitzumfrage zum Coronavirus (24.-26.März 2020) spüren bereits 86,8 Prozent der befragten Unternehmen des Baugewerbes negative Auswirkungen. Grund: Vor allem Personalmangel, Lieferengpässe und Liquiditätsprobleme der Auftraggeber. Fast 100.000 europäische Arbeitskräfte fehlen auf den deutschen Baustellen.

Viele Osteuropäer, aber auch Portugiesen sind nicht nur wegen Ausreiseproblemen nicht eingereist. Sie schreckt auch die Infektionsgefahr und die 14-tägige häusliche Quarantänepflicht nach ihrer Rückkehr. Zudem dünnen die Auflagen zur Kontaktvermeidung das Personal aus. Der Personalmangel verstärkt sich noch dadurch, dass auf der Baustelle die Arbeit der verschiedenen Gewerke ineinandergreift. Verzögert sich beispielsweise der Mauerbau auf einer eng getackteten Baustelle, dann bringt das bei den nachgelagerten Gewerken wie Glasereien, Sanitär und Heizung sowie Dachdecker die Zeitpläne durcheinander

Lieferlücken auch regional

Die Baubranche ist zwar vergleichsweise regional ausgerichtet, dennoch klaffen erste Lieferlücken etwa bei Fliesen oder Waschbecken aus Italien oder Spanien. Viele Zulieferbranchen, wie die Ziegel- und Zementindustrie, sind weitgehend unabhängig von internationalen Warenströmen. Die wichtigsten Baustoffe stammen aus der Region. A

llerdings leiden vor allem die grenznahe Baustoffindustrie zunehmend auch an der Baustellenschließung in Österreich, Norditalien und Tschechien. Erst wenn die dortigen Regierungen die Bautätigkeiten wieder hochfahren lassen, erreicht die Nachfrage wieder Vorkrisenniveau. Auch die deutsche Bauwirtschaft ist auf den europäischen Binnenmarkt angewiesen.

Branchenanalyse Medien: Zwischen Sparzwang und Nachfragesog

Aufruf zu europäischer Solidarität

Mit einer außergewöhnlichen Kampagne werben zehn europäische Tageszeitungen für mehr Solidarität innerhalb der Europäischen Union. Anlass war das Zusammentreffen der EU-Finanzminister am 7. April. Der Appell richtet sich an die Regierungschefs und wurde unterzeichnet von Berliner Morgenpost (Deutschland), Braunschweiger Zeitung (Deutschland), Gazeta Wyborcza (Polen), Hamburger Abendblatt (Deutschland), Jutarnji List (Kroatien), Le Quotidien (Luxemburg), Le Soir (Belgien), Ouest-France (Frankreich), Público (Portugal) und Tageblatt (Luxemburg).

Nach Ansicht dieser bunt durchmischten Allianz von Printunternehmen habe die EU jetzt die historische Chance, eine gemeinsame Strategie in den Bereichen Wirtschaft und Gesundheit zu entwickeln. Dies sei dringend geboten, da kein Land für sich genommen imstande sei, der Corona-Krise die Stirn zu bieten.

Einsparungen und Kurzarbeit

Der Corona-Shutdown setzt auch der Medienbranche spürbar zu, vor allem da der Werbemarkt drastisch eingebrochen ist. Gemäß einer gemeinsamen Stellungnahme der Unternehmen der deutschen Kommunikationswirtschaft wurden für April und Mai rund die Hälfte der Media- und Werbeinvestitionen storniert.

Grund seien die umfassenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens sowie der Ausfall attraktiver Großveranstaltungen. Für das Gesamtjahr wird bislang erwartet, dass etwa 25 Prozent der Spendings wegbrechen werden.

Die Medienunternehmen reagieren mit umfangreichen Kostensenkungsprogrammen: Beispielsweise plant Der Spiegel Einsparungen von 10 Millionen Euro. Dabei werden auch personalpolitische Maßnahmen erwogen (Stopp von Neueinstellungen und Entfristungen, Einführung von Kurzarbeit in bestimmten Betriebsteilen).

Kurzarbeit angemeldet haben bereits die Funke Mediengruppe und die Südwestdeutsche Medienholding. Auch Die Zeit, Axel Springer, Gruner + Jahr sowie die Motorpresse Stuttgart prüfen dieses Instrument, um den Rückgang des Anzeigengeschäfts finanziell abzufedern.

Unerwartete Renaissance von Print und linearem TV

Paradox ist, wie unsere Branchenanalyse zeigt: Während der Werbemarkt schwächelt, floriert zugleich der Medienkonsum. In Krisenzeiten steigt offenkundig das Bedürfnis der Bevölkerung nach qualitativ hochwertiger Berichterstattung und Unterhaltung.

Für den Printmedienmarkt belegt dies eine außerplanmäßige Erhebung der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (Agma). Demnach ist seit März ein deutlich erhöhtes Leseaufkommen bei Zeitschriften und Zeitungen nachweisbar. Die Erhöhung der Reichweite beträgt bei Publikumszeitschriften durchschnittlich 25 Prozent und bei Tageszeitungen 10 Prozent.

Auch das Fernsehen verbucht einen positiven „Corona-Effekt“. Die Untersuchung der AGF-Videoforschung zeigt, dass derzeit deutlich mehr und intensiver ferngesehen wird. So liegt beispielsweise die Sehdauer um rund acht Prozent über dem Vorjahresmonat. Vor allem aktuelle Nachrichten sind das Motiv für die Rückkehr ins TV, das seit Jahren Nutzer an Streamingdienste verloren hat. Ein interessanter Befund ist, dass auch die jüngeren Generationen wieder vermehrt auf das lineare TV zurückgreifen. Im Vorjahresvergleich ist der höchste Zuwachs bei den 14- bis 19-Jährigen zu verzeichnen.

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