Informations- und Kommunikationstechnologie: Krise als Chance

Informations- und Kommunikationstechnologie: Krise als Chance

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Wie nahezu alle Wirtschaftsbereiche sind auch weite Teile des Sektors „Informations- und Kommunikationstechnologie“ (IKT) aktuell von der Coronakrise betroffen. Dies dämpft das bisherige Wachstum der Digitalwirtschaft in Deutschland. Jedoch dürfte es sich dabei nur um eine vorübergehende Zäsur handeln, bevor die digitale Transformation wieder Fahrt aufnimmt – mit beschleunigtem Tempo. Denn digitale Lösungen erweisen sich als Stabilisator in der durch die Pandemie ausgelösten Sondersituation. Aus dieser könnte die IKT-Branche deshalb als Krisengewinner hervorgehen, wie die Branchenanalyse des Handelsblatt Research Institute zeigt.

Autoren: Sabine Haupt (Lebensmittel), Dr. Frank Christian May (Informations- und Kommunikationstechnologie) und Martin Wocher (Industrie). Grafik: Christina Wiesen.

Informations- und Kommunikationstechnologie erleichtert den Umgang mit dem Shutdown

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Telekommunikation, IT-Dienste und Datenverarbeitung sind Querschnittstechnologien, die in Unternehmen sämtlicher Branchen zum Einsatz kommen. Die Coronakrise verdeutlicht die herausragende Bedeutung der digitalen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft: Unternehmen und Haushalte, die mit der Digitalisierung schon weiter fortgeschritten sind, kommen mit der aktuellen Sondersituation relativ besser zurecht.

In Zeiten von Kontaktverboten, Ausgangsbeschränkungen und staatlich verordneten Geschäftsschließungen hat sich ein Großteil des täglichen Lebens in die Online-Welt verlagert. Die Leistungen der IKT-Branche helfen dabei, Arbeit, Konsum und Kontakte aufrecht zu erhalten. Darüber herrscht ein breiter gesellschaftlicher Konsens: So sind nach Angaben des Internetverbands eco über zwei Drittel der Bundesbürger der Auffassung, dass Deutschland ohne digitale Technologien noch stärker von den ökonomischen und sozialen Folgen der Pandemie getroffen würde.

Corona trübt die aktuelle Stimmung der Digitalbranche

Der Telekommunikationsmarkt zeigt traditionell nur eine geringe Abhängigkeit von der gesamtwirtschaftlichen Konjunktur. Demgegenüber reagiert die Nachfrage nach IT-Dienstleistungen und Datenverarbeitung tendenziell sensibler auf Schwankungen der allgemeinen Wirtschaftslage, da bei schwacher Konjunktur Unternehmenskunden in der Regel größere Investitionen zurückstellen. Folglich geht die  Coronakrise nicht spurlos an der IKT-Branche vorbei, wenngleich ihre einzelnen Segmente sehr unterschiedlich betroffen sind.

Informations- und Kommunikationstechnologie: Die Grafik zeigt den Einbruch des Geschäftsklimas

Während die allgemeine Branchenstimmung zu Jahresbeginn 2020 noch gut war, stellte nach Angaben des Digitalverbands Bitkom bereits im März rund jedes dritte Mitgliedsunternehmen einen Nachfragerückgang fest. Die Folge war ein drastischer Absturz des zusammen mit dem Ifo-Institut ermittelten Geschäftsklimaindex der Digitalwirtschaft. Dieser hat sich im April nochmals verschlechtert: Nach minus 3,8 Punkten im Vormonat sank der Gesamtwert um weitere 14,9 Zähler. Der derzeitige Rückgang von 18,7 Punkten markiert den Negativrekord seit Beginn der Erhebung im Jahr 2006. Zwar bewerten IKT-Unternehmen die aktuelle Geschäftslage weiterhin als befriedigend (0,9 Punkte), jedoch blicken sie zunehmend pessimistisch in die Zukunft (minus 36,3 Punkte).

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Entsprechend erwarten rund drei Viertel der Befragten, dass ihre Umsätze im laufenden Jahr infolge der Corona-Krise geringer ausfallen werden als geplant. Von den Unternehmen, die mit Einbußen rechnen, gehen allerdings fast zwei Drittel (62 Prozent) davon aus, dass sich diese bereits im laufenden Jahr vollständig (acht Prozent) oder zumindest teilweise (54 Prozent) aufholen lassen. Eine Minderheit von acht Prozent hofft sogar auf Umsatzzuwächse.

