Branchenanalyse: Wie sich die Nachfrage von Verbrauchern und Unternehmen verändert

Branchenanalyse: Wie sich die Nachfrage von Verbrauchern und Unternehmen verändert

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Seit dieser Woche läuft die Wirtschaft langsam wieder an. Nun zeigt sich, ob der mehrwöchige Lockdown das Nachfrageverhalten von Unternehmen und Konsumenten bereits beeinflusst hat. Eine erste Erkenntnis: Die Deutschen sind offensichtlich sparsamer geworden. Die Branchenanalyse des Handelsblatt Research Institute geht der spannenden Frage nach, bei welchen Waren und Dienstleistungen die Corona-Krise zu dauerhaften Veränderungen der Nachfrage führen könnte.

Autoren der HRI-Branchenanalyse: Sabine Haupt, Frank Heide, Frank Christian May, Fabian Ritters, Thomas Schmitt, Jochen Wicher, Martin Wocher. Leitung: Barbara Bublik und Jörg Lichter. Grafik: Isabel Rösler (Stand: 24. April 2020)

Branchenanalyse des Handelsblatt Research Institute: Wie sich das Nachfrageverhalten von Verbrauchern und Unternehmen verändert

Inhaltsverzeichnis

Branchenanalyse Nachfrage im Einzelhandel

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Im Rückblick auf die Woche, in der für den deutschen Einzelhandel die bisherigen Corona-Beschränkungen teils gelockert wurden, lassen sich drei Erkenntnisse knapp protokollieren: Umsätze niedrig, Verwirrung groß, Masken bald Pflicht.

Umsätze niedrig

Die Lockerungen der geltenden Handelsbeschränkungen aufgrund des Covid-19-Virus kamen ab dem 20. April durchaus den Besucherzahlen des Non-Food-Handels zugute. Öffnen durften unter bestimmten Bedingungen etwa wieder Buchhandlungen, Kfz-Händler, Fahrradhändler, sowie bislang als nicht-systemrelevant eingestufte Geschäfte anderer Branchen mit weniger als 800 qm Verkaufsfläche bzw. entsprechender Flächenbegrenzung.

Allerdings blieben bundesweit die Umsätze niedrig. Der Einzelhandelsverband (HDE) nennt in seiner Branchenanalyse als Ursache für die Kaufzurückhaltung „sehr schlechte Konsumstimmung“ aufgrund von Jobverlust-Ängsten und Kurzarbeit in vielen Branchen. Die Bundesregierung rechnet im laufenden Jahr mit 2,35 Millionen Kurzarbeitern. Das ist deutlich mehr als die 1,14 Millionen im Jahr 2009 nach der Finanzkrise.

In ersten Reaktionen aus dem Bekleidungshandel hieß es diese Woche, dass man selbst bei einem vollen Geschäft gar nicht auf Vor-Corona-Umsätze komme könne. Denn größere Distanzen und geringere Personenzahlen auf der Verkaufsfläche würden nach wie vor zu den obligatorischen Schutzmaßnahmen zählen.

Verwirrung groß

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Zur Kaufzurückhaltung der Verbraucher trägt wohl auch die unüberschaubare Masse teils widersprüchlicher Regulierungen und Schutzmaßnahmen bei, die zum Beispiel weder auf Ebene der Bundesländer noch innerhalb einzelner Handelsbranchen einheitlich ist. Was etwa in Rheinland-Pfalz oder im Saarland erlaubt ist, das ist in Nordrhein-Westfalen (NRW) verboten – die Verkleinerung der Verkaufsfläche. Die Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof klagt derzeit gegen diese Regelung. Andererseits durften in NRW bereits Möbelhäuser öffnen, als einzigem aller Bundesländer. Der HDE kritisierte, Lockerungen von Ladenschließung an Betriebsgrößen, Verkaufsflächen oder Einzelhandelsbranchen festzumachen führe zu Wettbewerbsverzerrungen, Rechtsunsicherheit und kollektiver Verunsicherung.

