Medienkonsum steigt in der Krise auf Höchststand

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Branchenanalyse: Schlachthöfe, Seidenstraße, Kaufprämie und Medienkonsum im Fokus

Die Wirtschaft nimmt nach den Stilllegungen und Schließungen der vergangenen beiden Monate langsam wieder Fahrt auf. Die Folgen der Corona-Pandemie haben strukturelle Schwächen und Versäumnisse in einzelnen Branchen offengelegt, die nun durch staatliche Finanzhilfen sowie Reformen auf dem Gebiet des Arbeits- und Sozialrechts angegangen werden, wie die Analysten des Handelsblatt Research Institutes zeigen.

Autoren: Sabine Haupt, Frank Christian May, Jochen Wicher 

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Grafik: Christina Wiesen

Transport- und Logistikbranche: Immer mehr Verkehr auf der „Seidenstraße“

Die chinesische Wirtschaft war als erste von dem Ausbruch der Corona-Pandemie betroffen, da das Virus in diesem Land seinen Ursprung hatte. Diese Vorläuferrolle im Vergleich zum Rest der Welt sorgt nun dafür, dass China bereits Ende März die Produktion wieder langsam anlaufen lassen konnte. Daher werden mittlerweile wieder Güter von China nach Europa versendet. Insbesondere die Luftfracht hat aufgrund der kurzen Transportzeit einen hohen Nachfrageanstieg verzeichnet.

Seit Ende April erreichen auch Züge aus Wuhan wieder den Duisburger Binnenhafen. Die sogenannte „Eiserne Seidenstraße“ hat damit wieder geöffnet. Parallel dazu werden vermehrt auch Lkw über die Seidenstraße nach Europa geschickt, um die Lieferrückstände abzubauen. Der Straßentransport ist zwar teurer als der Transport über die Schiene, dafür aber auch deutlich flexibler. Auf der “Maritimen Seidenstraße”, dem Seeweg von Asien nach Afrika und Europa, baut der chinesische Staatskonzern Cosco den Hafen von Piräus immer weiter aus. Er ist mittlerweile der größte Containerhafen im Mittelmeer und die Corona-Krise hat sich dort bislang kaum bemerkbar gemacht.

Automobilzulieferer: Unternehmen hoffen auf Kaufprämie

Bereits in Vor-Corona-Zeiten haben sich die Automobilzulieferer in einer herausfordernden Situation befunden. Die Digitalisierung und die zunehmende Bedeutung der Elektromobilität haben einen fundamentalen Transformationsprozess der Branche in Gang gesetzt. Nun sind zudem die Aufträge eingebrochen, da die Hersteller einige Wochen lang gar nicht produziert haben und die Produktion nur langsam wieder hochfahren.

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Sollte die Nachfrage nach Autos nicht bald wieder spürbar ansteigen und damit auch die Aufträge für die Zulieferer, wäre ein massiver Stellenabbau die Folge. Entsprechend hofft die Autoindustrie auf die Einführung staatlicher Kaufhilfen Anfang Juni. In einem Interview mit dem Handelsblatt bestätigte der geschäftsführende Gesellschafter der Kirchhoff-Gruppe, dass es ohne eine solche Prämie zu Entlassungen kommen wird.

Schaeffler hat hingegen schon auf die Coronakrise reagiert und baut mehr Stellen ab als bereits ohnehin geplant. Und auch andere Zulieferer versuchen aktuell ihre Liquiditätsposition zu stärken. Continental hat zum Beispiel zwei Anleihen emittiert und damit 1,5 Milliarden Euro eingenommen.

Medien: Große Unsicherheit trotz großem Zulauf

Die für die Medienbranche guten Nachrichten vorweg: Seit Beginn der Corona-Krise bewegt sich der Medienkonsum in Deutschland auf einem Höchststand. Bei der Befriedigung der Informations- und Unterhaltungsbedürfnisse nehmen die Medien eine herausragende Stellung ein, denn aufgrund von Ausgangsbeschränkungen, Kurzarbeit und Homeoffice spielt sich das Leben vorwiegend in den eigenen vier Wänden ab. Eine Studie der Unternehmensberatung Deloitte von Ende März 2020 dokumentiert die unmittelbare Reaktion der Bevölkerung auf den Shutdown: Demnach sind sowohl die Zahl der täglichen Nutzer als auch die Nutzungsintensität von Medien deutlich angestiegen.

Infografik zum Medienkonsum: Wie sich die Coronakrise auswirkt

Jedoch sind die einzelnen Mediengattungen von dieser Sonderkonjunktur sehr unterschiedlich betroffen. Vor allem das lineare Free-TV, das zuletzt Zuschauer in allen Alterssegmenten verloren hatte, fand in der Krise zu alter Stärke zurück: Während vor Februar 2020 nur 67 Prozent der Deutschen täglich fernsahen, kletterte dieser Anteil im März auf 76 Prozent. Auch Mediatheken, Video-on-Demand-Dienste oder Radiosender partizipieren am Nachfrageanstieg. Demgegenüber hat die Zahl der täglichen Nutzer von gedruckten Zeitungen leicht abgenommen, was auf die Schließung von Vertriebsstellen sowie das veränderte Ausgangs- und Einkaufsverhalten zurückgeführt werden kann.