Ein ähnliches Meinungsbild zeigt eine Studie der Digitalfachmesse DMEXCO. Von 527 befragten Entscheidungsträgern der Digitalwirtschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz geben 62 Prozent an, dass die Corona-Pandemie aktuell negative oder eher negative wirtschaftliche Folgen hat. Ihnen steht ein Anteil von 14 Prozent gegenüber, der bereits jetzt positive Effekte verzeichnet.

Veränderung des Nutzungsverhaltens: Kurzfristige Ausweichreaktion oder nachhaltiger Präferenzwandel?

Der Ausbruch der Covid-19-Pandemie und die politischen Maßnahmen zu ihrer Eindämmung haben die Internetnutzung schlagartig erhöht. Transformationsprozesse, die bislang auf die lange Bank geschoben wurden, bekommen plötzlich Priorität und die Verlagerung von Tätigkeiten in die virtuelle Welt wird forciert. So haben viele Unternehmen in den vergangenen Monaten aus ihrer Sicht Neuland beschritten – auch gegen interne Widerstände.

Bereits vor der Coronakrise wurde digitalen Technologien eine hohe Zukunftsrelevanz zugeschrieben, jedoch war die Investitionsbereitschaft in vielen Bereichen der Wirtschaft eher zögerlich. Beispielsweise beabsichtigte gemäß einer Untersuchung des Digitalverbands Bitkom zu Jahresanfang nur jedes vierte befragte Unternehmen, in die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle zu investieren. Dies entsprach in etwa dem Anteil der Unternehmen, die im Vorjahr derartige Investitionen getätigt und für 2020 keine Anschlussprojekte geplant hatten. Für 14 Prozent der Befragten waren Digitalisierungsmaßnahmen überhaupt kein Thema.

Homeoffice: Akzeptanz steigt

Um die Ausbreitung von Covid-19 in Deutschland aufzuhalten, lassen viele Firmen ihre Angestellten seit dem Ausbruch der Pandemie von Zuhause aus arbeiten. Laut einer vom Digitalverband Bitkom initiierten Umfrage unter mehr als 1.000 Bundesbürgern bleibt fast jeder zweite Berufstätige (49 Prozent) ganz oder teilweise im Homeoffice.

Eine etwas geringere Verbreitung von mobiler Arbeit ermittelt die umfangreiche Corona-Studie der Universität Mannheim, die auf einer wöchentlichen Befragung von rund 3.600 Teilnehmern des German Internet Panels beruht. Demnach lag der Anteil der Arbeitnehmer, die Homeoffice nutzen, am 17. Mai 2020 bei gut 25 Prozent. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch der Internetverband eco: In einer Umfrage unter 2.500 Personen gibt rund jeder vierte Deutsche an, derzeit verstärkt im Homeoffice zu arbeiten.

Langfristig dürfte diese praktische Erfahrung die Einstellung der Arbeitnehmer und Arbeitgeber gegenüber mobilen Arbeitsformen verändern. So erwarten 85 Prozent der Digitalentscheider in Deutschland, Österreich und der Schweiz, dass die Akzeptanz von Homeoffice gegenüber der Situation vor Corona steigt.

Videokonferenzen: Reisen stehen auf dem Prüfstand

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Homeoffice wird unter anderem durch die verstärkte Nutzung von Kommunikations- und Kollaborationsanwendungen möglich. Nach Angaben des Internetknotens DE-CIX hat sich die Anzahl der Videokonferenzen im März verglichen mit der Ausgangslage vor der Bedrohung durch Covid-19 verdoppelt.

Mehr als zwei Drittel der von DMEXCO befragten deutschsprachigen Experten schätzt, dass der Einsatz von Kooperationsanwendungen und virtuellen Konferenzen auch nach der Pandemie weiter an Bedeutung gewinnen wird. Ob persönliche Anwesenheit tatsächlich einen Mehrwert bietet, der den Aufwand von Zeit und Geld rechtfertigt, muss bewusster als zuvor für jeden Einzelfall abgewogen werden. Dies steigert die Effizienz der Arbeitsabläufe. Perspektivisch geht somit die Reisetätigkeit zugunsten von Online-Konferenzen und -Meetings zurück.