Vor dem Hintergrund der im ersten Quartal verlorenen Umsätze flammte zudem im Nicht-Lebensmittelhandel die kontrovers geführte Diskussion um Sonntagsöffnungen im Einzelhandel erneut auf.

Masken bald Pflicht

Die Schutzmaskenpflicht, die ab dem 27. April in allen Bundesländern beim Einkaufen und im Öffentlichen Nahverkehr gelten wird, stellt den Einzelhandel vor neue Herausforderungen. Die Geschäfte müssen die Vorsichtsmaßnahmen aktiv und somit kostenrelevant begleiten, um etwa Einlass, Anzahl und Mundschutz der Kunden im Geschäft zu kontrollieren. Zudem sieht sich eine noch größere Anzahl an Unternehmen in der Pflicht, den Kunden die teils nur schwer zu beschaffenden Masken und Mittel zur Desinfektion als Service zur Verfügung zu stellen

Branchenanalyse Nachfrage im Gastgewerbe

Corona-Krise ändert Einkaufsverhalten, Ernährungsstil und Ausgehverhalten

Wie sich die Rahmenbedingungen für das Gastgewerbe verändert, beobachtet der Agrarökonom Professor Julian Voss von der PFH Göttingen. In seiner Branchenanalyse der Nachfrage von Konsumenten stellt er fest, dass die Corona-Krise bereits das Einkaufsverhalten bei Lebensmitteln und die Ernährungsstile beeinflusst. Er erwartet, dass die Konsumenten zukünftig verstärkt zu Hause kochen werden. Trends wie „Meal Prepping”, also das Vorkochen und der spätere Verzehr am Arbeitsplatz, würden weiter an Bedeutung gewinnen. Auf solche Trends müsste sich die Branche also einstellen, wenn sich die Prognose des Ökonomen bestätigen sollte.

Ökonomen wissen, dass eine Rezession in der Regel den Außer-Haus-Verzehr negativ beeinflusst, weil die Menschen dann vorsichtshalber Geld sparen wollen. Kochen zu Hause mit Freunden ist dann beliebter als der Besuch im Restaurant. Das weiß Voss, der auch zu Food-Management in der Corona-Krise forscht und eine Branchenanalyse erstellt.

Genuss mit digitalen Geschäftsmodellen

Bis viele Gastronomie-Betriebe das alte Umsatzniveau erreichen, könnte es also nicht nur Monate, sondern Jahre dauern. Denn durch die Corona-Krise könnte sich auch das Freizeitverhalten nachhaltig verändern. Künftig könnten aufgrund staatlicher Auflagen in vielen Dienstleistungsbetrieben Trennwände, Abstandsregeln und Einlassbeschränkungen zur Regel werden.

Denkbar wäre auch, den Zugang zu bestimmten Einrichtungen, wie etwa Restaurants, nur für jene zu lockern, die nachweisen, eine Handy-App zu nutzen oder bereit sind, ihre Kontaktdaten zu hinterlassen.

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Die Konsumenten erfahren überdies gerade, dass Genuss auch mit digitalen Geschäftsmodellen funktioniert. So boomen in der Corona-Krise virtuelle Tasting-Events, bei denen die Teilnehmer die Produkte per Versand erhalten und dann gemeinsam virtuell und real verkosten. „Der Klick-Boom von Koch-Videoclips im Internet ist ebenso ein Indikator dafür, dass Genuss von zu Hause mit Hilfe digitaler Tools an Bedeutung gewinnen wird“, sagt der Ökonom in seiner Branchenanalyse.

Branchenanalyse Nachfrage im Maschinenbau

Roboter arbeiten auch in der Corona-Krise  

Langsam fahren die ersten Maschinenbaubetriebe die Produktion wieder hoch. Mitarbeiter müssen sich an den Maschinen oder im Büro erst noch an die Abstands- und Desinfektionsregeln gewöhnen. Doch dies dürfte nur eine Frage von Tagen sein. Viel länger wird die Ungewissheit darüber anhalten, wie schnell und wie stark eine wirtschaftliche Erholung angesichts der tiefen weltweiten Rezession einsetzen wird. Denn der Maschinenbau ist stark abhängig von den Investitionen anderer Branchen wie beispielsweise der wichtigen Autoindustrie. Kommt diese nicht in Fahrt, bleiben die Auftragsbücher der Investitionsgüterindustrie leer. 

