Vermögensverteilung: Wer hat, dem wird gegeben

Vermögensverteilung: Wer hat, dem wird gegeben

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Die Vermögensverteilung ist in den entwickelteten Gesellschaften seit 150 Jahren ungleicher geworden, wie der französische Ökonom Thomas Piketty zeigen konnte. Als Ursachen lassen sich hierfür ökonomische Theorien festmachen. Eine Analyse von Prof. Dr. Bert Rürup

„Wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ So steht es im Matthäusevangelium. Und glaubt man dem Ökonomie-Bestseller des Jahres, „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, hat sich daran bis heute nichts geändert: Die Ungleichheit der Einkommens- oder Vermögensverteilung nimmt im Kapitalismus stetig zu, meint der französische Ökonom Thomas Piketty herausgefunden zu haben.

Ungleiche Vermögensverteilung und Marktwirtschaft

Die Nähe des Titels zum knapp 150 Jahre früher erschienenen „Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie“ von Karl Marx ist sicher kein Zufall. Genau wie Marx ist Piketty der festen Überzeugung, er habe die Formel des Kapitalismus gefunden. Während aber Marx einen tendenziellen Rückgang der Profitrate voraussah, glaubt Piketty aufgrund seiner eindrucksvoll-umfangreichen empirischen Forschungsarbeit, einen strukturellen Vorsprung der Gewinne vor der Lohnentwicklung herausgefunden zu haben. Daher hätten alle marktwirtschaftlichen Wirtschaftssysteme, vulgo der Kapitalismus, eine innewohnende Tendenz zu einer wachsenden Einkommens- und Vermögensungleichheit.

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Die Resonanz auf das Buch ist erstaunlich. Selbst im keynesianischen Lager reicht das Spektrum von „nobelpreiswürdige Leistung“ (Paul Krugman) bis „sich selbst ins Knie geschossen“ (Peter Bofinger). Und während die Süddeutsche Zeitung von einem „brillanten Buch mit einzigartiger Tiefenschärfe“ schrieb, meinte der Rezensent der„Zeit“, dass selten ein Buch so überschätzt worden sei.

Die Reichen werden immer reicher?

Pikettys bislang einmalige Dokumentation und Aufbereitung der Einkommens- und Vermögensentwicklung der wichtigsten kapitalistischen Länder der Welt für den Zeitraum von 1700 bis 2010 wird durchweg gelobt. Was scharf kritisiert wird, ist seine Weltformel für die Entwicklung der kapitalistischen Welt, nach der die Kapitaleinkommen im Durchschnitt dreimal so schnell wachsen wie die Lohneinkommen – also die Reichen immer reicher werden.

Aber auch wenn Pikettys „Gesetz“, nachdem die Kapitalrendite (r) im Regelfall deutlich größer als das Wachstum der Wirtschaft und damit der Löhne (g) ist, anhand seiner eigenen Zahlen für viele Länder widerlegt werden kann, hat Pikettys Theorie dennoch das Potenzial, die Realität zu verändern.

Ökonomische Theorie und Vermögensverteilung

Um dies zu begründen ist ein kleiner wissenschaftstheoretischer Exkurs erforderlich: Charakteristisch für alle Wissenschaften ist das systematische Streben nach neuen Erkenntnissen. Bei den Formalwissenschaften wie der Logik, der Mathematik oder Informatik, also Disziplinen, deren Objekte in der Realität nicht existieren, lässt sich die Gültigkeit einer Aussage nur mit den Gesetzen der Logik überprüfen, und der Erkenntnisstand lässt sich nur durch logische Verknüpfungen vorantreiben.

Wissenschaftliche Disziplinen und ihre Ziele

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Bei den Realwissenschaften, den Naturwissenschaften sowie den Kultur-und Sozialwissenschaften, handelt es sich dagegen um Aussagensysteme, deren Erkenntnisobjekte tatsächlich existierende raumzeitliche Systeme oder Phänomene sind. Bei diesen Wissenschaften kommt zur logischen Stimmigkeit der Aussagen die empirische Überprüfung, der sogenannte Falsifikationstest, hinzu.

Neben dieser Gemeinsamkeit aller Realwissenschaften, der Überprüfung von Hypothesen an der Realität, besteht allerdings zwischen den Naturwissenschaften und den Sozialwissenschaften im Allgemeinen wie der Ökonomie im Besonderen ein wichtiger Unterschied. Die Phänomene und Beobachtungen, die ein Naturwissenschaftler erklären will, können niemals vom Paradigma, dem theoretischen Vorverständnis eines Forschers beeinflusst werden. Der Lauf der Gestirne wird dadurch nicht verändert, ob der analysierende Beobachter dem kopernikanischen, newtonschen oder einsteinschen Weltbild anhängt.

