Die Pest und ihre Folgen bis in die Gegenwart

Die Pest und ihre Folgen bis in die Gegenwart

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Frühkapitalismus, Leibeigenschaft und eine Seuche

Ein Drittel der Menschen starb ab 1347 bei mehreren Pestwellen. Die Mehrheit der Überlebenden litt danach unter sinkenden Nahrungsmittelpreisen. Ein Zehntel der Bevölkerung erlebte dagegen in den Städten eine Blütezeit.

Eine Analyse von PD Dr. Jörg Lichter

Die Coronavirus-Pandemie wird zum Hoffnungsträger oder Schreckgespenst für die künftige ökonomische und soziale Entwicklung in Deutschland. Die Optimisten sehen eine solidarischere Gesellschaft am Horizont, die Pessimisten befürchten den wirtschaftlichen Niedergang insbesondere zulasten der Mittelschichten.

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Ob die Covid-19-Seuche tatsächlich so tiefgreifende gesellschaftliche und politische Veränderungen auslösen wird, ist noch nicht absehbar, aber auch nicht auszuschließen. Die letzte große Seuche, die in Deutschland fundamentale strukturelle Veränderungen auslöste und die politische Entwicklung bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs prägte, war die Pestepidemie im ausgehenden Mittelalter von 1347 bis 1350.

Die durch Ratten und Flöhe übertragene Beulenpest stammte aus Ostasien und breitete sich über Kaspische Meer, das Schwarze Meer und das Mittelmeer in ganz Europa aus. Nach Tirol und Bayern kam diese Krankheit 1348. Im Jahr 1349 erreichte sie Wien, in Danzig grassierte sie 1350. Weitere Pestzüge in Deutschland gab es in den Jahren 1357 bis 62, 1370 bis 76 sowie 1380 bis 83.

Die Pest und ihre Folgen bis in die Gegenwart
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Die Bevölkerungszahl sank von 14 Millionen im Jahr 1340 um rund ein Drittel. Erst im 16. Jahrhundert wurde die 14-Millionen-Marke wieder erreicht. Die Anzahl der Siedlungen in Deutschland ging um 40.000 Dörfer und Kleinstädte zurück, d.h. mehr als 20 Prozent dieser Kommunen wurden infolge der Bevölkerungsverluste verlassen und später nicht wieder besiedelt. Die höchsten Todesraten aber waren aufgrund der unzulänglichen hygienischen Verhältnisse in den dichter bebauten Städten zu verzeichnen.

 Das Faktorproportionenverhältnis veränderte sich radikal. Es gibt Auskunft über die Kombination und den mengenmäßigen Einsatz der drei Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital bei der Produktion von Gütern. Bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts war der Produktionsfaktor Arbeit, sprich Arbeitskräfte, im Überfluss vorhanden, Boden sowie Investitionsgelder waren demgegenüber knapp. Nun wurde Arbeit zum Mangelfaktor, während Boden und Geld- sowie Sachkapital im Überfluss vorhanden waren. Bei einem Bevölkerungsverlust von einem Drittel erhöhte sich die Pro-Kopf-Ausstattung der Erwerbsbevölkerung mit Boden und Kapital im Durchschnitt um etwa 50 Prozent.

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Die konjunkturellen Auswirkungen, sprich die wirtschaftlichen Folgen unterschiedlich guter Ernten, waren in Stadt und Land höchst differenziert. Die Getreidepreise – Roggen und Gerste waren vor dem Aufkommen der Kartoffel im 18. Jahrhundert die wichtigsten Grundnahrungsmittel – sanken aufgrund der veränderten Relation zwischen Agrarproduktion und zu ernährender Bevölkerung deutlich und verharrten bis etwa 1470 auf einem niedrigen Niveau.

Denn die Ernteerträge sanken nicht im gleichen Maße wie die Bevölkerungszahl. Die Gründe dafür waren zum einen, dass nur noch die überdurchschnittlich ertragreichen Böden bewirtschaftet wurden. Zum anderen wurden Kleinbauern und „Landarme“ von den Feudalherren als Vollbauern eingesetzt. Sie bewirtschafteten mit ihren Familien nun deutlich größere Äcker als vor den Pestzügen.

Die sinkenden Getreidepreise konnten nur teilweise durch höhere Einnahmen aus Fleischverkäufen kompensiert werden, obwohl der Fleischkonsum von 60 bis 70 Kilogramm pro Jahr und Kopf auf rund 100 Kilogramm anstieg. Insgesamt blieb die Einkommenssituation der Landwirtschaft bis weit ins 15. Jahrhundert angespannt. Wirtschaftshistoriker sprechen von der spätmittelalterlichen Agrarkrise.