.Auch so wird noch reichlich Zeit verstreichen: So rechnen nach der jüngsten Umfrage des Branchenverbandes VDMA je ein Drittel der Unternehmen damit, dass sie 1 bis 3 Monate beziehungsweise 3 bis 6 Monate für eine Rückkehr zur Normalauslastung benötigen. Mehr als 20 Prozent gehen sogar von 6 bis 12 Monaten aus – eine weitere Lockerung der Pandemie-Maßnahmen immer vorausgesetzt.

Unabhängig davon dürfte die Corona-Krise drei grundsätzlichen Trends noch einmal einen zusätzlichen Schub verschaffen. Eine Verkürzung der Lieferketten, einer Verlagerung der Produktion in die Nähe der Absatzmärkte und eine verstärkte Automatisierung. Alle drei Entwicklungen dürften erhebliche Auswirkungen auf die Zahl hochwertiger Arbeitsplätze in Deutschland haben. Deren Dimension sind derzeit noch nicht absehbar, da sie sich über einen längeren Zeitraum erstrecken wird.

Keine Abstandsgebote

Naheliegend dürften die Vorteile eines verstärkten Robotereinsatzes in Zeiten einer Pandemie sein. „Der Roboter muss sich nicht an Abstandsgebote halten“, sagte Helmut Schmid, Deutschland- und Westeuropachef von Universal Robots, in einem Gespräch mit dem Handelsblatt. Kollaborative Roboter könnten direkt neben einem Menschen oder neben einem weiteren Roboter arbeiten. Aktuell seien viele Betriebe froh, mithilfe von Cobots und Leichtbaurobotern flexibel weiterproduzieren zu können. „Ich bin sicher, dass Automatisierung und Robotik nach Corona einen starken Boom erleben werden“, erwartet Schmid.

Zwar trifft die augenblickliche Investitionszurückhaltung auch die Roboterhersteller, der Stau – so die Hoffnung der Robotik- und Automatisierungsspezialisten – dürfte sich aber bald auflösen. Schon jetzt stehen nach Angaben des internationalen Robotikverbandes IFR gut 3 Millionen Industrieroboter in den Fertigungshallen dieser Welt – rund 450.000 weitere kommen jährlich dazu. Vor allem Cobots, die eng und ohne Schutzzaun mit menschlichen Kollegen oder anderen Klein-Robotern zusammenwerkeln dürfen, könnten vor dem Durchbruch stehen. Sie sind nicht nur für Konzerne wichtig, sondern aufgrund vergleichsweise günstiger Preise auch für Mittelständler und kleinere Firmen. Das geht mittlerweile auch über die reine Produktion in den Fabriken hinaus (siehe Grafik).

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Branchenanalyse des Handelsblatt Research Institute: Wie sich das Nachfrageverhalten von Verbrauchern und Unternehmen verändert

Einsatz im Dienstleistungssektor

Dank eingebetteter Intelligenz mit Systemen zur Sprach- und Bilderkennung übernehmen solch kollaborierende Roboter immer mehr Aufgaben im Haushalt oder als Dienstleister. So unterstützen sogenannte „kognitive Roboter“ beispielsweise Rettungskräfte bei Unfällen oder Katastrophenfällen, wenn der Einsatz für Menschen zu gefährlich wird. Solche Roboter sind dank der eigenständigen Interpretation von Informationen mit Hilfe von Formen Künstlicher Intelligenz in der Lage, in komplexen Umgebungen mit unvorhersehbaren Situationen umzugehen. 