Verlagerung von Konsum- und Freizeitaktivitäten ins Internet: Learning-by-Doing erhöht die Digitalkompetenz

In einer Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts Civey für den eco-Verband gaben über 20 Prozent der 2.500 Befragten an, seit der Krise häufiger online einzukaufen als zuvor. Sofern lokale Einzelhändler ihre Waren im Internet anbieten, kaufen zwei Drittel der Kunden bei ihnen ein, um die Geschäfte in ihrer Region zu unterstützen. Dies ergab eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom zur Ermittlung der veränderten Kaufgewohnheiten.

Wer digital ist, gewinnt: Auch Einzelhändler und Restaurants ohne vorherige Erfahrung im E-Commerce haben infolge der Geschäftsschließungen versucht, ihre Umsatzausfälle zu kompensieren, indem sie Bestellungen per E-Mail oder Messagingdienste entgegengenommen, sich einer bestehenden Lieferplattform angeschlossen und/oder einen eigenen Onlineshop eingerichtet haben.

Viele Menschen verlagern zudem ihre Freizeitaktivitäten ins Internet oder greifen intensiver auf bereits zuvor genutzte Dienste zurück: Von digitaler Weiterbildung und Online-Sportkursen über Online-Games und Online-Dating bis hin zum Streaming von Filmen oder Live-Kulturveranstaltungen (Konzerte, Theateraufführungen).

Wichtige Voraussetzung für die effiziente Nutzung digitaler Möglichkeiten ist neben der technischen Ausstattung (funktionsfähige Hardware, hinreichende Bandbreite des Internetanschlusses, Zugang zu Kommunikations- und Kollaborationsanwendungen) auch die persönliche Digitalkompetenz. Der zum Teil unfreiwillige „Crashkurs“ im Umgang mit digitalen Arbeitsprozessen, Einkäufen und/oder Medienangeboten dürfte nachhaltige Gewöhnungseffekte haben.

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Digitale Infrastrukturen halten dem Ansturm stand

Weltweite Cloudnutzung

Die weltweiten Ausgaben für Cloud-Infrastrukturdienstleistungen erreichten im ersten Quartal 2020 aufgrund von Corona ein neues Rekordhoch, wie die Analysten von Canalys ermittelten. Im Vergleich zum Vorjahresquartal stiegen sie um 34,5 Prozent auf 31 Milliarden US-Dollar. Grund war vor allem die verstärkte Nutzung von Homeoffice, der Rückgriff auf Kollaborationsanwendungen sowie der Anstieg von E-Commerce. Hier werden Clouddienste von Unternehmen oftmals genutzt, um kurzfristige Lastspitzen abzufedern. Von dieser Entwicklung profitieren vor allem die großen Cloudanbieter Amazon, Microsoft, Google und Alibaba, auf die rund 62 Prozent des Weltmarktes entfallen.

Informations- und Kommunikationstechnologie: Die Grafik zeigt die Umsätze mit Cloud

Netze und Rechenzentren in Deutschland

Der allgemeine Datenverkehr ist um durchschnittlich 10 Prozent gestiegen, verteilt sich dabei jedoch gleichmäßiger über den Tag. Online-Gaming hat um 30 Prozent zugelegt, der auf Videokonferenzen zurückzuführende Traffic sogar um 120 Prozent.

Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums ist der Bundesnetzagentur bislang keine Netzüberlastung infolge der Covid-19-Pandemie bekannt geworden. Wahrgenommene Störungen bei bestimmten Diensten können entweder an unzureichenden Datenübertragungsraten des gebuchten (oder verfügbaren) Internetanschlusses oder an unterdimensionierten Serverkapazitäten des Diensteanbieters liegen. Eine unabhängige Untersuchung der Zeitschrift Connect zur Qualität des Festnetzes in der Ausnahmezeit kommt ebenfalls zu dem Fazit, dass praktisch alle Dienste hinsichtlich ihrer Qualität stabil bleiben.

Nicht nur die Telekommunikationsnetze, sondern auch die Rechenzentren zeigen sich der Situation gewachsen, weil sie ausreichend Überschusskapazität bereithalten. Beispielsweise sind die Kapazitäten am weltgrößten Internetknoten DE-CIX in Frankfurt trotz des spürbaren Anstiegs des Datenverkehrs nur zu knapp zwei Dritteln ausgelastet.

Entwicklungsperspektiven der IKT-Branche

Mittelfristig könnte die Coronakrise der digitalen Transformation eine neue Dynamik verleihen. Sie hat die Bedeutung aktueller Branchentrends offengelegt. Neben der Digitalisierung von Prozessen und dem Austausch veralteter IT zählt dazu beispielsweise das Cloudcomputing, das einen ortsunabhängigen Zugriff auf Daten ermöglicht.