Die Bauern befanden sich – mit wenigen Ausnahmen – bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts in einer deutlich ausgeprägten ökonomischen und rechtlichen Abhängigkeit von ihren Feudalherren – dem Adel oder der Kirche. Ihre wirtschaftliche Lage während der Agrarkrise hing davon ab, ob die von ihnen zu erbringenden Abgaben in Naturalien oder in Geld zu leisten waren.

Im ersten Fall blieben sie unverändert. Im zweiten Fall stieg die Belastung, da die Bauern bei einem sinkenden Agrarpreisniveau größere Mengen Getreide oder Fleisch produzieren und verkaufen mussten. Bestanden die Feudallasten der Bauern aus Diensten, also der Arbeit auf dem Feld des Grundherrn, änderte sich nichts. Die Feudalherren wiederum profitierten von Geldabgaben und litten am gesunkenen Marktwert der Naturalabgaben.

Die Gewinner der Pest

Die Einwohner der Städte und insbesondere das städtische Gewerbe, das Handwerk, waren der eigentliche Nutznießer der sinkenden Lebensmittelpreise des 15. Jahrhunderts. Wilhelm Abel spricht von einem „Goldenen Zeitalter der Handwerker“, die in diesen Jahren nach der Pest von steigenden Realeinkommen profitierten.

Den Stadtbewohnern blieb nun ein größerer Teil des Einkommens für den Verbrauch jenseits der Lebensmittelausgaben übrig – also der Ausgabenkategorie, die den größten Anteil an den Ausgaben eines Privathaushalts hatte. Die Löhne der Handwerksgesellen stiegen aufgrund der Arbeitskräfteknappheit sogar noch stärker als die Preise für gewerbliche Produkte. Verordnungen über Höchstlöhne und Gesellenproteste dagegen waren an der Tagesordnung.

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Das Handwerk produzierte im Regelfall lediglich für den städtischen Bedarf und nur in größeren Städten mit einem umfangreichen Gewerbe auch für den überregionalen oder den Fernhandel. In Lübeck, Köln, Magdeburg, Frankfurt am Main, Basel oder Augsburg wuchs eine neue Gruppe von Kaufleuten heran – die Fernhändler. Diese vereinten sowohl Absatz als auch Beschaffung von großen Warenmengen in ihrer Hand. Die bekanntesten Namen sind die Fugger und Welser aus Augsburg. Hans Fugger, der Stammvater des späteren Handelshauses, zog bezeichnenderweise 1367 vom Land nach Augsburg, um dort als Weber zu arbeiten.

Ein Grund für das Aufblühen des Fernhandels war die erhebliche Vermögenskonzentration in den Städten, entweder bei legitimen Erben oder durch die Aneignung herrenloser Geld- und Edelmetallbestände. Diese Akkumulation von Finanzkapital dürfte eine nicht zu unterschätzende Voraussetzung bei der Entwicklung des „Frühkapitalismus“ gewesen sein, bei dem im Gegensatz zum Industriekapitalismus des 19. Jahrhunderts, das Umlaufkapital der Groß- und Fernhändler eine wichtigere Rolle spielte im Vergleich zum Anlage- oder Sachkapital.

Historiker sehen eine „Blütezeit der Städte“ im 15. Jahrhundert. Um die gesamtwirtschaftliche Bedeutung richtig einzuordnen, ist es wichtig zu wissen, dass in den rund 3.000 Städten – von denen nur 150 mehr als 1.000 Einwohner hatten – lediglich 10 bis 15 Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes lebten. Die große Mehrheit der Bevölkerung lebte auf dem Land und von der Landwirtschaft.

Die Verlierer der Pest

Diese gesamtwirtschaftlichen Folgen des durch die Pest bedingten Bevölkerungsrückgangs schwanden ab dem Ende des 15. Jahrhunderts. Langfristige, weitreichendere Folgen hatten allerdings die strukturellen Veränderungen in der Landwirtschaft, insbesondere im Bereich der Agrarverfassung. „Seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert“, schreibt der Wirtschaftshistoriker Friedrich-Wilhelm Henning, „kam es unter dem Einfluss der Bevölkerungsverminderung zu grundsätzlich unterschiedlichen Entwicklungen in Ost- und Westdeutschland“.

In Westdeutschland, d.h. in dem Gebiet westlich der Elbe, verbesserte sich die ökonomische und rechtliche Lage der Bauern spürbar. Die persönliche Abhängigkeit wandelte sich zu einer symbolischen jährlichen Zahlung. Die übrigen Feudallasten wurden geringer – zumindest soweit es die Naturalabgaben betraf. Die Höfe wurden dagegen durch Zusammenlegungen größer, und die Besitzrechte verbesserten sich. An die Stelle der zeitlich befristeten Überlassung des Bodens zur Bewirtschaftung – zum Beispiel auf Lebenszeit – trat das Erbrecht. Der Hof konnte nun ohne Zustimmung des Feudalherrn vererbt werden.