Hohes Wachstumspotential in Krankenhäusern und Pflegeheimen

Auch wenn es derzeit erst einen überschaubaren Kreis von Anwendungen gibt, ist das Wachstumspotenzial im Servicesegment groß. Mit Künstlicher Intelligenz ausgestattete Chatbots übernehmen schon heute die Beantwortung von Fragen im Callcenter oder Messaging-Diensten, ohne dass der fragende Mensch es am Telefon oder Computer merkt. So rollen in China Kommunikationsroboter durch Pflegeheime und ermöglichen per Videokonferenz virtuelle Besuche der Verwandten.

Den Roboter „James“ hat das Start-up RobShare entwickelt, das zur deutschen Hahn-Gruppe gehört. Der Roboter besucht Menschen in Quarantäne und schaltet Familienmitglieder per Videokonferenz zusammen.   In zahlreichen Krankenhäusern sind bereits autonom fahrende Desinfektionsroboter in Betrieb.  Chinesische Hospitäler haben laut Branchenverband IFR 2 000 UVD Desinfektionsroboter des dänischen Herstellers Blue Ocean Robotics bestellt. Und das dürfte nur der Anfang sein.

Branchenanalyse Nachfrage in der Automobilbranche

Die Nachfrage nach Automobilen ist massiv eingebrochen

Vier Wochen stand die Produktion von Daimler stand still. Seit diesem Montag laufen die Bänder wieder, obwohl die Nachfrage eingebrochen ist, wie die aktuellen Zahlen des europäischen Herstellerverbands ACEA zeigen. So wurden im März in Europa 55 Prozent weniger Neuwagen verkauft als im Vorjahresmonat.

In den besonders stark vom Coronavirus betroffenen Ländern Italien (minus 85 Prozent), Spanien (minus 69 Prozent) und Frankreich (minus 72 Prozent) waren die Rückgänge besonders hoch. In Deutschland gingen die Neuzulassungen immerhin noch um 38 Prozent zurück.

Der Staat wird finanzielle Anreize zum Autokauf setzen müssen

Trotz der ökonomischen Lockerungsmaßnahmen wird die Nachfrage nach Automobilen sich nur sehr langsam wieder in die Richtung des Vorkrisenniveaus entwickeln. Viele Menschen haben durch Kurzarbeit oder Jobverlust weniger Geld zur Verfügung und werden den Kauf eines neuen Wagens daher in die Zukunft verschieben.

Der Staat kann den Absatz ankurbeln, indem er den Autokauf finanziell unterstützt. Vorbild könnte die schon 2009 erprobte sogenannte „Abwrackprämie“ sein.

Einführung und Ausgestaltung der Kaufprämie sorgen für große Diskussionen

Aufgrund der hohen Bedeutung der Automobilindustrie für die deutsche Volkswirtschaft kam die Forderung nach einer derartigen Kaufprämie sehr schnell auf. Gleichwohl kann man auch den Standpunkt vertreten, dass die Einführung nicht sinnvoll ist.

Denn die „Abwrackprämie“ des Jahres 2009 hat vor allem den Bestand an kleineren Autos ausländischer Hersteller erhöht, deutsche Unternehmen haben wenig profitiert (siehe Grafik). Aktuell bestehen schon finanzielle Erleichterungen beim Kauf eines Elektroautos.

Diese könnten ausgebaut werden. Das Problem: Deutsche Hersteller haben nur wenige technisch konkurrenzfähige und preislich erschwingliche Modelle im Angebot, sodass auch hier erneut die ausländischen Marken zu den Gewinnern gehören dürften (siehe Grafik).

Das Bild zeigt eine Studie "Masterplan 2030", die unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Bert Rürup, dem Macher von DER CHEFÖKONOM, entstanden ist. Anzeige
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Branchenanalyse Nachfrage in Transport und Logistik

Nachfrage auf vielfältige Weise betroffen

Von den Veränderungen der Produktion und der Nachfrage sind auch die Unternehmen der Transport- und Logistikbranche betroffen, insbesondere dann, wenn die Kunden über globale Lieferketten und Absatzmärkte verfügen. Die traditionellen Lieferketten dürften intensiv überprüft werden. In Zukunft zählen nicht mehr ausschließlich die Kosten, auch Aspekte der Risikominimierung und Reaktionsfähigkeit dürften eine wichtige Rolle spielen.