Aber auch die Versäumnisse der Vergangenheit treten mit aller Deutlichkeit zutage. So lag nach Angaben des FTTH-Council Europe die Glasfaserdurchdringung in Deutschland, gemessen am Anteil der Haushalte mit einem geschalteten Glasfaseranschluss, im dritten Quartal 2019 bei 3,3 Prozent – und damit weit unter dem EU-Durchschnitt (17,1 Prozent). Nur Österreich, Serbien und Großbritannien erreichten noch geringere Werte. Bei der Beurteilung dieser Diagnose muss jedoch beachtet werden, dass Telekommunikationsfirmen vor der Krise oftmals auf Vermarktungsschwierigkeiten gestoßen sind: Weil sich viele Nutzer mit geringeren Bandbreiten zu günstigeren Tarifen zufriedengegeben haben, wurde 2019 nur ein Drittel der tatsächlich verfügbaren Glasfaseranschlüsse hierzulande nachgefragt.

Informations- und Kommunikationstechnologie: Die Grafik zeigt Inanspruchnahme von Glasfaser

Mit der gestiegenen Internetnutzung und dem Einsatz datenintensiver Anwendungen wie Videokonferenzen und Videostreaming steigt möglicherweise auch die Zahlungsbereitschaft für Internetanschlüsse mit hohen Bitraten. Beispielsweise vermeldet die Deutsche Telekom 83.000 neue Breitbandkunden im ersten Quartal 2020. Dieser Bewusstseinswandel könnte langfristig dem Ausbau der Anschlussnetze mit Glasfaser wichtige Wachstumsimpulse geben.

Über zwei Drittel der deutschsprachigen DMEXCO-Studienteilnehmer sind der Ansicht, dass die derzeitige gesamtwirtschaftliche Ausnahmesituation Chancen für die IKT-Branche bietet und letztlich das Tempo der Digitalisierung beschleunigen wird. Ob diese Sonderkonjunktur auch den IKT-Mittelstand und nicht nur die „Global Player“ begünstigt, erscheint jedoch keineswegs sicher. So gehen 42 Prozent der Digitalunternehmer davon aus, dass die Branche insgesamt profitiert, während sich jeder Fünfte pessimistisch zeigt und langfristig negative Folgen befürchtet. Ein Viertel der Entscheidungsträger rechnet mit einem Konsolidierungsprozess, aus dem letztlich die Marktführer gestärkt hervorgehen.

In ihrer Marktstudie prognostizieren der Internetverband eco und die Unternehmensberatung Arthur D. Little einen temporären Umsatzrückgang der Digitalwirtschaft um 1,2 Prozent im Jahr 2020. Die negativen Folgen der Covid-19-Pandemie könnten jedoch bis Ende 2022 vollständig kompensiert sein. Auf den kurzfristigen Einbruch folgt demnach ein rascher Aufholprozess. Bis 2025 wird ein Anstieg der durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate der IKT-Branche auf 9,5 Prozent erwartet. Zu den Gewinnern zählen neben Clouddienstleistern und Festnetzanbietern auch Anwendungen in den Bereichen E-Learning, E-Health und E-Publishing.

Beispiel: Industrie geht bei Digitalisierung voran

Für die deutsche Industrie ist die Digitalisierung ihrer Produktion und Prozesse schon seit Jahren gelebte Wirklichkeit: Nur dank digitaler Plattformen und Zwillinge, der Vernetzung von Mensch und Maschine sowie einer weitgehenden Automatisierung mit dem Einsatz von Robotern und vermehrt auch Künstlicher Intelligenz stehen Maschinen- und Fahrzeugbauer, Elektroindustrie und Medizintechnik weit vorn im weltweiten Wettbewerb. Mittlerweile nutzen fast sechs von zehn Betriebe mit mehr als 100 Mitarbeitern laut einer aktuellen Umfrage des Digitalverbandes Bitkom spezielle Anwendungen aus dem Bereich Industrie 4.0. Vor zwei Jahren seien es weniger als die Hälfte gewesen. Damit hebt sich die Industrie wohltuend von anderen Sektoren in Deutschland ab, deren digitaler Rückstand die Coronakrise schmerzhaft offengelegt hat – seien es fehlende Glasfaseranschlüsse oder die unzureichende Ausstattung von Verwaltung oder Schulen mit Wlan und Laptops.