Genau das aber ist durch die Ökonomie möglich.

Ökonomische Denkschulen verändern die Realität

Im 19. Jahrhundert setzten sich die Laissez-faire-Ideen von Adam Smith und Jean Baptiste Say in den Köpfen der Politik fest. Die institutionellen Rahmenbedingungen des Wirtschaftens wurden liberalisiert. Und die Wirtschaft funktionierte nicht mehr nach den Regeln des Merkantilismus, sondern nach den Gesetzen des freien Marktes. Eine Theorie hatte die wirtschaftliche Realität verändert.

Keynesianismus

Die dem Börsenkrach von 1929 nachfolgende Weltwirtschaftskrise brachte in den 1930er Jahren das damals herrschende marktliberale Paradigma ins Wanken. Es wurde abgelöst von der zeitgleich entwickelten keynesianische Theorie. In Deutschland trat in den 1960er Jahren an die Stelle der Ludwig Erhard‘sche Politik des Maßhaltens die Globalsteuerung, und die Schuldenfinanzierung wurde zur Norm.

Chicagoer Schule und Liberalisierung

Diese nachfrageorientierte Theorie versagte dann bei der Bekämpfung der angebotsseitigen Schocks durch die Ölkrisen der 1970er Jahre und an ihre Stelle trat das federführend von Milton Friedman entwickelte und propagierte neoliberale Paradigma der Chicagoer Schule. Die Folgen: Die Finanzmärkte wurden liberalisiert, die Arbeitsmärkte flexibilisiert und hohe sozialstaatliche Standards wurden ebenso wie die Einkommens- und Vermögenssteuern im Interesse wachstumsfreundlicher Rahmenbedingungen gesenkt. Die wirtschaftliche Realität änderte sich mit der Verbreitung dieser auf Liberalisierung und Deregulierung, kurzum möglichst freie Märkte, setzenden ökonomischen Sichtweise.

Dieses auf eine Deregulierung möglichst aller Märkte setzende Paradigma zerbrach dann in der Finanzkrise des Jahres 2007/8. Die in allen Makro-Modellen unterstellten Annahmen, dass alle Marktteilnehmer immer alle verfügbaren Informationen rational verarbeiten und es so etwas wie ein Marktversagen nicht geben könnte, wurde von der Realität widerlegt. Der Markt hatte die durch faule US-Immobilienkredite ausgelöste Finanzkrise nicht kommen sehen. Ebenso pumpten die angeblich allwissenden Märkte immer mehr Kapital nach Griechenland, ohne die faktische Zahlungsunfähigkeit des Landes zu realisieren.

Auseinandersetzung dreht sich letztenendes immer um Vermögensverteilung

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Seitdem ist die Ökonomie auf der – bislang wenig erfolgreichen Suche – nach neuen theoretischen und wirtschaftspolitischen Paradigmen. Wieder einmal ändert sich die Wirklichkeit, weil sich die Sicht vieler Ökonomen auf die Realität geändert hat.

Der liberale österreichische Ökonom Ludwig von Mises schrieb im Jahr 1940: „Die Auseinandersetzung über die Probleme der Gesellschaftsordnung wurde und wird nie anders geführt als mit dem Gedankengut nationalökonomischer Theorien.“ Und für eine solche die Realität verändernde Kraft einer ökonomischen Theorie kommt es nicht zwingend darauf an, ob sie richtig ist – wie die gesellschaftliche Wirkmächtigkeit der Lehre von Karl Marx beweist.

Gleichere Vermögensverteilung gefordert

Die Tatsache, dass die Oppositionsparteien und auch Teile der SPD Pikettys These heranziehen, um den vom Bundesverfassungsgericht eingeforderten Umbau der Erbschaftsteuer möglichst verteilungsintensiv zu gestalten, kann nicht sonderlich überraschen. Überraschender ist, dass der Internationale Währungsfondsund die OECD, zwei einflussreiche internationale Organisationen, die bisher eher orthodoxe und wenig umverteilungsfreundliche Positionen vertraten, seit einiger Zeit für mehr Umverteilung zugunsten der ärmeren Bevölkerungsschichten plädieren. Denn empirischen Untersuchungen hätten gezeigt, dass eine sich öffnende Einkommensschere zu Wachstumsverlusten führen würde.

Dies zeigt: Der verteilungspolitische Zeitgeist ist im Wandel begriffen. Deshalb dürfte Pikettys These von der wachsenden Ungleichheit die Politik in vielen Ländern auch dann noch beeinflussen, wenn sein Buch nicht mehr auf den Bestsellerlisten steht und bereits in den Bibliotheken verstaubt.

Der Chefökonom

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