Globale Lieferketten werden risikoärmer und flexibler

Die Einschränkungen durch das Coronavirus haben die Störanfälligkeit der globalen Lieferketten und der „just-in-time“-Produktion aufgezeigt. Um dieses Risiko zu reduzieren, werden produzierende Unternehmen in Zukunft vermutlich wieder Lagerbestände aufbauen. Dies war zumindest in der Automobilbranche in den vergangenen Jahren nicht üblich. Außerdem wird die Produktion essenzieller Güter, zum Beispiel medizinischen Produkten wie Atemschutzmasken, in Teilen wieder in das eigene Land zurückgeholt werden.

In Branchen wie der Automobilindustrie, in denen eine Produktion vor Ort zwingend notwendig ist („local content-Bedingungen“), wird darüber hinaus versucht werden, das Risiko einer Störung regional zu verteilen. Die Produzenten werden sich bemühen, potenzielle alternative Bezugsquellen für alle Zulieferteile zu finden. Der „Ausfall“ einer Region würde sie dann nicht so hart treffen, da sie flexibler reagieren können als bisher.

Gesamtausmaß der Veränderung noch nicht seriös vorhersagbar

Die Lieferketten werden sich also verändern und damit auch die Nachfrage nach Transport- und Logistikdienstleistungen. Künftig dürften weniger internationale und verstärkt regionale Güterverkehrsleistungen nachgefragt werden. Dies sieht auch Klaus-Michael Kühne so. Das genaue Ausmaß lässt sich aktuell aber noch nicht prognostizieren.

Branchenanalyse Nachfrage nach Lebensmitteln

Trend zu Billigprodukten und regionalen Anbietern

In der Finanzkrise von 2008/09 häuften sich in Deutschland die Diabetesfälle. Dies könnte sich in der Corona-Krise wiederholen, denn Süßwaren sind heiß begehrt. In einer Verbraucherumfrage von Mediaplus gaben in der ersten Aprilwoche (14. Kalenderwoche) 83 Prozent der Befragten an, dass ihr Süßwarenkonsum sich erhöht habe oder zumindest konstant geblieben sei.

Langfristig kündigen sich tiefergehende Nachfrageverschiebung an. Seit der Krise versuchen viele Verbraucher, möglichst selten einzukaufen, achten bewusster auf Vorratshaltung, entdeckten das Kochen, Brotbacken und alte Hausrezepte neu. Das dürfte auch das künftige Kaufverhalten bestimmen. In den Corona-Krise-Umfragen der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) gaben immerhin 47 Prozent der Verbraucher an, auch künftig ihre privaten Vorräte häufiger aufzustocken.

Auch sind den Verbrauchern in der Krise verstärkt die Herstellungsbedingungen ihrer Lebensmittel bewusst geworden, daher dürften regional und nachhaltig hergestellte Produkte stärker nachgefragt werden.

Trend zu regionalen Produkten verstärkt sich

Die Konsumenten erfahren aktuell, wie abhängig Deutschland von ausländischen Saisonarbeitskräften und wie lang der Umweg einiger heimischer Produkte ist. So können norddeutschen Krabbenfischer ihren Fang derzeit nicht vermarkten, weil die Grenzen zu Marokko geschlossen sind. Denn Krabben werden heute nicht mehr in Deutschland, sondern jenseits des Mittelmeers gepult, um dann nach Deutschland zurückzukehren.

Die Krisenerfahrungen dürften auch erklären, warum in Verbraucherumfragen die sozialen Aspekte der Herstellung und das Thema Regionalität immer wichtiger werden. In der Wochenumfrage von Mediaplus wünschten sich Anfang April 56 (Vorwoche 49) Prozent der Verbraucher ein Sozialengagement der Markenhersteller. Auch das Thema Regionalität ist bei der Kaufentscheidung für 56 Prozent der Verbraucher ein wichtiges Kriterium (siehe Grafik Kaufkriterien).