Der Versuch von Adel und Kirche, die finanziellen Belastungen der Landbevölkerung zu erhöhen, um die eigene Einkommensposition zu sichern, scheiterte. Denn die größere Anzahl von gewerbereichen Städten in Westdeutschland begünstigte eine Abwanderung, d.h. die Flucht der Bauern. Die Städte lockten mit hohen Löhnen und persönlicher Freiheit. Dort galt der Grundsatz: „Stadtluft macht frei“.

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Durch den Aufenthalt in der Stadt für einen bestimmten Zeitraum, im Normalfall ein Jahr und ein Tag („Jahr und Tag“), erlangte ein entlaufender Bauer die persönliche Freiheit. Wollte der Leibherr innerhalb dieses Zeitraums diesen geflüchteten Bauern zurückfordern, musste er vor ein städtischen Gericht. Dieses war nach den starken Bevölkerungsverlusten daran interessiert, neue Einwohner zu halten. Der Beweis von dessen Abhängigkeit war also schwierig. Mangels schriftlicher Zeugnisse war dies nur durch persönliche Zeugen möglich.

Dazu kam, dass der Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft infolge der Pest im Westen nicht so groß war wie in Ostdeutschland. Es gab immer noch ein Reservoir klein- und unterbäuerlicher Schichten, die nun zu Vollbauern werden konnten. Verschärfte Freizügigkeitsbeschränkungen waren nicht nur sinnlos, sondern auch überflüssig.

In Ostdeutschland, d.h. im Gebiet östlich von Elbe und Saale, stellte sich die Lage grundsätzlich anders dar. Die Region war erst in den vergangenen beiden Jahrhunderten kolonialisiert worden. Die Bevölkerungsdichte in Brandenburg, Pommern, Schlesien, Preußen und Mecklenburg war wesentlich geringer als in Westdeutschland. Kleinbauern und Landarme gab es dort fast nicht. Die Bevölkerungsverluste wogen daher schwerer. Auch war die Städtedichte in den Ostgebieten geringer, was eine Abwanderung der Bauern erschwerte.

Diese Faktoren begünstigten die Entwicklung der „Gutsherrschaft“. Charakteristisch war die größer gewordene Eigenwirtschaft des Feudalherrn, der als Folge der Pest nicht bewirtschaftetes Land seinem Betrieb zugeschlagen hatte (Heimfallrecht). Das Gut wies eine weitgehende territoriale Geschlossenheit auf. Die Flurstücke waren also nicht – wie in den westlichen Gebieten – über eine weite Fläche verstreut und zerstückelt, sondern arrondiert. Und der Gutsherr vereinigte in Personalunion die Funktionen als Grundherr, Leibherr und Gerichtsherr seiner abhängigen Bauern. Damit waren alle feudalen Rechte an den Bauern auf eine Person konzentriert. Und als Gerichtsherr für die niedere Gerichtsbarkeit nahm er zudem staatliche Funktionen wahr.

Der Aufstieg der Junker

Diese Machtkonzentration, die es in Westdeutschland nicht gab, sowie der Mangel an Arbeitskräften führte zu einer Verschärfung der Freizügigkeitsbeschränkungen im Osten. Musste der Bauer im ausgehenden 14. Jahrhundert nur einen Ersatzmann stellen, wenn er das Gut verlassen wollte, benötigte er im 15. Jahrhundert bereits zusätzlich die ausdrückliche Erlaubnis, nämlich einen „Freibrief“. Die Bauern dieser Güter wurden im Verlauf des 15. und 16. Jahrhunderts zu Leibeigenen, was die preußische Geschichtsschreibung zur „Gutsuntertänigkeit“ umdichtete. Erst infolge der Bauernbefreiung zu Beginn des 19. Jahrhunderts verbesserte sich die rechtliche Situation der Bauern.

Die Gutsherrschaft war eine entscheidende Ursache für die unterschiedliche politische, soziale und ökonomische Entwicklung westlich und östlich der Elbe in den folgenden Jahrhunderten. Mit ihr begann der Aufstieg der ostelbischen Adligen, die sich seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert auf den wirtschaftlich attraktiven Getreideexport konzentrierten und die gewerbliche Entwicklung vernachlässigten.

Die „Junker“ bildeten bis zum Ende des 18. Jahrhunderts das ökonomische und politische Rückgrat des preußischen Staats. Noch im 19. Jahrhundert, als ihre wirtschaftliche Bedeutung im Zuge der Industrialisierung schwand, gelang es ihnen, die politische Macht in Preußen und nach 1871 auch im Deutschen Kaiserreich in ihren Händen zu behalten. Selbst die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg konnte ihre Position nur vorübergehend erschüttern.

Als politischer Machtfaktor dankte der ostelbische Adel erst nach 1945 ab, also 600 Jahre nach der Pest.

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