Obwohl die Beschränkungen des öffentlichen Lebens nach und nach gelockert werden, setzt sich der erhöhte Medienkonsum fort, wie der wöchentliche „Media Corona Monitor“ des Agenturnetzwerks Havas zeigt. Dabei könnte die aktuelle Sondersituation zu einer nachhaltigen Veränderung des Konsumverhaltens führen. Beispielsweise geben 53 Prozent der 14- bis 29-Jährigen an, dass Medien für sie heute wichtiger sind als vor dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie, wobei 49 Prozent dieser Altersgruppe erwarten, dass dieser Effekt auch langfristig anhalten wird. Jedoch setzen auch erste Sättigungseffekte ein, denn der Konsum von Nachrichten zum Thema Corona verliert gegenüber Unterhaltungs- und Zerstreuungsmotiven an Bedeutung.

Im Vergleich zu anderen Branchen scheinen die Medien somit Krisengewinner zu sein. Bei genauerem Hinsehen zeigt dieses Bild jedoch deutliche Risse: Hauptrisikofaktor für das Geschäftsmodell der meisten Medienhäuser ist der massive Einbruch des Werbemarktes. Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Nielsen haben werbetreibende Unternehmen in Deutschland ihre Brutto-Spendings im April 2020 um 21,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgefahren, nach minus 5,9 Prozent im Vormonat. Dabei standen die Zeichen noch auf Wachstum, bevor Corona in Deutschland angekommen war (Januar und Februar: plus 3,2 bzw. 3,0 Prozent).

Von der Werberezession waren im April alle Marktsegmente betroffen, vom Fernsehen (minus 21,9 Prozent) über Zeitungen (minus 16,8 Prozent) und Publikumszeitschriften (minus 12,0 Prozent) bis hin zum Hörfunk (minus 42,1 Prozent). Somit folgen die Werbeeinnahmen nicht der Aufmerksamkeit des Publikums. Dies dürfte langfristig zu einem stärkeren Fokus der Medienunternehmen auf Verkaufserlöse führen, denn Bezahlinhalte erweisen sich in der Corona-Krise als stabilisierender Faktor.

Lebensmittelindustrie: Schlachthöfe im Blickfeld

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Die Edeka-Tochter Fleischhof Rasting zeigt, wie die Fleischwirtschaft ab dem Jahr 2021 arbeiten soll: Die 940 Mitarbeiter in den Fleischbetrieben sind fest angestellt und werden nach Tarif bezahlt. osteuropäische Lohnarbeiter, Werksverträge. Zeitarbeit und Leiharbeit gibt es seit einem Strategieschwenk vor zehn Jahren nicht mehr. Dennoch erwirtschaftet der Fleischkonzern ein Betriebsergebnis von 9,6 Millionen Euro, knapp zwei Prozent des Umsatzes und damit eine Marge, die ungefähr dem Durchschnitt der Branche entspricht.  

Die westdeutsche Einzelhandelstochter Rasting gehört mit ihren 530 Millionen Euro Jahresumsatz  nicht zu den ganz Großen der Branche. Die Fleischwirtschaft ist zwar mittelständisch geprägt, aber nur zehn große Schlachtkonzerne schlachten rund 80 Prozent der deutschen Schweine und beschäftigen einen Großteil der Mitarbeiter über Werkverträge. Dazu gehören Westfleisch und Vion, bei denen sich in den vergangenen Wochen einzelne Schlachthöfe zu Hotspots der Corona-Krise entwickelt haben.

Zuletzt traf es einen grenznahen niederländischen Vion-Schlachthof in Groenlo, in dem sich fast 150 Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert hatten. Mehr als die Hälfte davon lebt in deutschen Sammelunterkünfte. Diese Gemeinschaftsunterkünfte, in denen vor allem Arbeiter aus Osteuropa dicht aufeinander wohnen, haben sich zum Infektionsherd entwickelt. Nach der harten Arbeit des Schlachtens und Fleischzerlegens leben zumeist sechs Arbeitskräfte in einer kleinen Wohnung, haben dabei kaum Chancen, Abstandsregeln einzuhalten, geschweige denn, sich auszukurieren.

Diese Konstellation sollen künftig die Eckpunkte des „Arbeitsschutzprogramms für die Fleischwirtschaft“ verhindern, die das Bundeskabinett in der vergangenen Woche verabschiedet hat. Sie sehen vor allem ein Verbot von Werkverträgen und Leiharbeit ab 2021 vor sowie stärkere Kontrollen und höhere Bußgelder. Die Fleischindustrie fühlt sich davon diskriminiert. Die mit dem Verbot der Werkverträge einhergehende Kostensteigerung führe dazu, dass die deutsche Fleischwirtschaft international nicht mehr wettbewerbsfähig sei, klagt der Verband der Fleischwirtschaft (VDF). Bisher hat sich die größte Subbranche der Ernährungswirtschaft allerdings allein durch ihre starke Konzentration und Diversifikationen in alle Richtungen durchaus als wettbewerbsfähig erwiesen.

Die neuen Regeln dürften eine Automatisierung der Schlachthöfe beschleunigen. Das könnte den Konzentrationsprozess in der Branche noch weiter verstärken. Allerdings haben auch kleinere Schlachtereien, die sich Automatisierung und Digitalisierung der Produktion nicht leisten können, durchaus noch Marktchancen: Eine Spezialisierung auf Fleisch von Tieren, bei deren Aufzucht Tierwohlkriterien beachtet wurden, die biologisch oder antibiotikafrei gefüttert wurden, bedienen einen wichtigen Nachfragetrend. Und das kleinteilige Fleischhandwerk soll ohnehin von den neuen Regeln ausgenommen werden. 

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