Branchenanalyse des Handelsblatt Research Institute: Wie sich das Nachfrageverhalten von Verbrauchern und Unternehmen verändert

Verstärkte Nachfrage nach Bioprodukten

Die Verbraucherthemen Nachhaltigkeit und Regionalität werden insbesondere von Bioprodukten abgedeckt. Laut der BCG-Umfrage will jeder dritte Verbraucher in Zukunft verstärkt Bioprodukte nachfragen. Andere Umfragen bestätigen diese Entwicklung. Allerdings ist der Kauf nachhaltig hergestellten Lebensmitteln oder solchen aus der Region zumeist mit höheren Verbraucherpreisen verbunden. Die wirtschaftlichen Folgen des aktuellen Stillstands könnten diesem Trend zur Regionalität und Nachhaltigkeit jedoch zumindest kurzfristig entgegenwirken, verändern sinkende Einkommen doch die Ausgabenneigung der Verbraucher.

Der GfK-Konsumklimaindex, der die Konsumneigung der Privathaushalte abbildet, wird laut Prognose im Mai um 25,7 Punkte auf minus 23,4 Punkte abstürzen. Im Februar 2020 lag er noch bei 9,3 Punkten. Das wäre der stärkste je gemessene Einbruch und ein Rekordtief. Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) führt den Einbruch auf Einkommensverluste der Verbraucher und deren Sorgen vor Jobverlust zurück. Die schlechte Verbraucherstimmung dürfte auch erklären, warum der Preis als Kaufkriterium derzeit an Bedeutung gewinnt und Anfang April bereits 72 (Vorwoche 68) Prozent der Verbraucher beim Kauf besonders darauf achten (siehe Grafik oben).   

Branchenanalyse Nachfrage in Pharma- und Medizintechnik

Die Pharma- und die Medizintechnikindustrie sieht sich im Zuge der Corona-Krise zum Teil einer deutlich gestiegenen Nachfrage nach ihren Produkten gegenüber. Vor allem auf Beatmungsgeräte oder einzelne antivirale Medikamente, deren Wirksamkeitsprüfung gegen Covid-19 möglich erscheint, besteht seit Anfang der Krise ein regelrechter Run.

Aber auch im Einzelhandel macht sich die Corona-Krise für Branche bemerkbar. Wie das Statistische Bundesamt in dieser Woche mitteilte, legte der preisbereinigte Umsatz bei Apotheken bereits im Februar, und damit bevor die Corona-Krise Deutschland vollends erfasste, um 6 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. Zum Vergleich: Im Durchschnitt der letzten fünf Jahre lag die Änderungsrate bei lediglich 2,6 Prozent. Wie stark sich jedoch die Auswirkungen von Corona kurzfristig auf die Gesamtnachfrage in der Branche ausgewirkt hat, ist gegenwärtig noch nicht genau zu beziffern, da die amtlichen Konjunkturstatistiken bislang den Stand vor der Corona-Krise abbilden.

Verändertes Nachfrageverhalten langfristig möglich

Die Pharma- und Medizintechnikbranchen gelten als relativ konjunkturunabhängig, daher sollte der weltweite Konjunktureinbruch in Folge der Coronavirus-Pandemie die beiden Branchen von der Nachfrageseite vergleichsweise gering treffen.

Entscheidend dürfte sein, wie die sich die mittel- bis langfristigen Einflussfaktoren für die Branchen durch die Corona-Krise verändern. So könnte die Bevölkerung in Deutschland und in anderen Teilen der Welt generell eine höhere Nachfrage und Zahlungsbereitschaft für medizinische Produkte entwickeln. Zum anderen könnte der Staat auch längerfristig bereit sein, mehr in die medizinische Forschung zu investieren, beispielsweise in die Impfstoffentwicklung. 