Das Bild zeigt eine Studie "Masterplan 2030", die unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Bert Rürup, dem Macher von DER CHEFÖKONOM, entstanden ist. Anzeige

Vorrang für digitale Geschäftsmodelle

Experten sind sich einig, dass die Coronakrise dem Auf- und Ausbau digitaler Netzwerke in der Industrie einen weiteren Schub verleihen wird. Viele Manager haben gesehen, wie schnell sie mit Hilfe von Beschaffungsplattformen den Ausfall von Lieferanten kompensieren konnten und wie neue digitale Geschäftsmodelle wie Pay-per-use oder die Vorausschauende Wartung auch dann noch Einnahmen fließen lassen, wenn die physische Lieferung von Maschinen wegen plötzlicher Grenzschließungen nicht mehr möglich ist. „Je digitaler die Industrieunternehmen aufgestellt sind, desto schneller werden sie sich von den Folgen des Shutdowns erholen“, schließt daraus Bitkom-Präsident Achim Berg. Und die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young (EY) ergänzt: „Ein weiteres Ergebnis der aktuellen Krise wird die Erkenntnis sein, dass die digitale Transformation noch viel zügiger umgesetzt werden muss. Ohne ein funktionierendes digitales Geschäftsmodell wird es zukünftig nicht mehr gehen“, lautet das Fazit einer Studie unter weltweit 2.900 Entscheidern in überwiegend großen Unternehmen, davon 145 aus Deutschland.

Doch so überzeugend die Argumente für die Digitalisierung in Krisenzeiten auch sind – die wirtschaftliche Talfahrt birgt auch Gefahren: So beklagen drei Viertel der Firmen in der Bitkom-Befragung die hohen Investitionskosten im Zusammenhang mit Industrie-4.0-Anwendungen. Laut Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC ist die Bereitschaft der deutschen Maschinenbauer, in neue Technologien zu investieren, in Coronazeiten im Vergleich zum Vorjahr schon gesunken – zugunsten höherer Ausgaben für Marketing und Vertrieb.

Beispiel: E-Commerce mit Lebensmitteln erhält Zulauf

Vor der Coronakrise war der Onlinehandel für die Lebensmittelbranche ein Nischengeschäft, beschränkt auf wenige haltbare Lebensmittelspezialitäten wie Feinkost und Wein: Einige Supermärkte, die in Onlinelieferdienste für frische Lebensmittel eingestiegen waren, gaben wegen des logistischen Aufwands schnell auf. Jetzt hat die Angst vor der Ansteckung mit dem Virus den Online-Handel mit Lebensmitteln beflügelt, auch frisches Gemüse oder Wurst werden immer mehr im Internet bestellt. Die Zahl der Online-Shopper verdoppelte sich bereits. Eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom ermittelte im April 2020, dass 30 Prozent der deutschen Verbraucher Lebensmittel wie Joghurt, Obst oder Gemüse im Netz bestellten. Und der Trend dürfte sich verstärken. Diesen Schluss lassen ähnliche Studien des Instituts für Handelsforschung (IFH) Köln oder des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel (bevh) zu. So wächst das Lebensmittelonline-Geschäft seit der Coronakrise von Monat zu Monat, im April lag es nach Angaben des bevh schon um 127 Prozent über dem Vorjahresmonat. Zum Vergleich: Zuvor brauchte der Onlinehandel mit Lebensmitteln mehr als fünf Jahr um sich zu verdoppeln.

In der Corona-Krise ist ein Hauptmotiv für den schnellen Umstellung auf digitale Bestellwege das Unbehagen der Verbraucher in stationären Super- oder Bauernmärkten. 65 Prozent der Befragten gaben in der Bitkom-Umfrage ein mulmiges Gefühl zu Protokoll. Seit Mai dürfte auch das Masken-Tragen viele Verbraucher abschrecken. Drei Viertel monierten bereits im April, dass sich zu viele Menschen nicht an die gebotenen Abstands- und Hygienevorschriften halten würden.

Dieser Schritt in die Digitalisierung dürfte kaum noch umzukehren sein. „Viele Menschen, die jetzt umgestiegen sind, können die Vorteile des Online-Einkaufs jetzt unmittelbar erleben und werden sich daran auch langfristig gewöhnen,“ sagt Bitkom-Geschäftsführer Bernhard Rohleder.

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