Versorgungssicherheit rückt in den Fokus

Darüber hinaus verdeutlicht die Corona-Krise, wie wichtig die Versorgungssicherheit bei medizinischen Produkten gerade in Zeiten einer Pandemie ist. Die gegenwärtige Diskussion um die Funktionsfähigkeit der Lieferketten könnte zu einer Rückverlagerung von Produktionsstandorten nach Europa und auch Deutschland führen.

Dies ist jedoch mit erhöhten Produktionskosten verbunden, was entweder eine höhere Zahlungsbereitschaft der Kunden oder Subventionen braucht. Die Rückverlagerung der Produktion ist ein Weg, um die Versorgungsicherheit während einer Pandemie sicherzustellen. Den zweiten Weg zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie des ifo Instituts auf.

Die Wissenschaftler plädieren dafür, die Versorgungssicherheit mit medizinischen Gütern in Zukunft über eine verstärkte Bevorratung sicherzustellen, wie das beispielsweise bei der strategischen Ölreserve für die Energieversorgung der Fall ist.

So sei der Ansatz der Bevorratung gegenüber der autarken Versorgung vorzuziehen, „weil er die Produktionsstrukturen in Normalzeiten nicht verzerrt, freien Handel weiterhin gewährleistet und damit keine Effizienzverluste bewirkt“, wie die Autoren schreiben.

Branchenanalyse Nachfrage im Bau

Weg von Büro- und Handelsbauten

Die Baubranche ist bisher von der Corona-Krise vergleichsweise wenig getroffen worden. Nach den Ergebnissen des dritten Corona-Immobilien-Index hat sich die Lage auf den deutschen Baustellen sogar verbessert: Fast alle Baustellen laufen, die Probleme mit Personal- und Materialmangel haben sich bis zur vergangenen Woche (16. Kalenderwoche) sogar abgeschwächt.

In den frühen Stufen der Wertschöpfungskette zeichnen sich jedoch schon künftige Nachfrageverschiebungen ab. So gaben in einer Blitzumfrage des Verbands Deutscher Architekten- und Ingenieurvereine (DAI) ein Drittel der Befragten an, bereits Beeinträchtigungen durch die Corona-Krise zu spüren. 

Langfristig zeichnen sich vor allem im Hochbau deutliche Nachfrageverschiebungen an: Weg von Büros und Fabrikhallen, hin zu Logistikbauten und Wohnungen, heißt der Trend. Bereits im aktuellen Immobilienklima der Deutschen Hypo liegen nur noch Logistikbauten und Wohnungen im Plus. Der ungebrochene Wohnungsmangel vor allem im mittleren und günstigen Preisbereich dürfte die Nachfrage nach Wohnungsbauten auch weiterhin treiben.

Bei Bürobauten sinken die Erwartungen

Bei hochpreisigen Wohnungsprojekten dürfte allerdings der mit der sich abzeichnenden Wirtschaftskrise verbundene Kaufkraftverlust durchschlagen und die Nachfrage drücken. Die übrigen Gewerbebauten, wie Hotel-, Büro-, Fabrik- und Einzelhandelsimmobilien könnten zudem durch sich abzeichnenden Strukturverschiebungen in der Wirtschaft zurückgehen. Vor allem bei Bürobauten sind die Erwartungen im Immobilienklima der Deutschen Hypo derzeit abgestürzt. Das hängt auch damit zusammen, dass aktuell viele Unternehmen die Vorteile des Home Office entdecken und künftig ihre Büroplanung überdenken dürften.

Der Tiefbau könnte auch langfristig von der hohen Nachfrage nach Infrastrukturbauten profitieren. Allerdings ist es hier entscheidend, wie stark die Corona-Krise die künftige Finanzkraft der öffentlichen Auftraggeber schwächt und wie weit die geplanten Corona-Hilfspakete auch Infrastrukturprojekten zugutekommen.  

Branchenanalyse Nachfrage nach Medien

Lässt sich das Vertrauen halten – und auch monetarisieren?

Die Nachfrage nach Qualitätsmedien wächst in der Krise: Das Informationsbedürfnis ist so hoch wie nie. Die Daten der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) belegen, dass der Traffic auf Nachrichtenseiten im März 2020 zum Teil dreistellig gestiegen ist (siehe Grafik).

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Fraglich ist jedoch, ob dieses Bedürfnis nach journalistischer Berichterstattung langfristig ist und die Corona-Sondersituation überdauern wird. Und, noch wichtiger, ob die Verlage und Rundfunkanbieter Wege finden, die erhöhte Nachfrage zu monetarisieren. Wie wir im letzten Newsletter berichtet haben, brechen derzeit die Werbebudgets für Medienunternehmen weg.

Das Institut für Journalistik an der TU Dortmund sieht in der Corona-Krise gar eine Bedrohung für den unabhängigen Journalismus und damit für die „Infrastruktur der Demokratie“. Weil die wirtschaftliche Basis wegbreche, kündige sich ein „beispielloses Mediensterben“ an, das mit der Konzentration auf wenige sehr große Medienmarken verbunden sei. Am Ende könnten ganze Regionen ohne journalistische Berichterstattung dastehen.

Vor diesem Hintergrund fordert der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) ein staatliches Konjunkturprogramm, um der Werbe- und Medienbranche eine positive Perspektive für die Zeit nach der Corona-Krise zu eröffnen. Aufgrund unzureichender Kapitalreserven sei das Überleben vieler Unternehmen der vorwiegend mittelständisch geprägten Branche gefährdet.

Branchenanalyse Nachfrage nach Informations- und Kommunikationstechnologie

Wird die Zukunft digitaler – und europäischer?

Die herausragende Bedeutung der Digitalen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft zeigt sich in der aktuellen Corona-Krise. Home Office, Homeschooling und Homeshopping haben Hochkonjunktur. Ein hoher Digitalisierungsgrad verleiht Unternehmen einen klaren Wettbewerbsvorteil.

Dennoch belegt eine Befragung des Digitalverbands Bitkom, dass es in der Wirtschaft weiterhin Widerstand gegen digitale Innovationen gibt. So zeigen sich 18 Prozent der befragten Unternehmenslenker gegenüber technologischen Neuerungen eher zurückhaltend. Und 3 Prozent lehnen die zunehmende Technisierung sogar rundheraus ab: Sie würden neue technische Geräte oder digitale Dienstleistungen nur nutzen, wenn es sich nicht vermeiden ließe. Für die zukünftige Nachfrageentwicklung ist entscheidend, ob sich auch der Bodensatz an Skeptikern aufrütteln lässt.

Verringerung der Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern

Unter IT-Experten in Deutschland wird die Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern als zu hoch empfunden. Dies hat eine aktuelle Studie des Internetverbands eco ergeben. Rund jeder dritte IT-Verantwortliche beklagt die mangelnde europäische Datensouveränität. Dies könnte die zukünftige Nachfrage nach lokalen Rechenzentrums-, Datenverarbeitungs- und Clouddienstleistungen stärken.

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Ein Gedanke zu “Branchenanalyse: Wie sich die Nachfrage von Verbrauchern und Unternehmen verändert

  1. Ja es wird schlimm werden, aber warum tut man nicht auch einmal deutlich in vielen Medien einmal erklären wo und wie es doch wieder nach oben geht.
    warum tut nun die Industrie in Deutschland mal mehr selbst herstellen um unabhängiger werden zu können
    Wichtig wäre es auch mal richtig und deutlich nachzufragen wie und woher genau der Virus herkommt, denn die angeblichen Zahlen aus China stimmen garantiert nicht, da sollte man mindestens eine 0 hinten anstellen. Und die WHO ist dabei auch nicht gerade echt gewesen.
    Die Firmen müssen schnellstens mit den Bedingungen umgehen und damit auch den Betreib wieder irgendwie in Schwung bringen. Gut nicht bei allen ist es wirklich möglich.
    Die Öffnung der Schulen ist eine Gradwanderung genauso ist es mit den Kindergärten.
    Denn leider ist das Motto „Wie man es macht ist es verkehrt“ auch noch in der Runde.

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